Tomasz Różycki: Aus dem Polnischen von Marlena Breuer

23. 2. 2016

Tomasz Rozyckis Buch “Bestiarium” in der Übersetzung von Marlena Breuer, der TransStar-Teilnehmerin, erscheint zur Leipziger Buchmesse 2016.

BESTIARIUM

Tomasz Różycki
Aus dem Polnischen von Marlena Breuer

Wer weiß, ob es der namenlose Protagonist des Buches mit dem Alkohol zu weit getrieben hat. Oder träumt er? Eigentlich will er nur nach Hause zu Frau und Kindern – aber wie? Aus dem simplen Vorhaben wird eine geheimnisvolle, phantasmagorische Reise, durch Erinnerungen, durch die Katakomben der Stadt, durch schaurige Untergründe, auf der Suche nach einem geheimnisvollen Erbe. „Tomasz Różycki erzählt sinnlich wie Bruno Schulz, bissig wie Witold Gombrowicz und hochprozentig-orgiastisch wie Wenedikt Jerofejew“, urteilte schon vor Jahren die Neue Zürcher Zeitung. Das löst der Dichter in dieser Prosaarbeit ein.

http://www.edition-fototapeta.eu/bestiarium

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Wege zur Übersetzung

9. 12. 2015

Wege zur Übersetzung: ein literarischer Abend mit der deutsch-slowenischen und slowenisch-deutschen Gruppe des Projekts TransStar Europa

Am 1. Dezember 2015, zwei Tage vor dem Geburtstag des slowenischen Nationaldichters France Prešeren, und einen Monat vor dem offiziellen Abschluss des Projekts TransStar Europa, haben die deutsch-slowenische und slowenisch-deutsche Gruppe des Projekts TransStar einige der Übersetzungen, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind, einem breiteren Publikum vorgestellt. Die TeilnehmerInnen luden zu einem literarischen Abend im Slowenischen Lesesaal in Graz ein, der in den letzten Jahren zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, die für die slowenisch-österreichischen Beziehungen von großer Bedeutung sind, beherbergte, und damit zum kulturellen Austausch und zum „Zusammenleben“ zwischen der deutschen und slowenischen Sprache verhilft.

Im Oktober 2015 erschien im Verlag der Philosophischen Fakultät Ljubljana eine zweisprachige Sammlung der Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe betitelt Pet poti do prevoda [Fünf Wege zur Übersetzung], die vorgestellt wurde und aus der Alenka Lavrin, Irena Smodiš und Janko Trupej Übersetzungen von Silke Scheuermann, PeterLicht und Stefan Zweig gelesen haben. Tjaša Šket, Daniela Trieb und Anja Wutej aus der slowenisch-deutschen Gruppe lasen Übersetzungen von Stanka Hrastelj, Katja Perat und Jani Virk, die im Laufe des Projekts in der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN veröffentlicht wurden und die vor einigen Monaten auch in dem Buch Geschichten Erzählen erschienen sind. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch das Projekt TransStar Europa von der TransStar-Koordinatorin für Slowenien Tanja Žigon und der Mentorin der slowenisch-deutschen Gruppe Daniela Kocmut kurz vorgestellt. Die gut besuchte Lesung wurde von Irena Smodiš und Anja Wutej moderiert und war ein voller Erfolg.

Hier finden Sie einige Fotos des Abends.

von Janko Trupej

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Wege zur Übersetzung

10. 11. 2015

Das Projekt TransStar Europa, der Slowenische Lesesaal in Graz, das ITAT Graz und die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN laden ein zur Veranstaltung

Wege zur Übersetzung: ein literarischer Abend mit den TeilnehmerInnen der deutsch-slowenischen und slowenisch-deutschen Gruppe des Projekts TransStar Europa am Dienstag, den 1. Dezember 2015, 18.00 Uhr

im

Slowenischen Lesesaal in Graz, Veranstaltungsraum der Steiermärkischen Landesbibliothek, Kalchberggasse 2/Joanneumsviertel, 8010 Graz (Einladung im PDF-Format).

Moderation: Irena Smodiš & Anja Wutej

zweisprachige Veranstaltung

Mitwirkende:

Ana Dejanović, Alenka Lavrin, Daniela Trieb, Janko Trupej

Im Oktober 2015 erschien im Verlag der Philosophischen Fakultät Ljubljana eine zweisprachige Sammlung mit Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe mit dem Titel Pet poti do prevoda [Fünf Wege zur Übersetzung] (Ljubljana, 2015), die vorgestellt wird und aus der einige Übersetzungen gelesen werden. Die slowenisch-deutsche Gruppe, die ihre Übersetzungen im Laufe des Projekts in der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN und im Buch Geschicht(en) erzählen (Berlin, 2015) veröffentlicht hat, wird einige dieser übersetzten Texte vorlesen.

