Mit dem Kulturzug nach Pilsen

13. 10. 2015

Den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ teilen sich in diesem Jahr das belgische Mons und das tschechische Pilsen. Die tschechisch-deutsche Gruppe machte sich auf den Weg in die westböhmische Stadt, die mit vielen Aktionen 2015 auf sich aufmerksam machte und zeigte, dass sie weitaus mehr zu bieten hat als Bier und Industrie. So fuhr zum Beispiel von Januar bis September am Wochenende der  „Zug zur Kultur“ von Regensburg nach Pilsen und zurück, Veranstalter dieser Aktion war das Zentrum Bavaria Bohemia (CeBB). Hier hatten Musiker, Literaten und Unterhaltungskünstler Raum und eine Stunde Zeit, den Reisenden die Fahrt kurzweilig zu gestalten und leisteten gleichzeitig einen Beitrag zum kulturellen Geschehen beider Länder – nicht zuletzt auch mit dem Fokus auf  kulturelle Vermittlung zwischen beiden Ländern. Angekündigt als Transstar-Gruppe, traten Martina Lisa, Martin Mutschler und Daniela Pusch am 26.09.2015 im Zug zur Kultur auf. Was dem gewöhnlichen Regionalzug sein Mehrzweckabteil, das war im Kulturzug die Bühne. Hier gab es genug Platz für Performer, Technik und Publikum, das sich auf die Klappsitze rundherum niederlassen oder einen Stehplatz nach Belieben wählen konnte. So lösten sich die Grenzen zwischen den Vortragenden und den Zuhörenden auf, man war sich nah, und wären da nicht das ständige Gerappel und Gerüttel und die üblichen Durchsagen für die Fahrgäste gewesen, hätte man auch von Wohnzimmeratmosphäre sprechen können. Die Transstar-Gruppe hatte vor allem Lyrik auf dem Programm, die von Marie Jiránková ästhetisch ansprechend gestaltete Lyrikfahrkarte bot den Reisenden einen Vorgeschmack:

   ich stell mir vor

   red mir ein

   hier

könnte

ich

auch

   leben

Wörter, die so schnell an einem vorbei ziehen wie die Landschaft hinter dem Fenster bei einer Zugfahrt: Rekvizity – ein Gedicht von Jan Těsnohlídek, das uns da abholte, wo wir waren, im Zug. Das Zugfahren also als Rahmen, dazu noch ein paar prosaische einleitende bzw. abschließende Worte von Karel Aksamit (Vlakové cesty – Zugfahrten) und Jiří Hajíček (Auszug aus dem Roman Rybí krev – Fischblut). Dazwischen Nostalgisches von Jan Těsnohlídek (To nejvíc nejhezčí z podzimu – Das mit Abstand Schönste vom Herbst), Melancholisches von Jiří Daníček (Dvě lod’ky – Zwei Schiffchen), raue Töne von Petr Hruška (Chlapče – Junge!), Meditativ-Poetisches mit einem Augenwinkern von Jaromír Typlt (Víčka – Die Deckel) oder Verspieltes von Ondřej Buddeus (rtf.-Gedichte). Übersetzt und vorgetragen von Martina Lisa, Martin Mutschler und Daniela Pusch – mal als Dialog, mal versetzt als Echo, mal mit tschechischen Originaltönen, mal aus dem vorderen Bereich und mal aus der hinteren Ecke kommend. So vielseitig die Texte waren, so abwechslungsreich wirkten sie auf das Publikum, das die Stimmungen schnell auffing und merklich mitging. Lyrik mal anders, Zugfahren mal anders.

Am Abend desselben Tages fand eine zweite Lesung  des Trios in Pilsen als Veranstaltung der Reihe „Meeting Literature“ in der Deutschen Bibliothek statt. Diesmal war es ein reiner Lyrikabend, wobei die Gedichte mit wechselnden Sprechern zweisprachig vortegtragen wurden. Das Repertoire wurde dramaturgisch nur leicht geändert, mit großer Wirkung. Anders waren allerdings Rahmen, Bühnensituation und Publikum. Deutlicher hätte man es wohl nicht erleben können, was so viele „alte Hasen“ behaupten: Jede Lesung ist einmalig!

