Buch-Info: Rezension des TransStar-Bandes “Übersetzungslandschaften” (Arcadia 2016)

12. 11. 2016

In der wissenschaftlichen Zeitschrift ARCADIA (De Gruyer), 2016, 51 (2), S. 422-425, wurde die Rezension des TransStar-Bandes “Übersetzungslandschaften”, verfasst von Simon Simonek (Universität Wien, Institut für Slawistik), veröffentlicht.
Lesen Sie die ganze Rezension: https://www.dropbox.com/s/e…/Arcadia_2-51_3Lauf.188-191.pdf…

Janko Trupej: Bibliographie der Translationswissenschaften (Slowenien)

16. 3. 2016

Translationswissenschaft in Slowenien (Bibliographie zusammengestellt von Janko Trupej)
Zur Bibliographie (HIER) oder laden Sie die PDF-Version herunter.

Der wissenschaftliche Band des Projektes TransStar Europa ist da!

11. 3. 2016

20160311_093310_resizedSchamma Schahadat / Stepán Zbytovsky (Hg.):
Übersetzungslandschaften Themen und Akteure der Literaturübersetzung in Ost- und Mitteleuropa. Bielefeld: transcript Verlag 2016 (Bd. 9, Interkulturalität. Studien zu Sprache, Literatur und Gesellschaft)

Was kennzeichnet die Form des Übersetzens von Literatur? Dieser Band gibt einen umfassenden Überblick über die zentralen Fragen der literarischen Übersetzung, mit denen sich Übersetzer_innen zwischen dem Deutschen und fünf slawischen Sprachen (Tschechisch, Polnisch, Slowenisch, Kroatisch, Ukrainisch) konfrontiert sehen. Die Beiträger_innen erörtern u.a. Phänomene der kulturellen Übersetzung und der Interkulturalität im ostmitteleuropäischen Kontext, den Einfluss von Machtverhältnissen auf die Übersetzung sowie Aspekte der Gesellschaftskritik in der Übersetzung. In sechs ›Panoramen‹ werden zudem die aktuelle Situation und die Hauptakteure der
Literaturübersetzung in den genannten Ländern übersichtlich vorgestellt.

Herausgeber:
Schamma Schahadat (Prof. Dr.), geb. 1961, lehrt slavische Literaturwissenschaft am Slavischen Seminar der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und leitet das EU-Projekt »TransStar Europa«.

Stepán Zbytovsky (PhD), geb. 1977, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für germanische Studien der Karls-Universität in Prag.

Schlagworte: Literaturübersetzung, Ostmitteleuropa, Slawische Literaturen, Slawistik, Übersetzungswissenschaft, Literatur, Kultur, Interkulturalität, Allgemeine Literaturwissenschaft, Kulturtheorie, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft

Bestellen und lesen (HIER)

Inhalt und Leseprobe (HIER)

ENDBERICHTE: TransStar: Raising transcultural, digital and multitranslational competences

7. 3. 2016

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.

Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

BERICHTE:
Deutsch
Tschechisch
Polnisch
Kroatisch
Ukrainisch
Slowenisch

Akündigung: Tomasz Rozyckis Buch “Bestiarium” in der Übersetzung von Marlena Breuer

23. 2. 2016

Tomasz Rozyckis Buch “Bestiarium” in der Übersetzung von Marlena Breuer, der TransStar-Teilnehmerin, erscheint zur Leipziger Buchmesse 2016!

BESTIARIUM

Tomasz Różycki
Aus dem Polnischen von Marlena Breuer

Wer weiß, ob es der namenlose Protagonist des Buches mit dem Alkohol zu weit getrieben hat. Oder träumt er? Eigentlich will er nur nach Hause zu Frau und Kindern – aber wie? Aus dem simplen Vorhaben wird eine geheimnisvolle, phantasmagorische Reise, durch Erinnerungen, durch die Katakomben der Stadt, durch schaurige Untergründe, auf der Suche nach einem geheimnisvollen Erbe. „Tomasz Różycki erzählt sinnlich wie Bruno Schulz, bissig wie Witold Gombrowicz und hochprozentig-orgiastisch wie Wenedikt Jerofejew“, urteilte schon vor Jahren die Neue Zürcher Zeitung. Das löst der Dichter in dieser Prosaarbeit ein.

http://www.edition-fototapeta.eu/bestiarium

Persönliche Geschichten erzählen: zeitgenössische deutsche Literatur und ihre ukrainische Übersetzung

29. 1. 2016

Titelseite Alle AnderenNachwort zum Sammelband der ukrainischen Übersetzungen „Alle Anderen. Geschichten über Liebe, Gewalt und Erinnerung“ (als PDF downloaden)

Maria Iwanyzka und Andrij Mokrousow

Übersetzt von Nina Hawrylow

Wer einen Blick auf den Titel, den Untertitel oder auf den Inhalt des Bandes „Alle Anderen“ wirft, vermutet vielleicht ein durchkonzipiertes, nach thematischen und textsortenspezifischen Kriterien zusammengestelltes Buch. Ein Buch, das sich dem infolge der Flüchtlingskrise brennendsten Thema des heutigen Europas widmet. Diese Vermutung stimmt aber nur teilweise.

Die Idee zu dieser Publikation und dem Projekt „TransStar Europa“, dessen Bestandteil dieser Sammelband ist, entstand zu einer Zeit, als von einer Flüchtlingskrise noch nicht die Rede war, obwohl natürlich bereits Flüchtlinge nach Europa kamen und die europäische Öffentlichkeit ihnen auch damals schon einige Aufmerksamkeit schenkte; wie auch den weitaus breiteren und abstrakteren Fragen nach dem „Anderen“ und „Besonderen“, dem „Eigenen“ und „Fremden“, der Frage nach unsteten Identitäten und nach dem Paradox sich immer ändernder Identifikationsmöglichkeiten. Es geht also um einen ganzen Themenkomplex, der auf verschiedenen Ebenen – in der fiktiven Literatur, in akademischen Kreisen, in der Presse und im rechtlichen Kontext – längst Merkmal des „normalen“ europäischen Diskurses geworden ist, eines seiner inhärenten Attribute darstellt, das diesen Diskurs formte und täglich formt. All diese Fragen waren auch für die Ukraine aktuell, sowohl vor als auch nach der Majdan-Revolution.

