Anna-Halja Horbatsch

31. 10. 2013

10_Anna-Halja Horbatsch fotoAnna-Halja Horbatsch (2. März 1924 – 11. Juni 2011)

Anna-Halja Horbatsch wurde als Tochter von Nikolaj und Marija Lucjak im Dorf Brodina in Bukowina am 2. März 1924 geboren. Aufgewachsen ist sie in den südbukowinischen Karpaten, in Czernowitz besuchte sie das Gymnasium. Zu Hause wurde ukrainisch und in der Schule rumänisch gesprochen. Österreichische Vorfahren ihrer Mutter erlaubten der Familie, im Rahmen des Programmes „Heim ins Reich“ 1939 nach Deutschland umzusiedeln, wo sie im westfälischen Paderborn sesshaft wurde. Hier machte Anna-Halja Lucjak ihr Abitur und zog schließlich nach Göttingen, wo sie ihr Philologiestudium begann und ihren späteren Mann, den Slavisten Olexa Horbatsch kennenlernte. 1950 promovierte sie in München mit der Arbeit „Epische Stilmittel der Kosaken-Dumen“. 1959 zog das Ehepaar nach Frankfurt am Main, wo Olexa Horbatsch als Ordinarius für Slawische Sprachwissenschaft berufen wurde.

Schon früh begann Anna-Halja Horbatsch an literarischen Übersetzungen zu arbeiten. Die Liste der Publikationen umfasst beinahe alle Namen der ukrainischen Literatur des 19. und besonders des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem Werk vermittelte Anna-Halja Horbatsch ukrainische Kultur und Literatur in Deutschland: über die Wege zur Anerkennung zwischen den russischen und polnischen Literaturen vor 1900; über die Blüte nach 1900; über die erneute Unterdrückung nach 1930 und vor allem wieder nach 1945; über die unbeugsamen Bekenntnisse zum eigenen Volk und zur eigenen Kultur in den letzten Jahrzehnten des Sowjetregimes. Auch das Thema Tschernobyl hat sie aufgenommen. Vor allem aber auch die Schicksale der Dissidenten und ihrer Frauen; über die ukrainische Lagerliteratur, die ganz im Schatten der russischen blieb.

Ihr Ehrgeiz, den deutschen Leser mit der ukrainischen Literatur bekanntzumachen, wurde durch die politische Konjunktur der 60er und 70er Jahre erschwert, als die Sowjetrepubik Ukraine in Deutschland keinerlei Interesse erweckte und generell mit Russland gleichgesetzt wurde. Anna-Halja Horbatsch gelang es dennoch, über 50 Anthologien herauszugeben, u.a.: „Blauer November“ (1959); „Fata Morgana“ (1962); „Räubersommer“ (1968); „Ein Brunnen für Durstige“ (1970); „Ukrainische Waldmärchen“ (1965); „Wilde Steppe. Abenteuer. Kosakengeschichten“ (1974); „Stimmen aus Tschernobyl“ (1996), „Ein Rosenbrunnen: Junge Erzähler aus der Ukraine“ (die Anthologie der jungen Schriftsteller mit den Texten von B. Zholdak, J. Andruchowytsch, O. Uljanenko, 1998), „Die Kürbisfürstin“ (1999), „Die Stimme des Grasses“ (2000). Sie widmete ihr übersetzerisches Interesse nicht nur den klassischen Werken der ukrainischen Literatur („Die Schatten vergessener Vorfahren“, „Fata Morgana“ von M. Kozjubynskyj, „Steinseele“ von H. Chotkevytsch, „Marusja“ von M. Vovtschok, „Schwarzer Rat“ von P. Kulisch), sondern auch den Werken der modernen Schriftsteller. Alle diese Werken gehören zu den verschiedenen Genres und Stilen und repräsentieren die Vielfältigkeit der ukrainischen Kultur, dabei leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu der europäischen Literatur und gleichzeitig wecken das Interesse beim modernen deutschen Leser.

Als Übersetzerin und Herausgeberin der ukrainischen Literatur wollte sie immer authentisch bleiben, deshalb knüpfte sie unmittelbare Kontakte mit den zeitgenössischen Schriftstellern, literarischen Kritikern und Übersetzern. Diese Kontakte hat sie erfolgreich benutzt, als sie 1995 einen eigenen Verlag gründete und ihn nach Ihrem Geburtsort Brodina-Verlag benannte. In diesem Verlag wurden die Übersetzungen vor allem zeitgenössischer ukrainischer Dichter und Prosaschriftsteller herausgegeben, einige davon waren zweisprachig. In ihrem Verlag erschienen die ersten ins Deutsch übersetzten Texte von Jurij Andruchowytsch, Lina Kostenko, Ihor Rymaruk, Viktor Kordun, Walerij Schewtschuk. Zu den besonders wichtigen Büchern, die in ihrem Verlag veröffentlicht wurden, gehört das deutsch-ukrainische Lesebuch „Die ukrainische Literatur entdecken“ (2001), das die wichtigsten Werke der ukrainischen Literatur präsentiert sowie auch das Buch „Die Ukraine im Spiegel ihrer Literatur“ (2002), das interessante Aspekte der ukrainisch-deutschen literarischen Kontakte zeigt.

Neben den literarisch-übersetzerischen Aktivitäten verfolgte Anna-Halja Horbatsch auch ihre literaturwissenschaftlichen Interessen weiter. Sie befasste sich insbesondere mit Themen zu deutsch-ukrainischen literarischen Beziehungen in der Bukowina (Leopold v. Sacher-Masoch, Olha Kobylianska, u.a.). Auch verfasste sie eine Reihe von Beiträgen zu Werken ukrainischer Schriftsteller für Kindlers Literatur Lexikon.

Für ihre Tätigkeit wurde ihr 2006 von Bundespräsident Köhler das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Auch der ukrainische Staat würdigte ihren Einsatz für die ukrainische Kultur mit mehreren Medaillen und Urkunden. Sie war Ehrenvorsitzende der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein-Neckar, sowie korrespondierendes Mitglied der T. Schewtschenko Gesellschaft der Wissenschaften.

von Dr. Maria Ivanytska, Julija Mykytyuk, Olga-Daryna Drachuk

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