Fotos

von Daniela Pusch

Monographie von Maria Ivanytska “Die Persönlichkeit des Übersetzers in den deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen

27. 9. 2015

Am cover11. September wurde die Monographie von Maria Ivanytska “Die Persönlichkeit des Übersetzers in den deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen” im Rahmen der 22. Lwiwer Buchmesse präsentiert.

Das Buch analysiert den Transfer ukrainischer Literatur in den deutschsprachigen Raum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart und setzt sich mit soziokulturellen, politischen und persönlichen Kontexten dieses Transfers auseinander. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Übersetzer: seine sprachliche Persönlichkeit, sein translatorisches Handeln und die Vielfalt seiner sozialen Rollen. Es wird ein Versucht gemacht, den Einfluss des Übersetzers auf die Herausbildung des Ukraine-Bildes in deutschsprachigen Ländern zu erörtern, Asymmetrien auf dem deutsch-ukrainischen Übersetzungsfeld zu erklären, Perioden des Literaturtransfers zu beschreiben und die ganze Reihe von Übersetzern als polyfunktionelle Kulturmittler vorzustellen.

Zum Publikum gehörten hauptsächlich Lektoren und Studierende der Iwan-Franko-Universität Lwiw sowie ukrainische Übersetzer. Im Gespräch zwischen Maria Schubtschyk und Maria Ivanytska wurden auch politischen Faktoren bei Übersetzung von  Texten der ukrainischen Literatur thematisiert und ideologische Manipulationen anhand von konkreten Beispielen demonstriert. Besonders ausführlich wurde über Übersetzer Anna-Halja Horbatsch, Claudia Dathe und Sabine Stöhr gesprochen, die den wichtigsten Beitrag zur Popularisierung ukrainischer Literatur in Deutschland geleistet haben (Foto).

Das Buch ist im Internet direkt beim Verlag zu bekommen oder in Buchhandlungen »Книгарня Є«

Das österreichische Bundeskanzleramt stellt in Kooperation mit KulturKontakt Austria für das Jahr 2016 Stipendienplätze in Wien zur Verfügung.

2. 8. 2015

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das österreichische Bundeskanzleramt stellt in Kooperation mit KulturKontakt Austria für das Jahr 2016 Stipendienplätze in Wien zur Verfügung.

Anbei finden Sie die Ausschreibungsunterlagen in englischer und deutscher Sprache (PDF1, PDF2, PDF3).

Wir ersuchen Sie um Weiterleitung der Unterlagen innerhalb Ihres Netzwerks, an MultiplikatorInnen, an Bildende KünstlerInnen / künstlerische FotografInnen / KomponistInnen / Video- und MedienkünstlerInnen / SchriftstellerInnen / literarische ÜbersetzerInnen und KulturvermittlerInnen ebenso wie an KünstlerInnen, die interdisziplinär arbeiten (z.B. im Bereich Kunst und Wissenschaft), und die an einer Residency in Wien oder Salzburg interessiert sein könnten. Bitte beachten Sie die Einreichfristen 31. August bzw. 15. September 2015 (je nach Kunstsparte).

Mit herzlichen Grüßen

Brigitte Burgmann-Guldner & Nicole Marjanovic-Zoubek

 

KulturKontakt Austria
Artists in Residence Programmes
Projektkoordinatorin

Universitätsstraße 5
1010 Wien/Vienna
t +43 1 523 87 65-47

f +43 1 523 87 65-20
brigitte.burgmann@kulturkontakt.or.at

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Übersetzertage in Kiew

13. 6. 2015
Im Rahmen des Projektes TransStars Europa fand im Juni 2015 sowohl die Präsentation des Buches von Maria Ivanytska als auch eine Veranstaltung mit Julija Mykytyk und Valentyna Bilokrynytska statt. Der Titel der Veranstaltunng war: Odyssee des Übersetzers zwischen Form und Inhalt. Die TransStar-Teilnehmerinnen sprachen mit erfahrenen Übersetzern über die Herausforderungen der Lyrik-Übersetzung. Ferner wurde auch die Camera-Obscura-Ausstellung eröffnet.
Das Programm finden Sie hier und einige Fotos hier.
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Übersetzen – Einige Gedanken von Lukas Laski