Gelesen werden u. a. Übersetzungen von Silke Scheuermann, Katja Perat, Peter Licht, Jani Virk und Stefan Zweig.

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen!

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Star & TransStar

2. 11. 2015

Star & TransStar: Ulrike Almut Sandig (Berlin) und Hryhorij Semenchuk (Lwiw)  und die ÜbersetzerInnen des Projektes TransStar

Am Donnerstag, den 22. 10., fand die letzte Veranstaltung im Rahmen des Abschlusstreffens des Projektes TransStar Europa statt. Wie am Abend davor waren wir zu Gast in der Literaturwerkstatt Berlin, im Herzen der Kulturbrauerei in Prenzlauerberg. Bei der Veranstaltung standen wieder einmal Übersetzungen im Vordergrund – gerade rechtzeitig und frisch aus der Druckerei haben die ÜbersetzerInnen ins Deutsche ihr Sammelband TransStar Europa. Geschichte(n) erzählen vorgestellt; im Band sind die Übersetzungen, die in den letzten drei Jahren entstanden sind, gesammelt. Aus ihren Übersetzungen lasen die jungen ÜbersetzerInnen aus allen fünf slawischen Sprachen, die bei dem Projekt vertreten sind: Aus dem Ukrainischen Constanze Aka und Stefan Heck, aus dem Kroatischen Anna Hodel, aus dem Slowenischen Anja Wutej, aus dem Tschechischen Martina Lisa, Katka Ringesová und Martin Mutschler und aus dem Polnischen Marlena Breuer. Die Moderation übernahm Tanja Žigon, Koordinatorin der beiden  slowenischen Gruppen.

Während des Projektes wurden viele verschiedene Texte übersetzt, es wurde mit unterschiedlichen Autoren zusammengearbeitet, doch wer wäre passender für die Abschlussveranstaltung als Ulrike Almut Sandig, deren Kurzgeschichte Salzwasser  (aus Flamingos) am Anfang des Projektes in alle 5 beteiligten Sprachen übersetzt wurde und die schon während des Projektes öfters mit den Übersetzern zusammengearbeitet hat, zum Beispiel in Krakow, Lviv und nun in Berlin. Diesmal ist sie jedoch nicht alleine aufgetreten, sondern im Tandem mit Hryhorij Semenchuk, einem jungen ukrainischen Poeten und Musiker, den sie im Rahmen des Projektes in der Ukraine kennengelernt hat. In ihrer Performance, bei der Semenchuk für die elektronische musikalische Grundlage sorgte, lasen die beiden Künstler ihre Gedichte und die jeweilige Übersetzung vor. Es handelt sich hierbei um eine interessante improvisierte Zusammenarbeit, bei der die beiden auf der Bühne aufeinander mit Musik und Worten zukommen, woraus eine unkonventionelle und die Veranstaltung belebende Performance entstand.

Hier finden Sie einige Fotos.

von Ana Dejanović, Irena Smodiš

 

 

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Videopoesie

1. 11. 2015

Im Rahmen des Projekts Übersetzungswürfel entstanden fünf kurze Filme mit Übersetzungen (Videopoesie):

1. Babkina:  https://www.youtube.com/watch?v=I0Co99EoUqg

2. Zhadan:  https://www.youtube.com/watch?v=ycu1seWpdyc

3. Matijasch:  https://www.youtube.com/watch?v=AYaW2rCIYWk

4. Andruchowytsch:  https://www.youtube.com/watch?v=m7cYf430oAA

5. Malkowitz:  https://www.youtube.com/watch?v=TDlBEAMXm-U

 

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Der Band “Geschichten erzählen” mit Übersetzungen von 25 ostmittel- und südosteuropäischen Autoren ist im Oktober erschienen

1. 11. 2015

Geschichten erzählenErschienen ist der Band “Geschichten erzählen” mit Übersetzungen von 25 ostmittel- und südosteuropäischen Autoren im Verlag Edition Fototapeta. Besonders lesenswert sind Linas Kostenkos “Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen” – Erinnerungen an das Chaos der beginnenden 2000er Jahre in der Ukraine in der Übersetzung von Sofia Onufriv, wundervolle Gedichte der bosnischen Autorin Adisa Basic in der Übersetzung von Anna Hodel, die Erzählung “Der rote Schaitan”, eine atemberaubende Geschichte über die Verwechslung von Väterchen Frost und Feuerwehrmann, geschrieben von Boris Dezulovic, übersetzt von Vivian Kellenberger und ein Auszug aus dem Roman “Descartes Dämonen” von Vladimir Rafeenko in der Übersetzung von Stefan Heck.
Herausgegeben von Marlena Breuer, Daniela Pusch, Paul Gruber, Anja Wutej und Sofia Onufriv und Claudia Dathe.

