Alexander Kratochvil

15. 2. 2013

02_ Alexander_Kratochvil_FotoDr. phil. Alexander Kratochvil

ist derzeit J.E. Purkyně Fellow an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag und führt dort ein Forschungsprojekt zu Trauma und Erinnerungskultur in den (ost)mitteleuropäischen Literaturen durch. Von 1987 bis 1993 studierte er Slawistik, Ethnologie und Germanistik an den Universitäten München, Freiburg, Brno (Tschechien) und L’viv (Lemberg, Ukraine). Seine jüngste Monographie Aufbruch und Rückkehr. Ukrainische und tschechische Prosa im Zeichen der Postmoderne erschien 2013 in Berlin (Kadmos). Zwischen 2005 und 2009 organisierte und leitete er das Greifswalder Ukrainicum. Darüber hinaus forscht Alexander Kratochvil im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen der Integration“ an der Universität Konstanz, erfüllt Lehraufträge zur ukrainischen Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin und übersetzt ukrainische und tschechische Literatur ins Deutsche. Unter anderem erschien 2010 im Droschl-Verlag seine Übersetzung von Oksana Zabužkos Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“.

Wie war ihr Werdegang zum Übersetzer und warum ist es Ihnen ein Anliegen, aus dem Ukrainischen ins Deutsche zu übersetzen?

Begonnen habe ich mit Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche während meiner Zeit an der Universität Pilsen. Dort waren es vor allem Fachübersetzungen, aber gemeinsam mit einem Kollegen übersetzte ich auch ein damals in Tschechien populäres Theaterstück sowie Essays und journalistische Texte für deutschsprachige Printmedien in Tschechien. Als ich dann 2000 als Assistent an den einzigen Ukrainistik-Lehrstuhl (Prof. Mokienko) in Deutschland an der Universität Greifswald kam, begann ich im Rahmen der Greifswalder Ukrainistik und der Sommerschule Greifswalder Ukrainicum ukrainische Autoren einzuladen. Diesen Programmpunkt, Schriftsteller einzuladen und ukrainische Literatur zu präsentieren, habe ich dann auch während meiner Zeit als Leiter des Greifswalder Ukrainicums bis 2009 beibehalten. Als erste Autoren kamen Andrej Kurkov und Jurij Andruchovyč nach Greifswald. Während ihres Aufenthalts in Greifswald wurde natürlich auch über die fehlenden Übersetzungen aus dem Ukrainischen ins Deutsche gesprochen und über Möglichkeiten, wie man diese unbefriedigende Situation ändern könne.

Eine andere Inspirationsquelle war die Tätigkeit von Frau Horbatsch, die ebenfalls regelmäßig zum Ukrainicum kam und ihre Übersetzungen aus dem Ukrainischen vorstellte, die sie im Eigenverlag „Brodina” publizierte. Und nicht zuletzt waren es verschiedene Initiativen, die seit Anfang der 2000er Jahre unternommen wurden, um die Ukraine und ihre Kultur und Politik bekannt zu machen, so unter anderem durch die Robert Bosch Stiftung und das LCB Berlin. Diese Initiativen brachten an der Ukraine Interessierte zusammen und hatten einen gewissen Synergieeffekt, der weitere Einzelaktivitäten unterstützte. So waren es also verschiedene Faktoren, die zu jener Zeit zusammen spielten und das Interesse für die ukrainische Literatur und Kultur förderten. Dies führte unter anderem auch zu den ersten Übersetzungen bei Suhrkamp.

Welche Autoren haben Sie übersetzt, welche davon besonders gern und warum?

Unter anderem Jurij Andruchovyč, Larysa Denysenko, Irena Karpa, Serhij Žadan und Oksana Zabužko. Die meisten Texte habe ich von Zabužko übersetzt, darunter auch ihren umfangreichen Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“. Von den anderen Autoren habe ich zumeist Essays oder Erzählungen übertragen. Am meisten bin ich jedoch mit Zabužkos Texten vertraut, deren Prosa und Essays in thematischer und stilistischer Hinsicht sehr vielfältig sind. Das ist ein Moment, das mich am Werk von Zabužko fasziniert: Mit ihrer Themenwahl ist sie meist ziemlich aktuell und versteht es zugleich, durch die Art der ästhetischen Umsetzung diese Themen in Zeitlose zu wandeln, ihre Verflechtungen mit der Vergangenheit und ihre Bedeutung für die Zukunft aufzuzeigen.

Das Interesse an der ukrainischen Literatur wächst, wenn politische Ereignisse wie die Orange Revolution oder Großveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft 2012 den Blick auf die Ukraine lenken. Inwiefern beeinflussen solche Ereignisse Ihre Arbeit und die Auswahl der Bücher, die Sie übersetzen?

Solche Ereignisse sind willkommene Anlässe, um die Aufmerksamkeit auf die ukrainische Literatur zu lenken. Wenn Zeit und Mittel es erlauben, sollte man diese Anlässe nutzen. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Übersetzerverein „Translit” haben wir so die Fußball-EM 2012 als Aufhänger für den Erzählband „Wodka für den Torwart” genutzt, um elf ukrainische Fußballerzählungen zusammenzustellen und zu übersetzen.