Die Textauswahl verfolgte jedoch ein anderes Ziel: die Texte sollten vor allem methodische Fragen aufwerfen. Sie sollten interessant zu übersetzen und in der Folge interessant zu lesen sein. Angestrebt wurde eine praktische Übersetzerausbildung. […]

Auch eine Textsortenreinheit dürfen Leser nicht erwarten. Dieses Buch versammelt in sich Erzählungen, klassische Novellen, eher lyrische Miniaturen und Romanfragmente, die allerdings eigenständig funktionieren.

Trotz alldem wirkt das Buch ganzheitlich und durchaus konzeptualisiert. Erstens, weil beinahe alle enthaltenen Geschichten einen autobiographischen oder quasiautobiographischen Charakter aufweisen – ob nun die Erinnerungen und Memoiren in Briefform von Katja Lange-Müller, die parodierte Biografie von Felicitas Hoppe oder die fiktiven Reiseaufzeichnungen, die ebenso fiktiven Reisen von Yoko Tawada vorangehen. Im Großteil der Texte findet man Retrospektiven, Erzählungen über Vergangenes oder über vermeintlich Gegenwärtiges, das aber erzählt wird wie Vergangenes, mit einem betont aus der Gegenwart rückwärtsgewandten Blick, der die Vorstellungen über diese Gegenwart wesentlich ändert, oder sie tatsächlich ändert, wie etwa in „Landgang“ von Eva Profousová. Alle Geschichten sind also in gewisser Weise historisch, sie sind Teil des Gedächtnisses und das Gedächtnis ist das konstante Motiv dieser Textsammlung.

Zweitens sind es alles Familiengeschichten, Geschichten über Eltern-Kind-Beziehungen […], über die Beziehungen zwischen Eheleuten, Geliebten, Geschwistern und Verwandten. Einige von den Letzteren übernehmen sogar die Rolle des Vaters oder die eines Paten, sowohl im religiösen als auch kriminellen Sinn, wie bei Roberto Capitoni. Selbst dann, wenn es sich einfach um zufällige Bekannte handelt, um vorgebliche Freunde, die sich eigentlich völlig fremd sind, wie bei Angelika Klüssendorf, zwischen denen schließlich ein beinahe familiäres Verhältnis entsteht, wodurch dem Erzähler die Pflicht des „Sohnes“ zufällt, sich um das Begräbnis des unheilbar kranken „Vaters“ zu kümmern. Diese Beziehungen sind unterschiedlicher Art – idealisiert idyllisch (zum Beispiel bei Yoko Tawada und bei Ralf Rothmann) oder umgekehrt, außerordentlich gewaltvoll (wie im Text „Drillen“ von Svenja Leiber, in „Die einzig gültige Perspektive“ und „Wüstenhimmel, Sternenland“ von Sudabeh Mohafez), geprägt von Hass, Distanzierung, Abscheu und Verachtung (etwa bei Katja Lange-Müller und Hans Joachim Schädlich), manchmal sind es kontroverse und paradoxe Beziehungen (siehe Jenny Erpenbeck, Zsuzsanna Gahse oder Svenja Leibers „Der erste Schnitt“) oder unheimliche wie bei Felicitas Hoppe, scheinbar normale, in Wahrheit aber unerträgliche Beziehungen wie bei Eva Profousová und Silke Scheuermann, oder beinahe imaginär wie im Text von Ulrike Almut Sandig. So oder so haben all diese Beziehungen immer den Beigeschmack von Unglück, Pech, Verzweiflung und in einzelnen, fast glücklichen Fällen, den Beigeschmack eines fragilen, schwindenden, ungewissen Glücks. Das fröhliche Abenteuer von Roberto Capitoni hebt sich von diesem düsteren Hintergrund ab. Der Autor, selbst Komödienschauspieler, schrieb eine Satire-Roadstory, aber auch auf dieser Reise mit einem Mafia-Typen und dem von ihm getöteten Opfer, fällt ein makabrer Schatten auf die Fröhlichkeit.

