Barbara Antkowiak

13. 12. 2014

12_Atkowiak_web CBBarbara Antkowiak
(*1933 in Berlin, †2004 in Berlin)

Dass Barbara Antkowiak (geb. Sparing) ausgerechnet für die serbokroatische Literatur eine der wichtigsten Übersetzerinnen werden sollte, hätte sie sich nie erträumen lassen. In der ersten Hälfte der 50er Jahre studierte die gebürtige Berlinerin an der Karl-Marx Universität in Leipzig Slavistik mit dem Hauptfach Bohemistik. Bulgarisch, Russisch und Polnisch eignete sie sich im Zuge des Studiums an. Serbokroatisch hingegen erlernte sie erst nach dem Studium mit großem Enthusiasmus. In der schicksalhaften zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Barbara Antkowiak eine der verdienstvollsten Vermittlerinnen für die Literatur aus dieser Sprachenregion.

Nach erfolgreichem Studienabschluss fand Barbara Antkowiak eine Anstellung als Lektorin für den Bereich Volksdemokratien im damals wichtigsten Belletristikverlag für internationale Literatur der DDR „Volk und Welt“. Am meisten interessierten sie die aktuellen literarischen Entwicklungen in Jugoslawien und Bulgarien. Daher übersetzte sie die Literatur aus diesen Ländern gleich selbst. Eine frühe Übersetzung ist das Kultkinderbuch „Vlak u snijegu“ (Der Zug im Schnee, 1959) des kroatischen Autors Mato Lovrak. Mit den Übersetzungen von Mihajlo Lalićs „Lelejska gora” (Der Berg der Klagen, 1967) sowie „Svadba“ (Die Hochzeit, 1972) orientierte sie sich an dem für den Verlag wichtigen Schwerpunkt im Bereich antifaschistischer Literatur. Barbara Antkowiak wagte sich an die Werke der grossen jugoslawischen Meister: Sie übersetzte Meša Selimovićs. „Tvrđava“ (Die Festung, 1977), zusammen mit Reinhold Fischer den zweiteiligen Romanepos „Seobe“ von Miloš Crnjanski (Bora, 1989) und mehrere Werke des schwer zu übersetzenden Miroslav Krleža (Die Glembays, 1972; Kindheit. Erinnerungen, 1981). Krleža war einer ihrer zwei Lieblingsautoren. Der andere war der aus der Vojvodina stammende Serbe Alksandar Tišma, der seine Bücher ausschliesslich von ihr übersetzen liess. Antkowiaks Übersetzung seines Romans „Upotreba čoveka“ (Der Gebrauch des Menschen, 1991) ebnete den Weg dafür, dass Tišma im deutschsprachigen Kontext literarisch an Bedeutung gewinnen konnte.

Barbara Antkowiak verglich den Beruf des Übersetzers mit dem eines Handwerkers: beide leisten einen Service und beide haben dabei technische Probleme zu bewältigen. Deshalb empfand sie es „stets als einen Gewinn und eine Freude“ Schriftsteller persönlich kennenzulernen, ohne die sich manche Probleme nicht lösen ließen. Solche Begegnungen waren wohl auch willkommene Abwechslungen zu ihrer „handwerklichen Tätigkeit in einer Ich-AG“, wie sie selbst ganz unprätentiös über ihrer Arbeit sprach. Ein „Arbeitstier“ nannte Angela Richter sie in ihrer Gedenkrede. Gemäß Thomas Loy hätte sie pausenlos gearbeitet ohne sich dabei zu schonen. Eine ihrer Maßnahmen zur Erweiterung des Wortschatzes war das Lösen von Kreuzworträtseln in kroatischen, bosnischen und serbischen Zeitungen.

Im Umbruchsjahr 1990 wird der Verlag „Volk und Welt“ verkauft, aufgeteilt und Barbara Antkowiak nach 34 Jahren Verlagsarbeit 57-jährig in Frührente geschickt. Im Frühjahr 1991 bricht dann der Krieg aus, in dessen Folge sowohl das Land Jugoslawien als auch die Sprache Serbokroatisch von der Landkarte Europas verschwinden werden. Nachdem das Glottonym Serbokroatisch obsolet geworden ist, bezieht sich Antkowiak nur noch mit „naški“ (unsere Sprache) auf die Sprache, die man nicht mehr benennen kann, ohne ein politisches Statement abzugeben. In der Rückschau bezeichnet sie die 90er Jahre als ihr „grausiges Jahrzehnt“. Aber die erzwungene Frührente hat auch ihr Gutes. Barbara Antkowiak stürzt sich umso mehr in ihre Übersetzungstätigkeit. Sie übersetzt Werke von Bora Ćosić, Nenad Veličković, Dževad Karahasan und Dubravka Ugrešić, bedeutende kritische Stimmen zu den verheerenden Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen und immer noch produktive und höchst interessante Literaturschaffende. Weiter entdeckte sie vielversprechende junge Talente, wie die beiden Schriftstellerinnen Juliana Matanović und Biljana Srbljanović. Der von ihr übersetzte Schriftsteller Bora Ćosić fasste ihr Lebenswerk in seiner Laudatio für den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung mit dem Satz zusammen: „Wir feiern einen Dienst an Zivilisation und Kultur.“

von Vivian Kellenberger und Maja Konstantinović

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