Das Buch kann hier bestellt werden: http://www.edition-fototapeta.eu/geschichten-erzaehlen

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Die Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe: Pet poti do prevoda

1. 11. 2015

20151019_193750Die Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe sind im Buchform erschienen

Im Oktober 2015 erschienen im Wissenschaftsverlag der Philosophischen Fakultät in Ljubljana die Übersetzungen der deutsch-slowenischen Gruppe, die im Rahmen des Projektes TransStar Europa entstanden sind. Das Buch wurde von Amalija Maček, Tina Štrancar und Tanja Žigon herausgegeben und trägt den Titel Fünf Wege zur Übersetzung (Pet poti do prevoda). Fünf TeilnehmerInnen – fünf Wege, denn jede/r einzelne Teilnehmer/in wurde zwar während der dreijährigen Projektarbeit von der Mentorin Amalija Maček begleitet, jedoch musste sich jede/r alleine mit den Herausforderungen des literarischen Übersetzens und des Kulturmanagements auseinandersetzen. Die in Buchform herausgegebenen Texte, sowohl deutsche Originale als auch Übersetzungen ins Slowenische, sind Geschichten und Romanauszüge, in denen die Vielfalt der gegenwärtigen literarischen Szene im deutschsprachigen Raum zur Geltung kommt. Vertreten sind unter anderem Irena Brežná, Sudabeh Mohafez, Angelika Klüssendorf, ein Auszug aus dem Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge und die im Jahr 2007 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gekrönte Kurzgeschichte Turksib von Lutz Seiler. Das Buch ist das Ergebnis der innovativen, spannenden, kreativen, aber ab und zu auch  schwierigen Arbeit der  deutsch-slowenischen TeilnehmerInnen Ana Dejanović, Alenka Lavrin, Karmen Schödel, Irena Smodiš und Janko Trupej an den gewählten Texten.

Wollen Sie das Buch durchblättern? Klicken Sie hier (PDF).

Das Buch ist in der Buchhandung der Philosophischen Fakultät in Ljubljana zu bekommen: https://knjigarna.ff.uni-lj.si/si/izdelek/1623/pet-poti-do-prevoda/

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Jurko Prochasko: Warum sich mit ukrainischer Kultur beschäftigen?

1. 11. 2015

Erschienen als Beitrag zum Projekt “Übersetzungswürfel – Sechs Seiten europäischer Literatur und Übersetzung” im Magazin Nr. 25 der Kulturstiftung des Bundes.

Jurko Prochasko

Warum sich mit ukrainischer Kultur beschäftigen?

Gedanken zu einer Theorie unauratischer Kulturen

Viele Begegnungen bergen die Gefahr, in eine Beziehung zu münden. Jede Auseinandersetzung verrät bereits immer eine. Umgekehrt: Jede Beziehung setzt ein Interesse, eine Auseinandersetzung, eine Beschäftigung miteinander voraus.

Ließe man sich einmal ernsthaft auf die ukrainische Kulturgeschichte ein, würde man ziemlich schnell feststellen, dass alle ihre Hauptentwicklungslinien und zentralen Episoden integrale Bestandteile der gesamteuropäischen Kultur und Geschichte, ja von ihr gar nicht wegzudenken sind. Ohne den gesamteuropäischen Kontext ist die gesamte „ukrainische Idee“ nicht zu erklären, ohne sie ergibt sie keinen Sinn, bleibt sie ein Torso. Bloß: Was ist diese „gesamteuropäische Kultur“? Wer definiert sie und wie verorten wir darin die ukrainische Kultur?

Man hat im westlicher gelegenen Europa zur Ukraine, ihrer Kultur und Geschichte in der Regel keine richtige Beziehung, genauer, so gut wie keine, und ganz ehrlich: eigentlich überhaupt gar keine. Man hat sich mit dem Land kaum beschäftigt und beschäftigt sich auch weiterhin kaum mit ihm. Warum auch? Man stellt sich die Ukraine als ein sehr junges Land vor (das sozusagen gerade erst auf der Landkarte aufgetaucht ist), bar jeder Geschichte. Trotz seiner Größe ist es nicht ausreichend gewichtig, es ist zu wenig interessant, zu wenig geheimnisvoll und nicht sexy genug, als dass man sich mit ihm befassen müsste. Seit den jüngsten Ereignissen hält man es vielleicht allenfalls für gefährlich. Lohnt es sich überhaupt, sich auf Länder wie die Ukraine einzulassen? Kann man kulturell von ihnen profitieren? Oder wäre das nicht sogar kontraproduktiv: Vielleicht macht einen das nur depressiv, wenn man sich mit dem ganzen Ausmaß an erahnbaren Tragödien auseinandersetzte, die sich dort abspielten und vielleicht immer noch abspielen, von denen man besser gar nichts wissen will?