Es sind also persönliche Geschichten unglücklicher Familien und von vom Pech verfolgter Menschen. Sie kreisen um Erinnerungen, wodurch diese persönlichen Geschichten den Anstrich eines Epos erhalten. Bei manchen ist dieser Anstrich romantisch. Es reicht die erste Zeile von Gahses Romanfragment, in der der ausgezeichnete Anfang von Charles Dickens „Eine Geschichte aus zwei Städten“ nachhallt: „Es gab ein großes Kommen und Gehen, Anreisen und Abreisen“, um sich die Chronologie und die Entwicklung der Handlung vom hoffnungsvollen Frühling zum elenden Winter vorstellen zu können. Meistens ist dieser epische Anstrich aber realistisch, fast schon dokumentierend, ohne ein offen postmodernes Spiel mit den Narrativen, mit den Sprechinhalten, dann wieder ist er naturalistisch oder mythologisch und sagenhaft. Und zum universellen Sujet dieses Epos über Glück und Unglück, Liebe und Gewalt, werden Einsamkeit und Gemeinsamkeit, Verlorensein und Gefundenwerden, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Vergessen wir aber nicht auf die Anderen. Aus den Biografien der Autorinnen und Autoren ist ersichtlich, dass einige unter ihnen selbst diese „Anderen“ waren – Migranten, Ankömmlinge, Umgezogene, Fremde. Capitoni und Mohafez wurden in Deutschland in zweisprachige Familien hineingeboren, haben zwei Muttersprachen und komplexe Identitäten, schreiben aber auf Deutsch und sind zweifelsohne deutsche Schriftsteller. Eleonora Hummel emigrierte aus der Sowjetunion nach Deutschland, Zsuzsanna Gahse aus Ungarn, Eva Profousová aus Tschechien. Sie schreiben ebenfalls überwiegend auf Deutsch, nicht in ihrer Muttersprache, und lassen den Leser in ihre persönlichen Identitäten eintauchen. Yoko Tawada ist nicht nur gleichzeitig Teil der deutschen und japanischen Kulturen, sondern veröffentlicht und liest auch in beiden Sprachen, erhält da und dort literarische Prämien, lebt allerdings im kosmopolitischen Berlin. Manche sind die „anderen Deutschen“ – Schädlich, Lange-Müller, Erpenbeck, Sandig und Klüssendorf –  alle im Übergang von einer totalitären in eine offene Gesellschaft. Auch westdeutsche Autoren findet man im Buch: Hoppe, Leiber, Rothmann und Scheuermann. Trotzdem sind auch ihre Texte nicht geradlinig. So taucht in Hoppes halbfiktiver Autobiografie das Motiv einer Emigration und Kindheit in Kanada auf. Rothmann entwirft in „Junges Licht“ eine „innere Entfremdung“ und zeichnet sein Ruhrgebiet als ein von Raum und Zeit abgekoppeltes „anderes Deutschland“, ähnlich wie William Faulkner sein Yoknapatawpha County, wenn auch nach anderen stilistischen und ideologischen Prinzipien. Der wilde, nördliche Winkel in Leibers Text passt genauso schwer zu den stereotypen Vorstellungen von Westdeutschland, wie die „Hinterhöfe“ bei Klüssendorf mit jenen von Ostdeutschland.

Obwohl man in Capitonis Text ein komisches Deutsch mit italienischem Akzent liest, sich die ungarische Vergangenheit von Gahse über die Kasseler Gegenwart der in ihrem Text Flüchtenden legt, der sowjetische Schwermut Hauptthema von Hummels Reflexionen und Japan die grundlegende Komponente von Tawadas Frage „Wo fängt Europa an?“ ist, erscheinen diese „Anderen“ im Buch weitaus mehr als national und sprachlich anders. Es sind nicht einfach „Fremde“, die hierher gezogen oder gebracht wurden und versuchen, sich in Europa und Deutschland, in der Sprache, der Kultur und den Bräuche zurechtzufinden und für sich einen neuen Lebensraum zu schaffen. Es sind nicht nur Heimkehrer von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mit furchtbaren und zumindest für den friedlichen, demokratischen Westen unfassbaren Erfahrungen. Diese „Anderen“ sind Menschen am Rand der Gesellschaft, Sonderlinge, Provinzler, kranke Menschen mit verschiedenen Perversionen, Alte, aber auch Junge mit einer betont anderen Identität. Am häufigsten sind es Frauen, um die es geht. Auch unter den Autoren überwiegen die Frauen – 12 der 15 Texte entstammen der Feder einer Frau. Und obwohl nicht immer aus der Sicht von Frauen oder über Frauen erzählt wird, wäre es falsch, den Genderaspekt zu ignorieren. Auch einsame Männer, die mit der Nichtigkeit ihres sinnlosen Daseins kämpfen, sind Thema. Wie es im Titel also richtig heißt, Alle. Alle sind anders und alle auf ihre Weise anders. Und fast alle sind sich ihrer Eigentümlichkeit bewusst oder fühlen sie, alle sind irgendwie unglücklich, unruhig und gefangen.

Dieses komplizierte Flechtwerk aus Eigentümlich- und Andersartigkeiten vor dem finsteren Hintergrund von Ausweglosigkeit, von Unglück, Verzweiflung, einer Existenz im Abseits, von fatalen Versäumnissen und Verlusten, dieses dunkle, schwerfällige aber in sich bewegliche Geflecht, das hie und da mit den Perlen aussichtsloser Hoffnung verziert ist, gibt der Teppich in Gahses Text treffend wider, der dort als Symbol für ein Herumirren der menschlichen Seele steht. Wir glauben immer, dass das alles den anderen, nie aber uns selbst passiert. Aber wie es ein alter Mann in Schädlichs Text formuliert: „… und plötzlich bist du selber der andere“. Diese gedachte, unsichtbare Grenze zwischen „uns“ und den „anderen“ ist bei näherer Betrachtung der Romanfiguren besonders zweifelhaft. Ob ihr Leiden nicht schlussendlich diese Grenze verschwimmen lässt? Immerhin gelingt es manchen von ihnen den Menschen um sich herum zuzurufen „Halten wir zusammen!“, aber nach dem rettenden Strohhalm greift die Mehrheit nicht. So oder so verschwindet für alle schrittweise der Widerspruch zwischen Liebe und Gewalt, zwischen Mitgefühl und Gleichgültigkeit, weil die eindeutigen Kriterien, die die Welt früher scheinbar in Schwarz und Weiß teilten, längst aus dem Leben und aus künstlerischen Überlegungen verschwunden sind. Sowohl die Menschen, ob real oder im Text, als auch die Gesellschaft, die von außen erfolgreich und glücklich wirkt, und es von einer historischen oder übermenschlichen Perspektive aus wahrscheinlich auch ist, machen eine schmerzhafte Umstrukturierung durch.