11. 6. 2015

Ich wurde mit nur einem Ohr geboren, das Polnisch verstehen lernte. Je mehr es davon aufnahm, desto hellhöriger wurde es und besser geeicht auf diese Art des Hörens. Aber bevor es sich diese Sprache zur Gänze einverleiben und reifen konnte, überschritt ich eine unsichtbare, nur hörbare Grenze und mir begann ein weiteres Ohr zu wachsen, das Deutsch verstehen lernte und sich voll entwickeln durfte. Damals fing auch meine Zunge an sich zu spalten. Die eine Seite ist flink und spitz. Sie ist sehr geschickt und verspielt, dank ihr spreche ich deutsch. Die andere Seite ist unsicher und ungeschickt, doch ihr Geschmacks- und Tastsinn ist feiner. Ihre Fähigkeit zu unterscheiden und zu genießen ist ausgeprägter, dank ihr spreche ich polnisch. Häufig spielen sie miteinander oder erzählen sich allerlei Geschichten und Witze, halten zusammen und helfen sich gegenseitig, aber sie streiten auch oft und kämpfen gegeneinander. Als sich meine Zunge spaltete, verdoppelte sich meine Welt. Doppeltes Sein, doppelte Pein, bringt mir aber auch sehr viel ein. Meine Nächte sind doppelt so lang, dafür scheinen mir tagsüber zwei Sonnen. Die zwei Höllen werden durch zwei Himmel ausgeglichen. Nur weil man doppelt sieht, schielt man noch nicht. Es hat also nicht nur Nachteile, zwischen den Stühlen zu sitzen. Mit ein wenig Übung kann es sogar sehr bequem werden. Gut zusammengestellt und ein bisschen gepolstert lassen sie sich zu einer Art Sofa umfunktionieren, auf dem auch ein entspanntes Nickerchen möglich ist. Oder man benutzt sie als Schild und Waffe, poltert und schlägt zur Verteidigung mit ihnen um sich, bläst aber auch wenn nötig zum Angriff.

Da sitze ich also, mit meiner gespaltenen Zunge und meinen ungleichen Ohren auf meinen beiden Stühlen. Ist es verwunderlich, dass ich als Übersetzer arbeiten möchte? Was sollte ich den anderes machen? Weder liegt mir daran Wolkenkratzer oder Luftschlösser zu bauen, dafür gibt es genug Freiwillige, noch am Verkauf von Automobilen und Mobiltelefonen, da ich bezweifle, dass die Welt noch mehr davon braucht. Ich habe es einmal mit dem Programmieren versucht, erfolglos, obwohl es sich dabei letztlich um nichts anderes handelt als Übersetzungsarbeit. Mittels exakt formalisierter höherer Programmiersprachen wird per Quellcode einer Prozessoreinheit ein Befehl kommuniziert, der von einem Compiler in die binäre und prozessorabhängige Maschinensprache übersetzt wird. Mit einem Decompiler lässt sich die Sprache der Maschinen in eine dem Menschen verständliche rücküberführen. Aber die Themen, über die man so mit den heutigen Computern sprechen kann, sprechen mich nicht an. Darum wandte ich mich von den Maschinensprachen ab, obwohl ihre kalte Präzision faszinierend ist, und zu den Menschensprachen hin, die nicht nur mit dem Kopf und den Händen gesprochen werden.

Dann hatte ich Glück, denn ich erfuhr von einem Projekt namens TransStar, in dem nicht nur das Übersetzen, sondern zugleich der Übersetzer im Mittelpunkt steht. Meine halben Zungen und ungleichen Ohren sprachen sich ab und wir bewarben uns. Dann hatte ich noch mehr Glück, denn ich schaffte es und wurde in den Kreis derer aufgenommen, die als Teilnehmer zwischen einigen Ländern Europas hin- und herfahren konnten, um an Vorträgen, Workshops, Lesungen und Diskussionen teilzuhaben. Darum packte ich meine zwei Stühle ein und brach auf, denn zu übersetzen heißt auch immer überzusetzen. Mit Gleichgesinnten tauschte ich mich aus sowohl während der Veranstaltungen als auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten und dem einen oder anderen Bier. Kennst du dieses Buch? Was heißt jenes in deiner Sprache? Wie würdest du das übertragen? Hast du diese oder jene Konnotation des Wortes bedacht? Fast jedes Wort legten wir auf die Goldwaage, überprüften in unseren Werkstätten jeden kleinen Bestandteil des Ganzen wie Uhrmacher, die Schritt um Schritt ihr Werk zum Ticken bringen wollen.