Es scheint komfortabler, in diesem liebgewonnenen Unwissen zu verharren, denn damit bleiben alle Möglichkeiten offen: Eine herrliche Fremdheit, am besten sogar Exotik, die die Überzeugung bestärkt, das alles gehöre nicht dazu, das alles habe mit uns nichts zu tun. Will man wirklich diese Flächen opfern, auf die sich so herrlich projizieren lässt?

Meist beschäftigt man sich ja mit einer Gegend, weil diesem Land, dieser Stadt eine bestimmte Aura vorausgeht. Je klarer die Kontur dieser Aura, desto strahlender ist sie. Mit Wien geht es uns so oder mit Andalusien oder mit Samarkand.

Diese Aura beruht auf sedimentiertem Geschichtswissen und funktioniert auch, ohne dass oder bevor man sich mit der Kultur auseinandersetzt. Voraussetzung dafür ist, dass die Geschichte für wichtig erachtet wird. Das wiederum hat mit dem Gewicht eines Landes zu tun. Gewicht wird gemessen entweder am heutigen (geo-)politischen Gewicht oder am Gewicht des Beitrags für die Menschheitskultur.

Die Ukraine gehört nicht zu den Ländern mit Gewicht. Ihre Geschichte wird jenseits der Landesgrenzen nirgendwo gelehrt oder gelernt. Man weiß dementsprechend auch nichts von der dortigen Kultur. Die Ukraine gehört zu den Ländern, denen so gut wie keine Aura vorauseilt. Von diesen unauratischen Ländern gibt es mehrere – um nur in Europa zu bleiben: die Slowakei, Albanien, Belarus, Moldawien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland … Ungarn und Polen beispielsweise gehören bereits einer anderen Kategorie an, weil sie zwar keine heutigen, aber sehr wohl die Großmächte von einst sind. Sie haben historisches Gewicht.

Je weniger Aura ein Land umgibt, umso mehr Platz gibt es für negative Stereotypen (denn Aura bedeutet in den meisten Fällen nichts anderes als positive Klischees).

Kommt es in diesen unauratischen Ländern zu Revolte, Krieg oder Gewalt und dauern diese dann lange genug, so dass auch das fernere Ausland begreift, dass nicht nur das Ursprungsland, sondern auch Länder oder größere Gebiete der auratischen Kultur betroffen sind, ist man zunächst gezwungen, sich mit dem aktuellen Geschehen dort auseinanderzusetzen. Eskaliert die Gewalt und wird das Geschehen zu unübersichtlich, beschäftigt man sich allmählich auch mit der Geschichte des Landes. Wird die Situation schließlich als bedrohlich empfunden, befasst man sich auch mit seiner Kultur. Denn Kultur wird gemeinhin dem Krieg entgegengesetzt, man erblickt darin das Gegengewicht und Mittel gegen Krieg und Gewalt schlechthin. Ob dies nun wirklich so ist, sei dahingestellt, die Illusion aber wollen wir aufrechterhalten. Auffallend ist, dass die Frage nach der Kultur unauratischer Länder sich erst dann stellt, wenn dort etwas passiert, was nich nur das Dort, sondern das auratische Hier bedroht.

Dieser Umstand verrät etwas über das Verhältnis von Gewalt, Kultur und Wahrnehmung. Gewalt ist ein wichtiges Fundament, ja offenbar eine unabdingbare Voraussetzung „großer Kulturen“. „Kleine Kulturen“ werden oftmals erst durch Gewalt wahrgenommen. Das ist kein Wunder – denn auch die großen (auratischen) Kulturen basieren auf Gewalt. Flämische Tapisserien, Tizian-, Velásquez- und Rubensbilder, Kunst-, Schatz- und Rüstungskammern, antike, orientalische und ethnologische Sammlungen, die exzeptionelle Dichte und Qualität von Kirchen, Klöstern, Schlössern und Palais, von herrlichen und herrschaftlichen Gartenanlagen, Orangerien, das Niveau von Universitäten, Akademien und Bibliotheken, erstklassige Museen und Galerien sind eben nicht einfach so gegeben. Sie sind fast immer Folgen einer imperialen Herrschaft, fast immer in Vielvölkerreichen. Oder zumindest im Raum einer Großmacht.