[...]Die Literatur und die intellektuelle Elite einer solchen Gesellschaft haben keinen anderen Ausweg, als all das Unglück, Unschöne, die Dispute, moralischen Abgründe, sozialen Brüche, Gender- und Klassenfragen und den Hass aufzuarbeiten und ans Licht zu bringen. [...] Diese Literatur, und breiter gefasst die intellektuelle Gemeinschaft, unternimmt unzählige Versuche, die entdeckte Wunde zu heilen oder sich direkt in die Haut eines Kranken zu versetzen, um an sich die Wunden und Geschwüre zu spüren, mit ihm zu leiden. „Schriftsteller sind keine Ärzte. Sie sind der Schmerz“, formulierte es einmal ein „anderer“ Europäer, einer der aus der zwielichtigen Gegend flüchtete, wo diejenige lebten, die „nichts dagegen hatten, zu sterben“. Also ist es nicht verwunderlich, dass erfolgreiche und glückliche Künstler des glücklichen und erfolgreichen und vor allem angenehm friedlichen „Westens“ der Welt stur über Gewalt, Hass, Ressentiments, Entfremdung, Herzlosigkeit und Erinnerungslosigkeit erzählen, über all diese furchtbaren Reiter der Apokalypse schreiben, die dazu fähig sind, jene Welt zu ruinieren, diese neue wunderbare Welt, die sich durch ihre Teilhabe vor ihren und vor unser Augen auftut. […]

Zum Glück betrifft das nur die Norm. Die besten Vertreter der zeitgenössischen ukrainischen Literatur – Zhadan, Maljartschuk, Luzyschyn, Slywynskyj, Babkina, Schuwalowa und Jakymtschuk – versuchen das auch zu machen, wodurch sich kein entscheidender Unterschied zwischen diesen Schriftstellerinnen und Schriftstellern und ihren europäischen oder amerikanischen Counterparts finden lässt. Trotzdem fällt dem ukrainischen Leser das Interesse der „westlichen“ Literaten an einer „sozialen Literatur“ auf und es verwundert sie. Es ist mehr als ein Interesse – eine offenherzige, konstante, ohne jegliche Naivität oder Sentimentalität behaftete Aufmerksamkeit für die „Seele“. „Seele ist, warum ein Vogel singt“, sagt einer von Rothmanns kleinen Heldinnen, und diese Wörter kann man sich schwer aus dem Mund eines ukrainischen Schriftstellers mit gleicher Leichtigkeit vorstellen.

Daraus besteht auch die Ganzheitlichkeit dieses Buches. Es ist ein auffallend vielstimmiges, multikulturelles Buch mit eindeutig deutschen Geschichten, wenn das auch nicht auf den ersten Blick offensichtlich. Die Geschichten bilden zusammengenommen die private und familiäre Geschichte ihres und unseres Europas, eine europäische Familie, ein neuartiges Europa, entstanden auf blutigem Boden und aus Schmutz, oder im weitesten Sinn ein Nachkriegseuropa – nach dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht nach dem Ersten, Kriege, mit denen die Generationen immer noch ringen, die beide immer noch das Heute und die unbekannte Zukunft mitgestalten.

Der Band zeigt eine multikulturelle Vielstimmigkeit, die beginnend mit den 1980er Jahren mittlerweile ein immanentes Zeichen zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur ist. Kritiker sprechen heute zum Beispiel von einer deutsch-türkischen Literatur, deren Vertreter wie Feridun Zaimoglu oder Osman Engin zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren zählen. Ebenso zählen der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami, der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer und die Kiewerin Katja Petrowskaja zu den bekannten Autoren Deutschlands. Literaten, die in sich verschiedene Kulturen vereinen, Migrationserfahrung haben oder gleichzeitig in verschiedenen Traditionen zu Hause sind, sehen die Welt vielleicht farbenfroher und mehrdimensional, blicken komplizierter und unvoreingenommener auf sie, als ihre einsprachigen, „monokulturellen“ Kollegen. Vielleicht greifen sie einfach in größerem Ausmaß die verschiedenen Kollisionen von Identitäten, kultureller Hybridität, Assimilation und Entfremdung, Anderssein, Empathie, Solidarität und Feindseligkeit auf. […]

Ein anderes Zeichen deutschsprachiger Literatur Ende des letzten Jahrhunderts war das „Fräuleinwunder“. […] Zu den bemerkenswertesten Vertreterinnen dieser Generation gehört […] Judith Hermann, sowie Karen Duve, Julia Franck und andere. Obwohl diese Bezeichnung von der Literaturwissenschaft kritisiert wurde, weil all diese Autorinnen doch sehr unterschiedlich sind, lässt sich in der heutigen deutschensprachigen, „weiblichen“ Literatur etwas Gemeinsames finden: die Gabe, Geschichten zu erzählen – alltägliche Begebenheiten oder Familienerinnerungen, auf den ersten Blick unpolitisch, aber Politik und Geschichte werden gewöhnlich ja durch persönliche Geschichten sichtbar. Eine Spezifik des vorliegenden Bandes ist eben diese, bereits erwähnte, überwiegende Mehrheit „weiblicher Stimmen“.

Dieser Sammelband, anhand dessen unsere Leser einen guten Querschnitt deutschsprachiger Literatur Anfang des 21. Jahrhunderts erhalten, erschien im Rahmen von „TransStar Europa“, einem einmaligen Projekt unter der Ägide der Europäischen Union, das erfahrene und junge Übersetzer aus Österreich, Deutschland, Polen, Slowenien, Ukraine, Kroatien, Tschechien und Schweiz zusammenbrachte. Den Anstoß für dieses Projekt gab Claudia Dathe, Übersetzerin aus dem Ukrainischen. Dank ihr kann das deutschsprachige Publikum Serhij Zhadan, Oleksandr Irwanez, Tanja Maljartschuk, Maria Matios, Viktor Neborak und andere bekannte Schriftsteller der postsowjetischen Ukraine auf Deutsch lesen. Claudia Dathe war außerdem die Mentorin der ukrainisch-deutschen Gruppe, die an der Übersetzung aktueller ukrainischer Literatur arbeitete.