Insgesamt sind aber eher Texte für Übersetzungen interessant, die in ihrer Gestaltung und mit ihrem ästhetischen Anspruch solche engen, zeitbezogenen Anlässe in größere kulturelle, historische und soziale Kontexte einbetten, so wie Andruchovyčs, Žadans oder Zabužkos Romane.

Spielen Bilder und Stereotype über die Ukraine eine Rolle für die Auswahl Ihrer Übersetzungsstrategien? Versuchen Sie, an Erwartungen und Wissen der Leser anzuknüpfen?

Ein übersetzter Text ist eine Interpretation durch den Übersetzer. Durch diese Übersetzerinterpretation des Werkes wird die Aufnahme in bestimmte Bahnen gelenkt. Die Übersetzung kann dabei existierende Bilder und Stereotype bedienen und sie muss auch zu einem gewissen Grad an vorhandenes Wissen der Leser anknüpfen, mit diesem Wissen arbeiten. Spezifisches Wissen, Bilder und Stereotype über die Ukraine spielen bei den deutschsprachigen Lesern aber eine untergeordnete Rolle, da kaum Wissen und allseitig präsente Bilder über die Ukraine bekannt sind. Ich denke, dass Bilder und Stereotype über die Ukraine nur dann für eine Übersetzungsstrategie wichtig werden, wenn der Originaltext diese Bilder expliziert und man dann als Übersetzer die Möglichkeit bekommt, die Darstellung und Aufnahme der Bilder zu thematisieren – das muss aber, wie schon gesagt, das Original ermöglichen.

Welche Schwierigkeiten tauchen beim Übersetzen aus dem Ukrainischen ins Deutsche immer wieder auf? Gibt es Dinge, sei es sprachlicher oder kultureller Art, die Sie für nicht vermittelbar halten?

Grundsätzlich halte ich alle grundlegenden Dinge einer Kultur für übersetzbar oder vermittelbar, denn alle Sprachen können alles Menschliche prinzipiell wiedergeben. Es gibt natürlich spezielle kulturelle Phänomene, die sich auf historische oder soziale Gegebenheiten beziehen und dadurch eine zusätzliche Erläuterung etwa in Form eines Glossars benötigen; Glossare und andere Erklärungstechniken finden sich allerdings auch in Originalwerken, weswegen Leserinstruktionen nichts Ungewöhnliches sind. Ein spezielles Problem sprachlicher Umsetzung und Übersetzung stellen Gedichte dar. Prinzipiell wird die Übersetzung in sprachlicher Hinsicht komplexer, je mehr die Sprachstruktur, Assoziations- und Wortfelder in diachroner und synchroner Hinsicht implizit im Original mitschwingen.

Es heißt mitunter, literarisches Übersetzen könne man nicht erlernen. Welche Dinge kann man erlernen und was muss man Ihrer Meinung nach „von Haus aus“ mitbringen?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man Übersetzen, auch das literarische Übersetzen, lernen kann. Ich habe an verschiedenen Übersetzer-Workshops teilgenommen, die ich alle sehr hilfreich für meine Tätigkeit empfand. Unter anderem verdeutlichen diese Übersetzer-Workshops, dass man sehr sorgfältig und aufmerksam bei der Textproduktion vorgehen sollte. Mit der Sorgfalt bei der Textproduktion geht auch die Schulung des Blicks für die Vielfalt und Tiefe bei der Text-Rezeption einher und letztlich kann man lernen, Übersetzungen einzuschätzen und zu beurteilen, d.h. Schwächen und Stärken eines Textes auch explizit zu benennen.

„Von Haus aus” mitbringen sollte man sehr gute Kenntnisse der Ausgangssprache und Zielsprache – wobei die Zielsprache eigentlich wichtiger ist, denn eine Übersetzung fließt in den großen Metatext der Zielsprache mit ein und führt dort ihr „literarisches Leben”.

Welches Übersetzungsprojekt möchten Sie als nächstes in Angriff nehmen?

Es gibt einige ukrainische Autorinnen und Autoren, die in ihren Texten zeitgeschichtliche Phänomene thematisieren, die erstaunliche Parallelen zu deutschsprachigen und generell internationalen Strömungen haben und diese würde ich gerne übersetzen. Es sind Texte, die die Verbundenheit und zuweilen fatalen Verstrickungen der ukrainischen Generationen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ästhetisch anspruchsvoll reflektieren.

Außerdem gibt es natürlich im deutschsprachigen Raum noch gänzlich unbekannte ukrainische Literatur wie zum Beispiel jene der 1920er Jahre, die in ihrer ästhetischen Vielfalt Teil einer gesamteuropäischen Literatur jener Zeit ist und übersetzt werden sollte, wie zum Beispiel Mykola Chvyl’ovy.

 Das Interview führte Constanze Aka.

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