Auch in der Ukraine ist viel entstanden: Ikonen, byzantinisch geprägte Romanik, Heldenepen, Holzkirchen, bestickte Blusen, Gogol, Bulgakow, Malewitsch, Celan, Bruno Schulz, Joseph Roth. Aber alles, was seinen Ursprung in der heutigen Ukraine hat, ist zugleich Vielvölkerimperien geschuldet oder verdankt, in diesem Fall mehreren zugleich. Diese Tatsache wird nicht mit der ukrainischen Kultur in Verbindung gebracht, weil die Ukraine als politisches und historisches Gebilde nie eine Rolle gespielt hat.

Umgekehrt kennen auch die Ukrainer die „eigene“ Kultur nicht gut genug, um daraus eine narzisstische Ressource zu machen. Sie sind allzu oft hin- und hergerissen zwischen kompensatorischem Größenwahn ( ~ Unsere Kultur ist die älteste und alle wichtigen Künstler sind in Wirklichkeit Ukrainer) und resignativer Verzweiflung (~ Es ist alles nichts, wir haben gar nichts vorzuweisen; wenn man sich messen wollte mit den „richtigen“ Kulturen, wäre es ein einziges Desaster; lieber gleich aufgeben und sich einer großen und bedeutenden Kultur anschließen).

So offenbart sich ein weiteres Phänomen: unsere Neigung, die kulturellen Errungenschaften ehemaliger Vielvölkerreiche mit der Titular-, sprich Imperialnation gleichzusetzen, und die Kulturen aller anderen Völker entweder gar nicht zur Kenntnis zu nehmen oder auf schiere Folklore, auf die bäuerliche Kultur zu reduzieren. Österreich ist heute Kultur pur, die Ukraine ist kulturelles Niemandsland.

Es bedurfte Revolten, damit man auf ein europäisches Land wie die Ukraine aufmerksam geworden ist. Es bedurfte eines Krieges gegen dieses Land, als Strafe für die versuchten Revolten, bis man nun anfängt, nach seiner Kultur zu fragen. Da ist er wieder, der intime, der psychologische Zusammenhang zwischen Gewalt und Kultur, der sich in unserer Neigung offenbart, „große“, „richtige“, „hohe“ Kulturen mit den (post-)imperialen gleichzusetzen. Dabei mag noch so viel historische Aufklärung und Aufarbeitung geleistet worden sein, mögen Eroberungen, Kriege, Unterjochung noch so scharf wie scharfsinnig veurteilt werden – die Faszination (post-)imperialer Kulturen scheint darunter überhaupt nicht zu leiden, als wären sie ein besonderer, von allen gewaltsamen Aspekten isolierter Bereich des reinen und unbefleckten Geistes. Auf die (post-)imperiale Kultur kann man ohne schlechtes Gewissen stolz sein. Ja mehr noch, gerade die Gewalt macht diese Kultur sexy.

Einerseits postuliert man Gewalt und Kultur als Gegensätze. Andererseits kommt das imperiale Denken wieder durch die Hintertür herein: In der Unterscheidung zwischen Zentrum und Peripherie feiert es fröhliche Urständ und hält sich hartnäckig. Der Tendenz, Kultur als zentral oder peripher zu lokalisieren, und diese Loci dann zu verewigen, ist nicht beizukommen. (Kultur-)„Metropole“ und „Provinz“ gehören – entgegen jedem Anschein und trotz aller Konjunktur – in Wirklichkeit zu den am wenigsten reflektierten Begriffen.

Diese peripheren, unauratischen Länder stehen im Abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Das offenbart eine traditionelle Schwäche sowohl des Westens als auch des ihm in seinem Kanon nacheifernden Restes der Welt: die Schwierigkeit bis Unmöglichkeit, sich eine wirklich attraktive Kultur anders vorzustellen als (post-)imperial.

Diese mangelnde Fantasie verdeckt eine Reihe von Schwierigkeiten, denen man sich nicht stellen will. Eine wirkliche Auseinandersetzung kostet Mühe, und man ist nicht sicher, ob dieser Aufwand sich lohnt. So wehrt man sich gegen die Komplexität mit zwei Strategien: Entweder man erklärt die ukrainische Geschichte für zu unübersichtlich und folglich für unverständlich. Man kapituliert vor der komplexen Anforderung, ein Narrativ für die ukrainische Kultur zu entwickeln. Oder man ordnet sie anderen, den „wirklichen“ Geschichten (der russischen, der habsburgischen) als Unterkapitel zu.