Also setzten wir über, Mal in jene Stadt, Mal in jenes Land, nur an einem Ort war ich bereits vorher schon gewesen, aber das machte nichts, denn ich mochte ihn von der ersten Begegnung an. Alle weiteren Orte waren mir davor bestenfalls dem Namen nach bekannt und wären es ohne dieses Projekt auch sicherlich noch lange geblieben. Aber innerhalb von drei Jahren konnte ich alle paar Monate in eine Stadt reisen, die mir entweder schon gefiel oder während des Aufenthaltes zu gefallen begann. Diese Reisen schlugen immer wieder Breschen in die Betonmauern des grauen Alltags, den die einzüngigen und symetrischen Einstühler mir vorsetzten. Doch nun neigt sich TransStar seinem Ende zu und ich muss sagen, dass selbst wenn es mir nicht gelingen sollte weiterhin zu übersetzen, selbst wenn ich jene Orte nie wieder besuchen könnte, bleibt meine Teilnahme ein Glück. Denn sie hinterließ bleibende Spuren: Meine ungleichen Ohren haben sich ein wenig angeglichen, die Stühle haben einen neuen komfortablen Bezug erhalten und meiner Zunge fällt es einfacher in eine Richtung zu zeigen. Meinen herzlichsten Dank!

von Lukas Laski und Łukasz Łaski

Ein Film über die Übersetzungswürfel-Veranstaltungen in Ljubljana

25. 4. 2015

Projekte TransStar Europa und Übersetzungswürfel in Ljubljana (15.-18. April 2015)

Ein Film (hier) über die Übersetzungswürfel-Veranstaltungen in Ljubljana, 15.-18. April 2015.

Nette Begegnungen, spannende Diskussionen, interessante Lesungen und musikalische Intermezzos. Danke an alle, die dabei waren! Es war sehr schön.

Einige Gedanken über die Funktionen soziolektaler Elemente in literarischen Texten und deren Übersetzung

27. 3. 2015

Es scheint, als hätte jahrhundertelang niemand an der Standardsprache als adäquate Form für die Literatur gerüttelt. Plötzlich erscheinen soziolektale Formen in literarischen Werken und stellen die bisherigen Sprachnormen in Frage. Wo endet die Standardsprache wo beginnen die Soziolekte? In welchem Verhältnis steht ein Soziolekt zur Standardsprache? Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die Sprache ein Diasystem mit mehreren Subsystemen ist. Diese Subsysteme oder sprachlichen Varianten können als Dialekte, Soziolekte usw. definiert sein, je nach theoretischem Ansatz gehen hier die Verteilungsmuster auseinander. Bei Soziolekten handelt es sich um verschiedene sprachliche Formen, die jeweils in einer bestimmten, komplexen Relation zueinander und zur Standardsprache stehen. In einer sprachlichen Handlung werden auf metasprachlicher Ebene (zusätzliche) Informationen über den Sprecher und bestimmte Konnotationen vermittelt. Die Verwendung eines Soziolekts erfüllt somit bestimmte Funktionen in der Kommunikation.

Werden soziolektale Elemente in einem literarischen Text verwendet, verschieben sich gewisse Bedingungen aufgrund der veränderten Gegebenheiten. Die Literatur ist als eine gesellschaftliche Institution zu betrachten, die die Fiktion als wichtigstes Merkmal aufweist und einen wichtigen Teil des imaginativen Diskurses einer Gesellschaft darstellt. Fiktionale Texte wecken beim Leser bestimmte Erwartungen (vgl. Skubic 2005: 105-107).

