Buch: Maria Ivanytska: Die Persönlichkeit des Übersetzers in den deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen

27. 9. 2015

Die vorliegende Arbeit analysiert den Transfer ukrainischer Literatur in den deutschsprachigen Raum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Übersetzer: seine sprachliche Persönlichkeit (ein Begriff von Jurij Karaulov), sein translatorisches Handeln und die Vielfalt seiner sozialen Rollen.

coverDie sprachliche Persönlichkeit des Übersetzers wird durch den soziokulturellen Raum geprägt. Die verbale Ebene der sprachlichen Persönlichkeit, die für die Beherrschung von Sprachen zuständig ist und den Übersetzer zur Textproduktion befähigt, wird durch das (multi)kulturelle Milieu herausgebildet, durch Ausbildung, Eltern, Lehrer und die soziale Umgebung. Die soziokulturelle Umgebung prägt auch die kognitive Ebene der sprachlichen Persönlichkeit, die sich im Weltbild des Übersetzers zeigt, in seiner Transkulturalität, seinen Kenntnissen und seinem Wertesystem. Durch die Vielzahl an Verbindungen mit der Ausgangs- und Zielkultur und abhängig vom erworbenen Ausbildungs- und Kulturkapital bekommt der Übersetzer Merkmale einer bi- oder transkulturellen Persönlichkeit, was die Dichotomie zwischen dem Eigenen und dem Fremden reduziert und ihn die Funktion eines Kulturvermittlers erfüllen lässt. Die pragmatische Ebene der sprachlichen Persönlichkeit des Übersetzers korreliert mit seinen Motiven und Intentionen.

Die sprachliche Persönlichkeit des Übersetzers manifestiert sich wiederum in seinem individuellen Stil, in seinen Paratexten (Kommentare, Vor- und Nachworte, Glossare) und Metatexten (literaturkritische Artikel, Beiträge in Literaturlexika, Briefe). Durch eine komplexe Analyse des translatorischen Handelns eines Übersetzers im Zusammenhang mit verschiedenen Kontexten dieses Handelns lassen sich Motive von Übersetzungslösungen erfassen: von der Wahl eines zu übersetzenden Werkes über die Strategien und Taktiken des Übersetzers bis hin zu seinem Engagement als Kulturmittler.

 Der Begriff “Literaturtransfer” wird in der Arbeit breit verstanden – als Repräsentation der ukrainischen Kultur und der Ukraine in deutschsprachigen Ländern. Daher werden mehrere Bestandteile dieses Transfers (Übersetzungen, literaturwissenschaftliche Publikationen und Beiträge zur Literaturkritik) untersucht und ihr Potenzial bei der Herausbildung eines spezifischen Ukraine-Bildes erörtert.

In Anlehnung an Pierre Bourdieu, Norbert Bachleitner und  Michaela Wolf wird der Begriff des ukrainisch-deutschen Übersetzungsfeldes eingeführt, eines soziokulturellen Raumes an der Kreuzung zweier literarischer Polysysteme, der aus Beziehungen zwischen Akteuren des Feldes besteht, welche über ein bestimmtes kulturelles, symbolisches und soziales Kapital verfügen und zusammenwirken, um den literarischen Transfer zu gewährenleisten. Zu den wichtigsten Akteuren dieses Übersetzungsfeldes gehören Autoren, Übersetzer, Journalisten, Literaturkritiker, Herausgeber, Lektoren, Institutionen und Organisationen (Parteien, Vereine, Literaturhäuser, Stiftungen, Messen) sowie auch Leser. Es wird das Zusammenspiel dieser Akteure in der Geschichte ukrainisch-deutscher Übersetzungen beleuchtet.

Der Literaturtransfer ist durch soziokulturelle, politische und persönliche Kontexte sowie durch die Distribution von Literaturen auf dem globalen Übersetzungsfeld determiniert. Das ukrainisch-deutsche Übersetzungsfeld weist Asymmetrien auf: der deutschen Literatur kommt die dominante Position zu, während die ukrainische Literatur eine periphere Stellung einnimmt, was sich in den Übersetzungsflüssen zeigt: aus dem Deutschen wurde und wird ins Ukrainische viel mehr übersetzt, als umgekehrt. Eine wichtige Ursache dafür ist das jahrhundertelange Fehlen einer eigenen ukrainischen Staatlichkeit, weswegen sich in deutschsprachigen Ländern ein Stereotyp etabliert hat, die ukrainische Literatur als Bestandteil der russischen Kultur zu betrachten.

Die Übersetzung aus der dominanten deutschen Literatur unterscheidet sich von der Übersetzung aus der peripheren ukrainischen Literatur durch ihre Funktionen und durch die Rolle des Übersetzers. Die Analyse zeigt, dass bei Übersetzungen aus dem Ukrainischen politische bzw. ideologische Motive immer von großer Bedeutung waren. Übersetzer aus dem Ukrainischen waren oft gezwungen, eine aktivere Position einzunehmen und verschiedene Rollen zu übernehmen, die über die eigentliche Übersetzerrolle hinausgehen. Oft waren und bleiben sie nicht nur Initiatoren der Übersetzung, sondern fungieren auch als Herausgeber, Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Journalisten, Experten und Manager, die auch für die Verbreitung der Übersetzung zu sorgen haben.