Beides macht etwas ganz offensichtlich: die kardinale Schwierigkeit des Westens, sich – trotz aller Beteuerungen, der Arbeit an sich und seinen verdrängten hegemonialen Mentalitätsderivaten – den Nutzen und die Notwendigkeit anderer Geschichtsmodelle als des eigenen, (post-)imperialen, einzusehen.

Aber gerade daran könnte die kulturelle Ignoranz oder Arroganz ja auch ein wenig genesen. Denn sich damit zu beschäftigen, heißt, die meist unbewussten, aber immer übermächtigen Mechanismen ein wenig zu begreifen, mit denen verschiedene Kulturen in Europa – und verschiedene Geschichten – hierarchisiert, gewertet und (nicht) wahrgenommen werden.

Eine genaue Auseinandersetzung mit einer Kulturgeschichte erschwert nämlich das Beibehalten der Projektionen und Vorurteile, die Überzeugung, man wisse es sowieso alles viel besser, ganz enorm. Sie unterminiert erheblich die Neigung, „Provinzialitäten“, „Ränder“ und „Peripherien“ auch noch geografisch festlegen und in dieser so geschaffenen Ordnung den Überblick haben zu wollen. Stattdessen ist man gezwungen, die entsprechende Gemeinschaft ernst zu nehmen, ohne einfach in das falsche Pathos von der natürlichen Ebenbürtigkeit aller Kulturen zu verfallen.

Wenn wir Europa wirklich ernst nehmen würden, würden wir es kaum anders denken als ein kulturelles Kontinuum, nicht im Sinne von friedfertiger Widerspruchslosigkeit, sondern als ein Gebilde, das man ohne die größeren Kontexte nicht adäquat verstehen kann – nicht die herrliche Größe der großen Kulturen, aber auch nicht die vermeintliche Misere der unauratischen. Wir müssen uns die entscheidende Frage stellen, ob wir in das große Konzert europäischer Kultur nur Exzellentes aufnehmen wollen, nur Höhenflüge. Damit verliert man aber Zusammenhang und Zusammenhalt. Ohne diese Zusammenhänge wird es immer Lücken geben, umso größere, als sie nicht einmal bemerkt werden dürften. Warum ist man bereit, diese Lücken entstehen zu lassen, warum duldet man sie? Die unauratischen Kulturgeschichten verraten unter anderem auch das Verdrängte, das Verschmähte und Peinliche europäischer Kultur, vom Verbrecherischen ganz zu schweigen.

Denn Kultur ist nicht nur dazu da, Großartiges, Glanz und Gloria zu zelebrieren, sondern auch die tiefsten Täler unserer Existenz zu reflektieren. In den unauratischen Kulturen werden sie weniger mit Dekor verdeckt. Für Tragödien ist immer Material da, für Dekor nur gelegentlich.

Vielleicht täte es auch den „großen Kulturen“ gut, sich einmal im Spiegel der unauratischen zu betrachten, ihre Entwicklungen, Institutionen und Verwicklungen. Noch besser wäre es allerdings, diese beiden als ein wechselseitig bedingtes, wenn auch vielfach gebrochenes Kontinuum zu sehen.

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Die Rede von Friederike Tappe-Hornbostel (Kulturstiftung des Bundes)

1. 11. 2015

Eine Reise durch die Kunst der Übersetzung

Festakt in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung zur Förderung des literarischen Übersetzens an der Universität Tübingen

BKS_foto webDie Rede von Friederike Tappe-Hornbostel (Kulturstiftung des Bundes)

Ich begrüße Sie im Namen der Kulturstiftung des Bundes.

„Schreibst Du noch oder übersetzt Du schon?“ hat der renommierte Übersetzer Olaf Kühl gefragt, als er seine Antrittsvorlesung für die August-Wilhelm-von Schlegel Gastprofessur zur Poetik der Übersetzung hielt. Damit wollte er die übliche Hierarchie zwischen Schreiben und Übersetzen aufs Korn nehmen. Diese Provokation wird verblassen, davon bin ich überzeugt. Auch das Übersetzungswürfel-Projekt spricht ja davon, dass die Grenzen zwischen Dichtung und Übersetzung verschwimmen. Und mit ihnen wird auch das Profil des Übersetzers immer mehr Unschärfen bekommen.  Das ist gut so.