Im Laufe der schrittweisen Verschriftlichung der Kultur und der Standardisierung der Sprache stehen Standardsprache und Soziolekte bei der Verwendung als Sprache für literarische Texte immer wieder in unterschiedlicher Beziehung zueinander. Die Schreibweise einer Epoche weist spezifische Merkmale auf, die sich von denen einer anderen unterscheiden. Roland Barthes beschreibt diese sich historisch verändernden Verhältnisse in seinem Werk Am Nullpunkt der Literatur. Durch die Neuorientierung in der Verwendung von Sprache in der Literatur werden literarische Normen aufgebrochen und gesellschaftliche Gegebenheiten auf anderen sprachlichen bzw. literarischen Ebenen dargestellt. Barthes (1982: 93-94) erläutert dazu detailliert:

„Während dieser Augenblicke, in denen der Schriftsteller den tatsächlich gesprochenen Sprachen folgt, nicht weil sie pittoresk sind, sondern weil sie die wesentlichen Objekte darstellen, die den ganzen Gehalt der Gesellschaft ausschöpfen, mach die Schreibweise die tatsächliche Rede der Menschen zu einem Ort für ihre Reflexe; die Literatur [...] weist sich als Aufgabe zu, unmittelbar, noch vor jeder anderen Botschaft, zu berichten von der Situation der Menschen, die eingemauert sind in der Sprache ihrer Klasse, ihrer Provinz, ihres Berufes, ihres Erbes oder ihrer Geschichte.

In dieser Hinsicht entledigt sich die auf der sozialen Rede fundierte literarische Sprache niemals einer Tugend der Beschreibung, durch die sie begrenzt wird, denn die Universalität einer Sprache ist – im augenblicklichen Zustand der Gesellschaft – eine Erscheinung des Hörens und keineswegs des Sprechens: Im Inneren einer nationalen Norm wie der des Französischen unterscheiden sich die Sprechweisen von Gruppe zu Gruppe, und jeder Mensch ist Gefangener seiner Sprache. Außerhalb seiner Klasse kennzeichnet ihn sein erstes Wort, es situiert ihn und stellt ihn mitsamt seiner Geschichte zur Schau. Der Mensch wird dargeboten und ausgeliefert durch seine Ausdrucksweise, verraten durch eine formale Wahrheit [...]. Die Wiederherstellung der gesprochenen Sprache, die ihren Anfang durch amüsierte Nachahmung des Pittoresken nahm, hat denn auch dazu geführt, den ganzen Gehalt des sozialen Widerspruchs auszudrücken.“

In etwas konkreterer Form unterscheidet Czennia (2004: 508) zwischen textinternen und konnotativen, autorenbezogenen sowie rezipientenbezogenen Funktionen von Soziolekten in literarischen Texten. Wie der Text auf den einzelnen Leser wirkt, spielt eine große Rolle im Rezeptionsprozess. Soziolekte wirken auf bestimmte Weise, rufen Assoziationen hervor. Daraus ergeben sich einige Bedingungen, die bei der Übersetzung von Soziolekten in literarischen Texten zu berücksichtigen sind.

Aus diesen Ausseinandersetzungen wird auch klar, dass der Übersetzer selbst als Rezipient und Sprachproduzent einen nicht zu vernachlässigenden Faktor im Rezeptions- und in weiterer Folge im Übersetzungsprozess darstellt. Trotz des sicherlich feinen Gespürs für Sprache und des durch Ausbildung und Erfahrung erweiterten Bewusstseins für Schwierigkeiten in der Übersetzung zwischen zwei Sprachen bewegt er sich letzten Endes in einem Bereich, der lediglich Teile aller jeweils vorhandenen sprachlichen Varianten abdeckt. Als Rezipient nimmt er einen Text mit seinen Merkmalen subjektiv wahr. Eine Übersetzung ist demzufolge immer eine mögliche Interpretation eines Textes durch ein Individuum zu einem gewissen Zeitpunkt. Der zu übersetzende Text selbst ist bereits eine sprachliche Momentaufnahme soziokultureller Gegebenheiten, der unter Zuhilfenahme übersetzerischer Werkzeuge an einem anderen Moment neu interpretiert wird. Der Übersetzungsvorgang selbst ist komplex. Man begibt sich auf sprachliche Metaebenen und versucht zuerst, die eigenen Eindrücke zu reflektieren und ein grobes Gerüst aus dem Ausgangstext zu erstellen, dabei spezielle sprachliche Formen, mögliche Konnotationen und einen als wahrscheinlich anzunehmenden Eindruck beim Rezipienten zu beachten. Danach kann man mit diesem Gerüst als Schablone den Versuch wagen, ein vergleichbares Gerüst in der Zielsprache aufzubauen. Der Übersetzer sucht für das Netz an sprachlichen Realisierungen etwas Gleichwertiges in der Zielsprache, befindet sich jedoch dabei selbst in einem individuellen, sozialen und historischen Rahmen an Möglichkeiten.