Das Ziel von TransStar, „kleine“ Sprachen und Literaturen auf die literarische Europakarte zu bringen, bekam während des Euromajdans unerwartet scharfe Konturen: die Ukraine war für viele Deutsche eine terra incognita, weshalb die russische Propaganda in Deutschland nicht wenige „Putinversteher“ erreichen konnte. Claudia Dathe und die Projektteilnehmer waren eine der ersten, die diesem Informationsvakuum Bedeutung zumaßen und traten bewusst gegen die imperiale Rhetorik Moskaus auf. Ihre Stimmen waren auf Konferenzen, an Runden Tischen, in Diskussionen und auf der Leipziger Buchmesse zu hören. Claudia Dathe und die TransStar-Teilnehmer Sofia Onufriv, Constanze Aka, Nina Hawrylow und Stefan Heck trugen Anfang 2014 zum Erscheinen des Buchs „Majdan! Ukraine, Europa“ bei – die erste deutschsprachige Textsammlung, die die Geschehnisse auf dem Euromajdan aus Sicht von ukrainischen, deutschen, englischen und polnischen Autoren beleuchtete. Die Übersetzung dieser Texte war nicht geplant, aber ein sehr wichtiges Ergebnis des Projekts. Immerhin verdeutlichte es die Möglichkeit, ein Volk über seine Literatur zu entdecken.

An Texten deutscher Autoren arbeiteten die Übersetzergruppen aus den Partnerländern. Kurator und Mentor der deutsch-ukrainischen Gruppe war Jurko Prochasko aus Lwiw, ein bekannter Vertreter der neuen ukrainischen Übersetzergeneration, der Werke von Kafka, Musil, Joseph Roth, Ingo Schulz und anderen österreichischen, deutschen und Schweizer Autoren der letzten zwei Jahrhunderte für das ukrainische Publikum anspruchsvoll und raffiniert übersetzt hat. Das Resultat der Zusammenarbeitet dieses erfahrenen Übersetzers mit seinen jungen Kollegen ist der vorliegende Band. Eine detaillierte Besprechung der Texte, Ideen und sprachlichen Eigenheiten der Autoren, wie auch die andauernde Diskussion darüber, wie all das für einen anderen Kulturraum zugänglich gemacht werden kann, eröffnete den Projektteilnehmern neue Lese- und Interpretationsperspektiven und regte eine tiefere Auseinandersetzung mit der Übersetzungskunst und der Übersetzungswissenschaft an.

Ähnliche Sammelbände erschienen auch in den anderen Projektländern. Die Bücher sind jedoch nicht das einzige Endprodukt des Projekts. Von großer Wichtigkeit ist das entstandene Netzwerk neuer Kulturmittler, für die die Übersetzungstätigkeit nicht nur Textarbeit, sondern auch vielseitige sozialpolitische Aktivität bedeutet, die sich als Repräsentanten einer Kultur im literarischen Umfeld einer anderen Kultur verstehen und dafür neben den fachlichen, eine Reihe von Zusatzkompetenzen beherrschen. Die Gespräche mit Autoren und Übersetzern, die Kontakte mit ausländischen Kollegen, die Teilnahme an Seminaren, Lesungen und Vorträgen im Laufe der drei Jahre waren zweifelsohne für alle Beteiligten eine Bereicherung. Sehr interessant war auch das Teilprojekt „Camera Obscura – Orte des Übersetzens“ unter der Leitung des polnisch-deutschen Fotokünstlers Przemek Zajfert, das eine Reflexion der eigenen Übersetzungstätigkeit ermöglichte und sie mit Fotografie verband. Die dabei entstandenen Lochkamerabilder wurden im Anschluss in einer Ausstellung gezeigt.

Die Zusammenarbeit mit Ulrike Almut Sandig zog sich quer durchs TransStar-Projekt. Ihre Erzählung „Salzwasser“ wurde in alle Projektsprachen übersetzt. Die gemeinsame Übersetzung dieses Textes ins Ukrainische befindet sich ebenfalls in diesem Band. Außerdem entstand eine musikalisch-poetische Installation aus dem Original und all seinen Übersetzungen, die auf CD erhältlich ist. Die Autorin hat das Projekt mit ihren Lesungen begleitet, unter denen die gemeinsame Performance mit Grigory Semenchuk bei der Kiewer Buchmesse „Book Arsenal“ im April 2015 besonders hervorstach.

Auch die teilnehmenden Universitäten erhielten neue Impulse: auf Grundlage der Erfahrungen werden neue Kurse für literarisches Übersetzen ausgearbeitet und die Arbeit in Form von Übersetzungsworkshops und Sommerschulen fortgeführt. Auch hier sind die in den drei TransStar-Jahren entstandenen Kontakte zwischen Wissenschaftlern, Lehrenden und Studenten von großem Wert.

Das gesteckte Ziel wurde also offensichtlich erreicht: Junge Übersetzer erhielten eine gute Ausbildung, wichtige praktische Erfahrungen und erste Veröffentlichungen, verschiedene Kulturgemeinschaften erfuhren mehr über einander und arbeiteten an einem besseren gegenseitigen Verständnis und die Leser in den teilnehmenden Ländern können nun sehr gute und charakterstarke Texte aus anderen Literaturen lesen, die alle eine Variante der globalisierten Welt zeigen, eine auf persönliche Werte aufgebaute Welt, eine Welt, in der Unterschiedliches gleichen Wert hat, in der es unzählige Normen gibt, weil die Texte alles Menschliche als Norm nehmen und das Konzept „Unnormal“ nicht kennen, eine Welt, in der es keine Fremden gibt und alle anders sind.

Föhliches und erfolgreiches neues Jahr wünscht TransStar Europa!

31. 12. 2015

Ein neues Jahr hat seine Pflichten,
ein neuer Morgen ruft zur frischen Tat.
Stets wünsche ich ein fröhliches Verrichten
und Mut und Kraft zur Arbeit früh und spät.