Die Bedeutung des Übersetzens nimmt in unserer sich globalisierenden Welt mit ihren teilweise dramatischen Ursachen und Konsequenzen zu. Dazu kommt, dass die Bedeutung eines literarischen Werkes sich immer stärker nach der Anzahl der Sprachen, in die es übersetzt wird, bemisst. Aber die Anforderungen an Übersetzer werden ebenfalls wachsen: Was heißt es, wenn die Übersetzung eines Werkes beispielsweise ins Deutsche mit einer Leserschaft rechnen muss, die selbst immer kulturell uneindeutiger, gemischter, migrantischer wird? Was heißt es, wenn immer mehr Schriftsteller das sog. Original nicht in ihrer Muttersprache verfassen? Oder wenn sie sich mit Themen aus ihren Herkunftsländern beschäftigen, denen sie sich selbst nur noch als vergleichsweise Fremde nähern können, nämlich durch die Brille ihrer deutschen Akkulturation, wie z.B. Feridun Zaimoglu der Türkei oder Ilija Trojanow Bulgarien? Wer, wenn nicht ein Iranstämmiger deutscher Schriftsteller und Übersetzer aus dem Persischen, Navid Kermani, hätte bei der Verleihung des Friedenspreises eine solch kluge und berührende Rede halten können?

Wird die Tatsache, dass in Zukunft sehr viel mehr Menschen aus dem arabischen Raum in Deutschland leben, die Übersetzung von arabischer (und anderer) Literatur ins Deutsche verändern? Wächst der dichterische Anteil am Übersetzen fast zwangsläufig?

Die Aufgabe, vor der Kultur in diesen Zeiten steht, könnte größer nicht sein. Vielleicht hilft uns das, was derzeit als “Flüchtlingskrise“ wahrgenommen und mehr noch herbeigeredet wird, zu verstehen, welche Hoffnungen an Kultur in anderen Ländern geknüpft werden, in Ländern wie der Ukraine, wo Krieg, Flucht und Migration die Hoffnung auf ein besseres Leben tagtäglich neu herausfordern. Im Gegensatz zu ihnen haben die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan alle Hoffnung im eigenen Land aufgegeben.

Der ungarische Schriftsteller Attila Bartis, im rumänischen Siebenbürgen beheimatet, und mit seiner Familie vor dem Ceausescu-Regime in den 1980er Jahren nach Budapest geflohen, hat seine Erfahrungen einmal so formuliert: „Nach Meinung vieler Leute gibt einem Hoffnung Kraft, andere hingegen, die schon viel gehofft die nicht nur halbherzig, sondern richtig gehofft haben, wissen, dass es sich gerade umgekehrt verhält: Für die Hoffnung braucht man Kraft. Viel mehr Kraft als für die Hoffnungslosigkeit.“

Übersetzer und Übersetzerinnen sind Kraftspender. Sie erneuern und verkörpern die Hoffnung, dass wir einander verstehen können, so unterschiedlich unseren Erfahrungen, Geschichten und Kulturen auch sein mögen. Und gleichzeitig sind sie auch Experten für das Nicht-Identische. Sie wissen darum, dass es kein 1 zu 1 des Verstehens gibt. Sie wissen darum, dass Übereinstimmung, Identität, ein fast religiöser Wunsch ist.

Historisch völlig nachvollziehbar, hat sich Kultur lange um „Identität“ bemüht und tut es noch immer. Nicht nur das Ringen um eine ukrainische Identität legt davon ein manchmal qualvolles Zeugnis ab. Auch, da, wo die Situation unkritisch ist oder war, spielte „Identität“ eine fundamentale Rolle. Um die Entwicklung einer „europäischen Identität“ ging es, um eine gesamtdeutsche „Identität“ nach der Wiedervereinigung, um nur an zwei aktuellen Beispielen zu zeigen, wie virulent dieses Konzept noch immer ist.

Die Bedrohungsszenarien, die in Deutschland und Europa in diesen Zeiten an die Wände gemalt oder geschmiert werden, zeigen, wie fragil die bisherigen Identitätskonstruktionen sind. Was ist das für eine europäische Identität, in der die Ukraine bisher kaum vorkam?  Wie tragfähig ist sie angesichts der jetzigen geopolitischen Umverteilungskämpfe?

In Deutschland war die Gewährung einer doppelten Staatsbürgerschaft für Migranten lange umkämpft, zwei Staatsangehörigkeiten schienen bis vor kurzem mit der Vorstellung von nationaler Identität und gelungener Integration nicht vereinbar.  In der modernen Welt, davon wissen die Soziologen ein Lied zu singen, gibt es nur „Identitäten“, verliert das „Wir“ an Differenzqualität gegenüber denen, die vermeintlich nicht dazugehören. Wenn es nicht die Nationalität ist, nicht die gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Religion, wenn die Lebensformen unterschiedlich sind, worin besteht dann Identität? Man kann diesen Begriff nicht unendlich ausweiten. Vielleicht ist er historisch überholt, vielleicht eine der großen Utopien, die bleiben. Was an seine Stelle treten könnte, dafür haben wir jedenfalls noch keine Sprache. Wenn nach Musil Geschichte ein Zug ist, der seine Schienen vor sich herrollt, dann können wir nicht anders als optimistisch sein.