In der Arbeit werden vier Perioden in der ukrainisch-deutschen Übersetzung beschrieben.

In der ersten Periode (2. Hälfte des 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg) werden Kontakte zwischen deutsch- und ukrainischsprachigen Akteuren des Übersetzungsfeldes aktiv ausgebaut, vor allem in Galizien und der Bukowina, jenen multikulturellen Regionen, die zum  Kern des Netzwerkes von deutsch-ukrainischen Kulturmittlern (oft mit transkultureller sprachlicher Persönlichkeit) geworden sind. Ein reger Austausch zwischen den Kulturen, u.a. in Form der deutschsprachigen ukrainischen Presse in Wien, sowie zahlreiche Übersetzungen in beide Richtungen lassen diese Zeit als Periode eines gesteigerten gegenseitigen Interesses bezeichnen. Zu den wichtigsten Akteuren des Übersetzungsfeldes zählen Iwan Franko, Olha Kobyljanska, Ostap Hryzaj, Wilhelm Horoschowski und Julia Virginia.

Die zweite Periode – die Periode der Kontaktverluste und Entfremdung – umfasst die Zeit zwischen den Weltkriegen und ist durch einen Rückgang des Interesses an der ukrainischen Literatur sowie der Zahl von Übersetzern und Übersetzungen charakterisiert. Die Transformation des Übersetzungsfeldes ist durch den Versuch gekennzeichnet, neue Netze von Kulturmittlern  zu bilden, die allerdings nur teilweise ihre Ziele erreichen. Eine Gruppe von ukrainischen Emigranten und ihren deutschen Anhängern, die sich um das Ukrainische Wissenschaftliche Institut in Berlin versammeln, liefert dem deutschen Publikum das wissenschaftliches Material über die ukrainische Literatur. Um die Übersetzung ukrainischer Literatur ins Deutsche bemühen sich ukrainische Schriftstellervereine in Kyjiw und Charkiw. Die in Moskau seit der Mitte der 1930er Jahren lebenden deutschen Dichter übersetzen ukrainische Klassiker meistens aus zweiter Hand. Zu den wichtigsten Übersetzern dieser Periode zählen Anna Charlotte Wutzky und Gustav Specht.

Die dritte Periode − von den 1940er bis zu den 1990er Jahren  − ist nicht homogen: die Literaturbeziehungen mit der Ukraine haben in den beiden deutschen Staaten unterschiedliche Grundlagen, Ausrichtungen und Motive. Das Netz von sowjetischen und ostdeutschen Verlagen organisiert gewaltige Übersetzungsflüsse, dabei ist die Position des Übersetzers im Vergleich zu der des Verlages und der Partei relativ schwach. Übersetzungen von ukrainischen Werken werden meist auf der Grundlage einer russischen Textfassung angefertigt, was die dominante Stellung der russischen Kultur sichert und die Rezeption der ukrainischen Literatur als einer zur russischen Kultursphäre gehörenden kanonisiert. Nur einige wenige Übersetzer – unter ihnen Larissa Robiné, Günther und Traute Stein, Ingeborg und Oleg Kolinko sowie Jona Gruber − übersetzen aus dem Ukrainischen. Zur gleichen Zeit können im Exil lebende ukrainische Kulturschaffende kein erfolgreiches Segment des Übersetzungsfeldes ausbauen. Unter den Bedingungen eines fehlenden Interesses an der ukrainischen Kultur in der BRD bemüht sich fast ausschließlich eine einzige Person um den Literaturtransfer im Laufe dieser ganzen Periode − Anna-Halja Horbatsch.

Die vierte Periode beginnt erst mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts und zeichnete sich durch ein wiedererstarktes Interesse an der ukrainischen Literatur seitens der deutschsprachigen Literaturszene aus. Die Rolle des Übersetzers steigt, auf dem Übersetzungsfeld erscheinen zum ersten Mal Übersetzer mit Deutsch als Muttersprache, die Ukrainisch frei beherrschen und sich in der ukrainischen Kultur, Geschichte und Gegenwart auskennen, unter ihnen ­Sabine Stöhr und Claudia Dathe. Zu weiteren wichtigen Akteuren des ukrainisch-deutschen Übersetzungsfeldes der Gegenwart gehören die Lektorin des Suhrkamp Verlages Katarina Raabe, der Schriftsteller Jurij Andruchowytsch und der Verein Translit. Neue Literaturprojekte und internationale Netzwerke (u.a. das Projekt „TransStar“) verleihen dem Übersetzungsfeld eine neue Qualität und tragen zur Verbesserung der Kontakte zwischen den Kulturräumen bei.

Das Buch ist im Internet direkt beim Verlag zu bekommen oder in Buchhandlungen »Книгарня Є«.

 

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