Johann Wolfgang von Goethe

Wege zur Übersetzung

9. 12. 2015

Wege zur Übersetzung: ein literarischer Abend mit der deutsch-slowenischen und slowenisch-deutschen Gruppe des Projekts TransStar Europa

Am 1. Dezember 2015, zwei Tage vor dem Geburtstag des slowenischen Nationaldichters France Prešeren, und einen Monat vor dem offiziellen Abschluss des Projekts TransStar Europa, haben die deutsch-slowenische und slowenisch-deutsche Gruppe des Projekts TransStar einige der Übersetzungen, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind, einem breiteren Publikum vorgestellt. Die TeilnehmerInnen luden zu einem literarischen Abend im Slowenischen Lesesaal in Graz ein, der in den letzten Jahren zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, die für die slowenisch-österreichischen Beziehungen von großer Bedeutung sind, beherbergte, und damit zum kulturellen Austausch und zum „Zusammenleben“ zwischen der deutschen und slowenischen Sprache verhilft.

Im Oktober 2015 erschien im Verlag der Philosophischen Fakultät Ljubljana eine zweisprachige Sammlung der Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe betitelt Pet poti do prevoda [Fünf Wege zur Übersetzung], die vorgestellt wurde und aus der Alenka Lavrin, Irena Smodiš und Janko Trupej Übersetzungen von Silke Scheuermann, PeterLicht und Stefan Zweig gelesen haben. Tjaša Šket, Daniela Trieb und Anja Wutej aus der slowenisch-deutschen Gruppe lasen Übersetzungen von Stanka Hrastelj, Katja Perat und Jani Virk, die im Laufe des Projekts in der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN veröffentlicht wurden und die vor einigen Monaten auch in dem Buch Geschichten Erzählen erschienen sind. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch das Projekt TransStar Europa von der TransStar-Koordinatorin für Slowenien Tanja Žigon und der Mentorin der slowenisch-deutschen Gruppe Daniela Kocmut kurz vorgestellt. Die gut besuchte Lesung wurde von Irena Smodiš und Anja Wutej moderiert und war ein voller Erfolg.

Hier finden Sie einige Fotos des Abends.

von Janko Trupej

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Wege zur Übersetzung: ein literarischer Abend mit den ÜbersetzerInnen des Projektes TransStar Europa

1. 12. 2015

Das Projekt TransStar Europa, der Slowenische Lesesaal in Graz, das ITAT Graz und die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN laden ein zur Veranstaltung

Wege zur Übersetzung: ein literarischer Abend mit den TeilnehmerInnen der deutsch-slowenischen und slowenisch-deutschen Gruppe des Projekts TransStar Europa am Dienstag, den 1. Dezember 2015, 18.00 Uhr

im

Slowenischen Lesesaal in Graz, Veranstaltungsraum der Steiermärkischen Landesbibliothek, Kalchberggasse 2/Joanneumsviertel, 8010 Graz (Einladung im PDF-Format).

Moderation: Irena Smodiš & Anja Wutej

zweisprachige Veranstaltung

Mitwirkende:

Ana Dejanović, Alenka Lavrin, Daniela Trieb, Janko Trupej

Im Oktober 2015 erschien im Verlag der Philosophischen Fakultät Ljubljana eine zweisprachige Sammlung mit Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe mit dem Titel Pet poti do prevoda [Fünf Wege zur Übersetzung] (Ljubljana, 2015), die vorgestellt wird und aus der einige Übersetzungen gelesen werden. Die slowenisch-deutsche Gruppe, die ihre Übersetzungen im Laufe des Projekts in der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN und im Buch Geschicht(en) erzählen (Berlin, 2015) veröffentlicht hat, wird einige dieser übersetzten Texte vorlesen.

Gelesen werden u. a. Übersetzungen von Silke Scheuermann, Katja Perat, Peter Licht, Jani Virk und Stefan Zweig.

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen!

Jurko Prochasko: Warum sich mit ukrainischer Kultur beschäftigen?

1. 11. 2015

Erschienen als Beitrag zum Projekt “Übersetzungswürfel – Sechs Seiten europäischer Literatur und Übersetzung” im Magazin Nr. 25 der Kulturstiftung des Bundes.

Jurko Prochasko

Warum sich mit ukrainischer Kultur beschäftigen?

Gedanken zu einer Theorie unauratischer Kulturen

Viele Begegnungen bergen die Gefahr, in eine Beziehung zu münden. Jede Auseinandersetzung verrät bereits immer eine. Umgekehrt: Jede Beziehung setzt ein Interesse, eine Auseinandersetzung, eine Beschäftigung miteinander voraus.

Ließe man sich einmal ernsthaft auf die ukrainische Kulturgeschichte ein, würde man ziemlich schnell feststellen, dass alle ihre Hauptentwicklungslinien und zentralen Episoden integrale Bestandteile der gesamteuropäischen Kultur und Geschichte, ja von ihr gar nicht wegzudenken sind. Ohne den gesamteuropäischen Kontext ist die gesamte „ukrainische Idee“ nicht zu erklären, ohne sie ergibt sie keinen Sinn, bleibt sie ein Torso. Bloß: Was ist diese „gesamteuropäische Kultur“? Wer definiert sie und wie verorten wir darin die ukrainische Kultur?

Man hat im westlicher gelegenen Europa zur Ukraine, ihrer Kultur und Geschichte in der Regel keine richtige Beziehung, genauer, so gut wie keine, und ganz ehrlich: eigentlich überhaupt gar keine. Man hat sich mit dem Land kaum beschäftigt und beschäftigt sich auch weiterhin kaum mit ihm. Warum auch? Man stellt sich die Ukraine als ein sehr junges Land vor (das sozusagen gerade erst auf der Landkarte aufgetaucht ist), bar jeder Geschichte. Trotz seiner Größe ist es nicht ausreichend gewichtig, es ist zu wenig interessant, zu wenig geheimnisvoll und nicht sexy genug, als dass man sich mit ihm befassen müsste. Seit den jüngsten Ereignissen hält man es vielleicht allenfalls für gefährlich. Lohnt es sich überhaupt, sich auf Länder wie die Ukraine einzulassen? Kann man kulturell von ihnen profitieren? Oder wäre das nicht sogar kontraproduktiv: Vielleicht macht einen das nur depressiv, wenn man sich mit dem ganzen Ausmaß an erahnbaren Tragödien auseinandersetzte, die sich dort abspielten und vielleicht immer noch abspielen, von denen man besser gar nichts wissen will?