von Daniela Trieb

Literatur

Barthes, Roland (1982): Am Nullpunkt der Literatur. 1. Auflage der deutschsprachigen Ausgabe. Frankfurt am Main.

Czennia, Bärbel (2004): Dialektale und soziolektale Elemente als Übersetzungsproblem. In: Kittel, Harald et. al. (Hg.): ÜbersetzungTranslationTraduction. Ein internationales Handbuch zur Übersetzungsforschung. Berlin. S. 505–512.

Skubic, Andrej E. (2005): Obrazi jezika. Ljubljana.

Myroslaw Dotschynez

11. 3. 2015

Ein bekannter ukrainischer Schriftsteller Myroslaw Dotschynez ist 1959 in Tscherniwzi geboren, hat an der Lwiwer Iwan-Franko-Nationaluniversität an der Fakultät für Journalistik studiert. Er ist Autor von über 20 Büchern, sowie auch Preisträger zahlreicher Prämien und Auszeichnungen, z.B. ein sehr in der Ukraine gewichtiger Schewtschenko-Preis 2014 wurde an Myroslaw Dotschynez für seine Romane „Krynytschar“ („Wasserträger“) und „Horjanyn“ („Bergmensch“) verliehen. 1998 hat er den Verlag „Karpatska Vezha“ gegründet, wo er als Hauptredakteur arbeitet und bei der Veröffentlichung der Bücher mitwirkt.

Insgesamt hat Myroslaw Dotschynez schon über 20 Bücher geschrieben, die bekanntesten darunter sind: „Er und sie“, „Brot und Schokolade“, „Hände und Seele“, „Krynytschar“ („Wasserträger“), „Witschnyk“ („Der ewige Mann“) und „Horjanyn“ („Bergmensch“).

Die Werke von Myroslaw Dotschynez sind für anspruchsvolle Leser geschrieben, Kritiker schreiben, sie seien „eine besondere Insel der ukrainischen Literatur, Bücher von tiefem Sinn“. Myroslaw Dotschynez selber meint, Bücher seien ein Geschenk Gottes, durch die Bücher sprechen wir mit Gott. Bücher sind in seinen Augen keine Unterhaltung, sondern innerliche Freiheit, eine innere Entwicklung.

Beim Schreiben sind für den Schriftsteller die Wortwahl, der Wortschatzreichtum und der Klang der Sprache besonders wichtig. Über sein Schaffen erzählt der Autor folgendes: „Jedes Mal, wenn ich ein Buch zu schreiben beginne, weiß ich nicht, wie es endet. Ehrlich! Ich lebe unter meinen Protagonisten, sie führen mich hinter sich und jedes Mal lehren mich etwas. Also ist jeder Roman für mich eine Mitschrift einer geistigen Entwicklung“.

                 von Julija Mykytyuk

Das EU-Projekt “TransStar Europa” vom 12. bis 15. März 2015 auf der Leipziger Buchmesse

9. 3. 2015

In vier Veranstaltungen und mit mehreren Publikationen präsentiert sich das EU-Projekt “TransStar Europa” vom 12. bis 15. März 2015 auf der Leipziger Buchmesse.

In der Veranstaltung Von fremden Höfen und knarzenden Brettern lesen am 12. März, 17.00 bis 18.00 Uhr im Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E 505 Daniela Pusch und Magdalena Becher unter der Moderation von Martina Lisa urbane Poesie und Prosa der tschechischen Autorinnen und Autoren Alena Zemančíková, Jan Balabán, Ondřej Buddeus, Radek Fridrich und Jan Němec. Am Abend des 12. März heißt es 20.00 Uhr im Theater fact Europäische Geschichte erzählen. Und übersetzen. Autorinnen und Autoren aus den südslawischen Ländern sowie aus der Ukraine präsentieren Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart.

