Das Fremde

29. 5. 2013

Zugegeben – ich beschäftige mich erst seit kurzem mit literarischer Übersetzung. Und trotzdem ist mir schon oft die Diskussion über den Umgang mit dem ”Fremden” im Text untergekommen. Das Fremde im Originaltext solle für Leserinnen und Leser der Übersetzung verständlich gemacht werden. Verständlich soll es werden, zumindest nachvollziehbar, aber nicht zu gewöhnlich, immer noch fremd anmutend.

Wie vor mir Claudia Dathe und Amalija Maček stelle ich mir Fragen. Ich frage mich, ob nicht jeder Text etwas Fremdes in sich hat? Ist den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern Marlene Haushofers Die Wand wirklich vertrauter als den slowenischen?

Ein zweiter Aspekt interessiert mich im Zusammenhang mit dem Fremden. Was ist, wenn ein Text im Original ein Thema behandelt, das dem Lesepublikum des Originaltextes fremd ist, jenem der Übersetzung aber bekannt wäre? Ich denke da etwa an den Comic von Igort Quaderni ucraini, an den Roman What is told von Askold Melnyczuk oder an selbst verfasste Texte, die viel mit der Ukraine zu tun haben. Was würde da mit dem Fremden in der Übersetzung passieren? Finden es Leserinnen und Leser in solchen Fällen befremdlich, wenn andere über das „Eigene“ schreiben?

von Nina Hawrylow

Die slowenischen und die deutschen Leser

27. 5. 2013

Genauso wie die meisten Autorinnen und Autoren überlegen wir Übersetzerinnen und Übersetzer, wer die Bücher liest, die wir übersetzen. Ich bin ebenso wie Amalija Maček mit der Tatsache konfrontiert, dass die Bücher, die ich aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetze, wenige Menschen lesen. Wenn ich mit anderen Menschen über mein Übersetzen aus dem Ukrainischen ins Gespräch komme, sehe ich mich Fragen gegenüber wie: „Ist denn Ukrainisch überhaupt eine eigene Sprache?“ oder „Gab es Ukrainisch auch schon vor 1989?“ Es geht also nicht darum, dass man bestimmte Autorinnen oder Autoren nicht kennt, sondern dass man die Ukraine in Deutschland häufig nicht einmal als etwas kulturell und gesellschaftlich Eigenständiges wahrnimmt. Und dieser fehlende Hintergrund macht es Verlagen und Veranstaltern, aber auch dem einzelnen Übersetzer sehr schwer, die ukrainische Literatur und die Autoren in das deutschsprachige Lesegefüge einzubinden, obwohl sehr viel Literatur übersetzt wird.

Dieses Phänomen trifft auf Deutschland und die deutschsprachige Literatur in Slowenien gewiss nicht zu. Wie sehen denn nun die Leser von Marlene Haushofer in Slowenien aus? Sind es Menschen, die sich in ihrem Arbeitsalltag mit Deutschland beschäftigen? Oder solche, die Interesse an ungewöhnlichen Ideen haben? Sind es Menschen, die sich gern in andere Vorstellungswelten und irritierende Atmosphären hinein nehmen lassen? Ich jedenfalls habe Marlene Haushofers Die Wand mit großer innerer Spannung gelesen: Eine Frau, die auf einem abgelegenen Hof in den Bergen durch eine Wand plötzlich der Möglichkeit beraubt wird, in die Zivilisation zurückzukehren – eine aufregende und erschreckende Vorstellung zugleich, ein Erlebnisraum, den man in der Wirklichkeit nicht findet, sehr wohl aber in der Literatur.

von Claudia Dathe

Für wen übersetzen wir

20. 5. 2013

Neulich erzählte ich bei einem Familienfest überglücklich von meinem aktuellen Übersetzungsprojekt, Marlen Haushofers Die Wand. Entzückt sprach ich davon, dass in diesem Buch nur eine Frau, ein Hund, eine Kuh, ein Stier und einige Katzen vorkämen. Da fragte meine Schwester: »Wer liest denn sowas?«

Es ist eine berechtigte Frage. Schaut man sich die Statistik der slowenischen Buchagentur JAK an, werden in Slowenien meist Kinder-, Kochbücher und sonstige Ratgeber ausgeliehen oder gekauft. Es folgen Bestseller wie Harry Potter, Fifty Shades of Gray usw. Die Klassiker bleiben weit hinten. Von den 5,6 Millionen ausgeliehener Titel bei 2 Millionen Einwohner wurden meine Übersetzungen in 2012 nur ungf. 8.000-mal mit nach Hause genommen. Für mich ist das trotzdem viel. Es ist unheimlich, sich vorzustellen, diese 8.000 Personen würden alle auf einmal vor mir stehen. Aber sie hatten alle ein Buch von mir in der Hand. Einige davon sind Kinderbücher, aber hoffentlich hat auch jemand nach T. Moras Alle Tage oder nach Kafkas Briefe an Milena gegriffen und die Lektüre genossen.

Beim Übersetzen denke ich nicht an die Quantität der Leser, sondern vielleicht an die eine oder andere konkrete Person, der ich die Übersetzung insgeheim widme und das erschienene Buch schenke. Ja, es ist ein großer verlegerischer Aufwand und Risiko, ein selten  gelesenes Werk herauszubringen, aber mir persönlich genügt es, wenn es einen oder zwei Leser wirklich anspricht und bin den Verlegern dankbar, die meine Vorschläge akzeptieren, auch wenn sie nicht lukrativ sind. Josef Winklers Wenn es soweit ist ist sicherlich kein Bestseller in Slowenien, es hat jedoch gleich zwei Regisseure angesprochen – Ivica Buljan für ein Monodrama mit Marko Mandić und Matjaž Ivanišin für ein Filmdrehbuch. Das bedeutet mir viel mehr als jegliche Statistik. Und es müssen auch nicht immer viele Menschen in einem Roman vorkommen, damit er spannend ist …

von Amalija Maček

Esther Kinsky: Fremdsprechen

6. 5. 2013

Esther Kinsky: Fremdsprechen

„Gedanken zum Übersetzen“ lautet der Untertitel zu Esther Kinskys Essay „Fremdsprechen“ – sie hat Gedanken in Worte gefasst, die sie seit vielen Jahren im Prozess des Übersetzens begleiten. Sie fasst das Übersetzen als einen Vorgang, in dem das Was – also der Inhalt eines zu übersetzenden Textes – hinter das Wie – Wie ist etwas gesagt? Wie verbindet es sich zu einem Ganzen? – zurücktritt.

„Ich halte nicht viel von der Betonung der Rolle des Übersetzers als ‚Brückenbauer‘ und Kulturvermittler. Der Übersetzer ist kein Fremdenführer, auch wenn die Fremde sein Gegenstand ist“, schreibt sie im Vorwort. Das Vermitteln von Kultur durch Texte – ist es nicht das, was uns dazu bringt, Texte zu übersetzen? Ist es nicht gerade der Wunsch, für andere Alltagsbegebenheiten, historische Ereignisse, Hintergründe, Motivationen sichtbar zu machen, die ohne die Übersetzung unsichtbar blieben? Ist es nicht die Freude, etwas über andere Lebensbereiche zu erzählen – nur eben nicht mit eigenen Worten, sondern durch die Übersetzung von Texten.

von Claudia Dathe

 

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