Dalibor ŠIMPRAGA: Die Kontrolle trifft keinen anderen (Kurzprosa, aus dem Kroatischen von Vivian KELLENBERGER)

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 138/XXXV (Juni 2014, Graz), 12. August 2014
13. 8. 2014

(Kurzprosa)

Einleitung
Die Kurzgeschichten Kavice Andreja Puplina (Andrej Puplins Käffchen) (Durieux 2002) sind Kaffeemonologe über Krieg, Sex, Drogen, Alkohol und eine desillusionierte Jugend. Dalibor Šimpraga publizierte diese Texte in den 90er Jahren unter dem Pseudonym Andrej Puplin im Internet. Er verfasste die kavice im derben Zagreber Slang, wodurch er sich von der damaligen puristischen Sprachpolitik distanzierte. Die sprachlich wie inhaltlich subversiven kavice avancierten rasch zu Kulttexten. Erzählt werden sie von einem typischen Vertreter der verlorenen Kriegsgeneration. Die vom Erzähler geschilderten Kriegserinnerungen gereichen ihm und der kroatischen Armee wenig zu Ruhme und untergraben offizielle Darstellungen. Nachfolgende kurze Strassenbahnszene aus Kontorola se ne događa nekom drugom (Die Kontrolle trifft keinen anderen) offenbart frustrierte, sich gegenseitig missbilligende und mistrauende Bürger und lässt Zweifel am Zusammenhalt der neuen kroatischen Gesellschaft aufkommen.

 

Hey Mann, hör dir diese geile Story an. Steigt heut so’ne alte Schachtel in die Tram, hat mich schon gecheckt wie ich da sitze, ohne Scheiss, noch als sie dort an der Haltestelle stand, und baut sich gleich vor mir auf wie hingeschissen, ich mein, ihren Arm über mich und so’n Scheiss. Und die ganze Zeit, verstehst, glotzt sie mich an, ob ich aufstehe und so. Und ich, so voll weg von dem, was draussen abläuft, kannst dir denken, Končarastrasse um sechs Uhr früh. Und sie murmelt etwas, räuspert sich und so, und die ganze Zeit steht sie eigentlich neben der Stange neben der Treppe, weil ich gleich dort hinter der mittleren Tür gesessen bin. Dann nix, eine Station nach der anderen, die Menge quetscht und quetscht sich an ihr vorbei, aber hey, die Alte rückt keinen Zentimeter weg, vergiss es. Ich denk’ mir, wart nur, am Arsch steh’ ich auf, was juckt mich das? Kapierst, so’ne fette, hässliche, schwabbelige, schiebt so ’nen bescheuerten karierten Einkaufstrolli. Dann nix, eine Haltestelle nach der anderen, die Menge quetscht sich an ihr vorbei, steigt ein, steigt aus, dann kommt bei der Cibona so’n Typ. So’n älterer, Anzug, Krawatte, ein Herr eben, und fragt der die doch: „Entschuldigen Sie, steigen Sie an der nächsten Haltestelle aus?“ Dann die Alte, also, „nein, ich steige nicht aus“. Da sagt der Typ, ohne Scheiss, der sagt: „Was stehst du dann verfickt noch mal seit fünf Stationen hier vor der Tür?“ Weisst was, in die Hosen hab’ ich mir gemacht. Die Alte, also, beginnt rumzustänkern, so, heutige Jugend und der Stuss, wie du die alle in der Pfeife rauchen kannst, dann sagt sofort irgend so’n Säufer, der gleich hinter ihr steht, also, voll schwankend: „Tja, gäbe es diese Jugend nicht, würden Sie heute kyrillisch schreiben.“ Die Alte, also, unter doppeltem Beschuss, dreht voll durch, verstehst, knallrot, kriegt kaum Luft. Dreht sich um und sagt: „Was geht das Sie an, machen Sie mal lieber zuhause Kinder, als hier in der Tram besoffen rumzuhängen.“ Und der Säufer zu ihr: „Ach ja, immerhin kann ich noch Kinder machen, aber Sie, hätten Sie Kinder gemacht, als sie noch im Saft waren, dann müssten Sie jetzt hier nicht rumgeifern.“ Ich mein, eine Reality Show. Die Menge grölt, ich sag’s dir, voll geil. Und jetzt, was noch das Beste ist, kommt bei der Haltestelle so’n Typ rein, hab’ sofort gerafft, das is’ ein Kontrolleur, also, auf einen Kilometer, kein Zweifel. Ich denk mir, leck mich am Arsch, was willst du so verfickt früh, aber was kratzt es mich, ich hab’ noch meinen Ausweis aus der Armee, der soll mir bloss kommen. Dann nix, sobald sich die Türe geschlossen hatte, verstehst, los, Fahrkarten und Abonnemente vorweisen. Und die alte Schachtel beginnt in ihrer Tasche rumzuwühlen, und als die Tram in die Savskastrasse biegt, stürzt sie auf den Kontrolleur, der ja bei der Tür stand. Darauf der Säufer: „Gell, jetzt tät’st du gern, was hast du nicht, als du noch konntest?“ Und alle, also, lachten sich kaputt, voll die Show! Und dann die Alte, hey komm, stell dir die blöde Kuh vor, also ich hatte echt Lust ihr ’ne Kugel in den Schädel zu jagen, die sagt: „Hören Sie, fragen Sie den da, ob der eine Fahrkarte hat“ und zeigt auf mich. Ich bring dich um, ich fick’ dich durch, was hab’ ich dir denn getan, geht dich doch ’n feuchten Scheiss an, ob ich ’ne Karte hab’ oder nicht. Und der Kontrolleur, so ein, verstehst, voll ok Typ, auch solche gibt’s, sagt: „Gleich, gleich, aber zeigen Sie mir zuerst Ihre“, dabei zwinkert er mir zu. Und die Alte wird verlegen, wühlt dort in ihren Taschen rum und hinten hört man den Säufer: „Herr Kontrolleur, lassen Sie sich nicht verarschen, die will sich bloss drücken, die hat nämlich keine Fahrkarte. Keine Gnade!“ Und die Alte zum Kontrolleur: „Den können Sie auch gleich fragen, solche fahren schwarz, und nicht mich hier“ und fängt wieder damit an, dass sie zu neunzig Prozent behindert ist und so’n Scheiss. Und der Säufer, so, „Festnehmen! So was muss man sofort festnehmen! Fickt hier frühmorgens anständige Leute an, Scheiss-Alte! Was geht sie in die überfüllte Tram, wo sie doch behindert ist?“ Hey, das glaubst du nicht. Voll die Show. Ich mein, Mr Bean ist ein Scheissdreck dagegen.

Einleitung und Übersetzung aus dem Kroatischen von Vivian KELLENBERGER, Bern

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