Die Übersetzerinnen und Übersetzer gehören zur Vorhut derer, die auf dem Weg zu einer „Weltkultur“ sind. Mir gefällt das Wort (noch) nicht, es ist auch nur ein Platzhalter. Sie gestalten nicht nur das Futur I, das, was wir morgen lesen werden, sondern auch unser Futur II. Sie gestalten unsere Erinnerungskultur von morgen. Wer werden wir gewesen sein, worauf wird unsere Erinnerung, unser Weltbild, fußen? Identität gibt es nur im Futur zwei, niemals in der Gegenwart. Oder mit den Worten des Soziologen und Philosophen Helmut Plessner gesagt: „Wir haben uns nicht, deshalb werden wir erst.“  Das auszuhalten, dafür braucht man unendlich viel Kraft. Die, und das ist ihnen nicht hoch genug anzurechnen, dürfen wir uns bei ihnen holen.

Mir bleibt hier nur, Ihnen allen zu danken. Für Ihre Unermüdlichkeit, für Ihre Kraft… für alles. Allen voran Frau Schahadat und Frau Dathe, ohne die die Kulturstiftung des Bundes dieses wundervolle und folgenreiche Projekt, den Übersetzungswürfel, nicht hätte fördern können.

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Eine Reise durch die Kunst der Übersetzung

1. 11. 2015

Eine Reise durch die Kunst der Übersetzung

Festakt in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung zur Förderung des literarischen Übersetzens an der Universität Tübingen

 „Eine Reise durch die Kunst der Übersetzung“, wie eine von den abschließenden Berliner Veranstaltungen am 20. Oktober hieß, ist nun zu Ende gegangen. Eröffnet wurde dieser feierliche Abend von dem Auftritt der Dichterin Elke Erb, die einen Auszug aus ihrem Gedicht Mäander 2 vorgelesen hat, danach haben die TransStar-Teilnehmerinnen ihre Übersetzungen davon ins Polnische, Tschechische, Kroatische, Slowenische und Ukrainische präsentiert. Die Entstehung des TransStar-Projektes wäre ohne Unterstützung von zahlreichen Institutionen und Partnern nicht möglich gewesen. Nun konnten die Versammelten die Reden zum Thema Übersetzen und Kulturmanagement von Dr. Maja Pflüger (Robert Bosch Stiftung), Friederike Tappe-Hornbostel (Kulturstiftung des Bundes), Christiane Lange (Literaturwerkstatt Berlin) sowie Prof. Dr. Schamma Schahadat und Claudia Dathe (Universität Tübingen) hören, die Erfolge und Mühen der letzten drei Jahre sehr treffend zusammengefasst haben. Danach hat Jurko Prochasko einen spannenden Vortrag gehalten, in dem er unter anderem erklärt hat, warum in der Öffentlichkeit manchen Kulturen mehr und manchen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. An seine Rede hat die TransStar-Teilnehmerin Irena Smodiš geknüpft, indem sie über den interkulturellen Austausch in der heutigen dynamischen Welt aus der Perspektive junger Europäer sprach. Danach konnten wir in der Pantomime Yulia Mykytjuk und Anja Wutej sehen, worin die mühsame Übersetzungsarbeit besteht und mit welchen Schwierigkeiten die Suche nach einem fehlenden Wort verbunden sein kann. Auch die Gedichtauswahl zum Abschluss des Abends war nicht zufällig: Im Mittelpunkt stand das Gedicht Abschiedsverse von Elke Erb, das von der Autorin vorgelesen wurde, um danach noch einmal in fünf Übersetzungen zu erklingen. Den Abend hat ein Konzert des bosnischen Sängers Damir Imamović aus Sarajevo abgerundet, der altslawische Balladen mit traditionellen Melodien osmanischer Wandertruppen kombiniert; zwischen den Liedern erklärte der Künstler historische und kulturelle Hintergründe, die mit den Liedern und ihrer Entstehung zusammenhingen, was das Konzert abwechslungsreich gemacht hat. Zum Abschluss hat alle ein leckeres, duftendes Buffet erwartet, bei dem man sich mit einem Glas Wein oder einem nicht alkoholischen Getränk mit anderen Übersetzungsenthusiasten und Kulturvermittlern austauschen konnte.

hier finden Sie einige Fotos des Abend.

von Sofia Zucharska

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