Es scheint komfortabler, in diesem liebgewonnenen Unwissen zu verharren, denn damit bleiben alle Möglichkeiten offen: Eine herrliche Fremdheit, am besten sogar Exotik, die die Überzeugung bestärkt, das alles gehöre nicht dazu, das alles habe mit uns nichts zu tun. Will man wirklich diese Flächen opfern, auf die sich so herrlich projizieren lässt?

Meist beschäftigt man sich ja mit einer Gegend, weil diesem Land, dieser Stadt eine bestimmte Aura vorausgeht. Je klarer die Kontur dieser Aura, desto strahlender ist sie. Mit Wien geht es uns so oder mit Andalusien oder mit Samarkand.

Diese Aura beruht auf sedimentiertem Geschichtswissen und funktioniert auch, ohne dass oder bevor man sich mit der Kultur auseinandersetzt. Voraussetzung dafür ist, dass die Geschichte für wichtig erachtet wird. Das wiederum hat mit dem Gewicht eines Landes zu tun. Gewicht wird gemessen entweder am heutigen (geo-)politischen Gewicht oder am Gewicht des Beitrags für die Menschheitskultur.

Die Ukraine gehört nicht zu den Ländern mit Gewicht. Ihre Geschichte wird jenseits der Landesgrenzen nirgendwo gelehrt oder gelernt. Man weiß dementsprechend auch nichts von der dortigen Kultur. Die Ukraine gehört zu den Ländern, denen so gut wie keine Aura vorauseilt. Von diesen unauratischen Ländern gibt es mehrere – um nur in Europa zu bleiben: die Slowakei, Albanien, Belarus, Moldawien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland … Ungarn und Polen beispielsweise gehören bereits einer anderen Kategorie an, weil sie zwar keine heutigen, aber sehr wohl die Großmächte von einst sind. Sie haben historisches Gewicht.

Je weniger Aura ein Land umgibt, umso mehr Platz gibt es für negative Stereotypen (denn Aura bedeutet in den meisten Fällen nichts anderes als positive Klischees).

Kommt es in diesen unauratischen Ländern zu Revolte, Krieg oder Gewalt und dauern diese dann lange genug, so dass auch das fernere Ausland begreift, dass nicht nur das Ursprungsland, sondern auch Länder oder größere Gebiete der auratischen Kultur betroffen sind, ist man zunächst gezwungen, sich mit dem aktuellen Geschehen dort auseinanderzusetzen. Eskaliert die Gewalt und wird das Geschehen zu unübersichtlich, beschäftigt man sich allmählich auch mit der Geschichte des Landes. Wird die Situation schließlich als bedrohlich empfunden, befasst man sich auch mit seiner Kultur. Denn Kultur wird gemeinhin dem Krieg entgegengesetzt, man erblickt darin das Gegengewicht und Mittel gegen Krieg und Gewalt schlechthin. Ob dies nun wirklich so ist, sei dahingestellt, die Illusion aber wollen wir aufrechterhalten. Auffallend ist, dass die Frage nach der Kultur unauratischer Länder sich erst dann stellt, wenn dort etwas passiert, was nich nur das Dort, sondern das auratische Hier bedroht.

Dieser Umstand verrät etwas über das Verhältnis von Gewalt, Kultur und Wahrnehmung. Gewalt ist ein wichtiges Fundament, ja offenbar eine unabdingbare Voraussetzung „großer Kulturen“. „Kleine Kulturen“ werden oftmals erst durch Gewalt wahrgenommen. Das ist kein Wunder – denn auch die großen (auratischen) Kulturen basieren auf Gewalt. Flämische Tapisserien, Tizian-, Velásquez- und Rubensbilder, Kunst-, Schatz- und Rüstungskammern, antike, orientalische und ethnologische Sammlungen, die exzeptionelle Dichte und Qualität von Kirchen, Klöstern, Schlössern und Palais, von herrlichen und herrschaftlichen Gartenanlagen, Orangerien, das Niveau von Universitäten, Akademien und Bibliotheken, erstklassige Museen und Galerien sind eben nicht einfach so gegeben. Sie sind fast immer Folgen einer imperialen Herrschaft, fast immer in Vielvölkerreichen. Oder zumindest im Raum einer Großmacht.

Auch in der Ukraine ist viel entstanden: Ikonen, byzantinisch geprägte Romanik, Heldenepen, Holzkirchen, bestickte Blusen, Gogol, Bulgakow, Malewitsch, Celan, Bruno Schulz, Joseph Roth. Aber alles, was seinen Ursprung in der heutigen Ukraine hat, ist zugleich Vielvölkerimperien geschuldet oder verdankt, in diesem Fall mehreren zugleich. Diese Tatsache wird nicht mit der ukrainischen Kultur in Verbindung gebracht, weil die Ukraine als politisches und historisches Gebilde nie eine Rolle gespielt hat.

Umgekehrt kennen auch die Ukrainer die „eigene“ Kultur nicht gut genug, um daraus eine narzisstische Ressource zu machen. Sie sind allzu oft hin- und hergerissen zwischen kompensatorischem Größenwahn ( ~ Unsere Kultur ist die älteste und alle wichtigen Künstler sind in Wirklichkeit Ukrainer) und resignativer Verzweiflung (~ Es ist alles nichts, wir haben gar nichts vorzuweisen; wenn man sich messen wollte mit den „richtigen“ Kulturen, wäre es ein einziges Desaster; lieber gleich aufgeben und sich einer großen und bedeutenden Kultur anschließen).

So offenbart sich ein weiteres Phänomen: unsere Neigung, die kulturellen Errungenschaften ehemaliger Vielvölkerreiche mit der Titular-, sprich Imperialnation gleichzusetzen, und die Kulturen aller anderen Völker entweder gar nicht zur Kenntnis zu nehmen oder auf schiere Folklore, auf die bäuerliche Kultur zu reduzieren. Österreich ist heute Kultur pur, die Ukraine ist kulturelles Niemandsland.