Im Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E 505 präsentiert am Samstag, dem 14. März, 10.30 bis 11.30 Uhr Kateryna Babkina die im Rahmen des TransStar-Projektes entstandene Videopoesie zu Orten des Übersetzens und kommt unter der Moderation von Schamma Schahadat mit ihrer Übersetzerin Sofia Onufriv ins Gespräch über die Wechselwirkung von Orten, Bildern und Texten.

Am 14. März, 21.00 Uhr, stellt Martina Lisa zusammen mit Lena Dorn in der Schaubühne Lindenfels in der Veranstaltung display.eu – zeitgenössische Poesie aus Tschechien, Deutschland und der Slowakei unter anderem den tschechischen Lyriker Ondřej Buddeus vor.

Als Sonderbeilage zur Leipziger Buchmesse erscheint am 10. März Beton International in der taz. Beton versammelt südslawische Autorinnen und Autoren und präsentiert die Ausgabe in einer Veranstaltung am 12. März, 20.00 Uhr in der nato, Karl-Liebknecht-Straße 37. Zu den Übersetzerinnen und Übersetzern der Ausgabe gehören Evelyn Sturl, Paul Gruber, Maja Konstantinovic, Vivian Kellenberger und Anna Hodel.

Zeitgenössische Poesie aus Deutschland, Tschechien und der Slowakei

16. 2. 2015

Seit August 2014 ist das Web-Projekt namens displej.eu (http://displej.eu/) online – eine neue, dreisprachige Plattform für zeitgenössische Poesie. Autor*innen aus Deutschland, Tschechien und der Slowakei kommen hier zu Wort.

displej.eu entstand als ein Gemeinschaftsprojekt von zwei Literaturzeitschriften – der Prager Psí víno [etwa: Wilder Wein] und der Berliner Randnummer – hinter denen die Autoren und Herausgeber Ondřej Buddeus und Peter Dietze stehen. Neben der Web-Plattform, die kontinuierlich erweitert werden soll, ist am 30. Oktober 2014 eine gleichnamige Anthologie erschien. Das Heft ist eine spezielle Ausgabe der beiden Zeitschriften und stellt 14 Autor*innen sowie vier Literaturkritiker vor, die in ihren Essays die zeitgenössische Poesie und deren Formen in den drei Ländern reflektieren.

Alle Texte sind jeweils zweisprachig publiziert: tschechisch-deutsch, slowakisch-deutsch und deutsch-tschechisch. Im Grunde genommen ist es also eine tschecho-slowakisch/deutsche Publikation. Das Übersetzen zwischen dem Tschechischen und Slowakischen, die so eng beieinander liegen, führe ad absurdum und machte aus der Sprache ein Politikum. Dabei steht eine andere Sprache im Mittelpunkt: Die Poesie. „Das Gedicht“, so heißt es im Vorwort, „bleibt ein sprachliches Faktum in HD. Um dieses Faktum, oder besser gesagt «Artefaktum», zu erhalten heißt es Suchen und Entdecken [...]“. Eine ganze Breite an Texten, Ideen, Formen und Verfahren zeitgenössischer Lyrik eröffnet sich hier vor den Leser*innen und lädt ein zu einem Ausflug in die deutsch-tschechisch-slowakische Poesiewelt. Und dieser Ausflug ist auf jeden Fall lohnenswert.

Das auch grafisch sehr ansprechende Heft (Grafikdesign von Štěpán Marko aus Prag) wurde bereits auf der release-Veranstaltung in Prag, sowie bei Präsentationen in Berlin und Bratislava vorgestellt. Weitere Lesungen folgen: Die nächste findet im Rahmen der Leipziger Buchmesse, in der Schaubühne Lindenfels statt: http://www.schaubuehne.com/index.php?id=eventdetails&no_cache=1&eventID=1686&day=1426330625

 Martina Lisa (Leipzig)

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