Es bedurfte Revolten, damit man auf ein europäisches Land wie die Ukraine aufmerksam geworden ist. Es bedurfte eines Krieges gegen dieses Land, als Strafe für die versuchten Revolten, bis man nun anfängt, nach seiner Kultur zu fragen. Da ist er wieder, der intime, der psychologische Zusammenhang zwischen Gewalt und Kultur, der sich in unserer Neigung offenbart, „große“, „richtige“, „hohe“ Kulturen mit den (post-)imperialen gleichzusetzen. Dabei mag noch so viel historische Aufklärung und Aufarbeitung geleistet worden sein, mögen Eroberungen, Kriege, Unterjochung noch so scharf wie scharfsinnig veurteilt werden – die Faszination (post-)imperialer Kulturen scheint darunter überhaupt nicht zu leiden, als wären sie ein besonderer, von allen gewaltsamen Aspekten isolierter Bereich des reinen und unbefleckten Geistes. Auf die (post-)imperiale Kultur kann man ohne schlechtes Gewissen stolz sein. Ja mehr noch, gerade die Gewalt macht diese Kultur sexy.

Einerseits postuliert man Gewalt und Kultur als Gegensätze. Andererseits kommt das imperiale Denken wieder durch die Hintertür herein: In der Unterscheidung zwischen Zentrum und Peripherie feiert es fröhliche Urständ und hält sich hartnäckig. Der Tendenz, Kultur als zentral oder peripher zu lokalisieren, und diese Loci dann zu verewigen, ist nicht beizukommen. (Kultur-)„Metropole“ und „Provinz“ gehören – entgegen jedem Anschein und trotz aller Konjunktur – in Wirklichkeit zu den am wenigsten reflektierten Begriffen.

Diese peripheren, unauratischen Länder stehen im Abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Das offenbart eine traditionelle Schwäche sowohl des Westens als auch des ihm in seinem Kanon nacheifernden Restes der Welt: die Schwierigkeit bis Unmöglichkeit, sich eine wirklich attraktive Kultur anders vorzustellen als (post-)imperial.

Diese mangelnde Fantasie verdeckt eine Reihe von Schwierigkeiten, denen man sich nicht stellen will. Eine wirkliche Auseinandersetzung kostet Mühe, und man ist nicht sicher, ob dieser Aufwand sich lohnt. So wehrt man sich gegen die Komplexität mit zwei Strategien: Entweder man erklärt die ukrainische Geschichte für zu unübersichtlich und folglich für unverständlich. Man kapituliert vor der komplexen Anforderung, ein Narrativ für die ukrainische Kultur zu entwickeln. Oder man ordnet sie anderen, den „wirklichen“ Geschichten (der russischen, der habsburgischen) als Unterkapitel zu.

Beides macht etwas ganz offensichtlich: die kardinale Schwierigkeit des Westens, sich – trotz aller Beteuerungen, der Arbeit an sich und seinen verdrängten hegemonialen Mentalitätsderivaten – den Nutzen und die Notwendigkeit anderer Geschichtsmodelle als des eigenen, (post-)imperialen, einzusehen.

Aber gerade daran könnte die kulturelle Ignoranz oder Arroganz ja auch ein wenig genesen. Denn sich damit zu beschäftigen, heißt, die meist unbewussten, aber immer übermächtigen Mechanismen ein wenig zu begreifen, mit denen verschiedene Kulturen in Europa – und verschiedene Geschichten – hierarchisiert, gewertet und (nicht) wahrgenommen werden.

Eine genaue Auseinandersetzung mit einer Kulturgeschichte erschwert nämlich das Beibehalten der Projektionen und Vorurteile, die Überzeugung, man wisse es sowieso alles viel besser, ganz enorm. Sie unterminiert erheblich die Neigung, „Provinzialitäten“, „Ränder“ und „Peripherien“ auch noch geografisch festlegen und in dieser so geschaffenen Ordnung den Überblick haben zu wollen. Stattdessen ist man gezwungen, die entsprechende Gemeinschaft ernst zu nehmen, ohne einfach in das falsche Pathos von der natürlichen Ebenbürtigkeit aller Kulturen zu verfallen.

Wenn wir Europa wirklich ernst nehmen würden, würden wir es kaum anders denken als ein kulturelles Kontinuum, nicht im Sinne von friedfertiger Widerspruchslosigkeit, sondern als ein Gebilde, das man ohne die größeren Kontexte nicht adäquat verstehen kann – nicht die herrliche Größe der großen Kulturen, aber auch nicht die vermeintliche Misere der unauratischen. Wir müssen uns die entscheidende Frage stellen, ob wir in das große Konzert europäischer Kultur nur Exzellentes aufnehmen wollen, nur Höhenflüge. Damit verliert man aber Zusammenhang und Zusammenhalt. Ohne diese Zusammenhänge wird es immer Lücken geben, umso größere, als sie nicht einmal bemerkt werden dürften. Warum ist man bereit, diese Lücken entstehen zu lassen, warum duldet man sie? Die unauratischen Kulturgeschichten verraten unter anderem auch das Verdrängte, das Verschmähte und Peinliche europäischer Kultur, vom Verbrecherischen ganz zu schweigen.

Denn Kultur ist nicht nur dazu da, Großartiges, Glanz und Gloria zu zelebrieren, sondern auch die tiefsten Täler unserer Existenz zu reflektieren. In den unauratischen Kulturen werden sie weniger mit Dekor verdeckt. Für Tragödien ist immer Material da, für Dekor nur gelegentlich.

Vielleicht täte es auch den „großen Kulturen“ gut, sich einmal im Spiegel der unauratischen zu betrachten, ihre Entwicklungen, Institutionen und Verwicklungen. Noch besser wäre es allerdings, diese beiden als ein wechselseitig bedingtes, wenn auch vielfach gebrochenes Kontinuum zu sehen.

 

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