Der Erwartungshorizont und das Übersetzen

26. 4. 2014

Die Literaturtheorie befasste sich lange vor allem mit Texten und deren Autoren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben aber einige Theoretiker, z.B. Wolfgang Iser, Hans Robert Jauß, Roland Barthes u. a. den Leser in den Vordergrund gestellt. Sie gingen davon aus, dass ein Text keine ständige bzw. bestimmbare Bedeutung hat, sondern dass sich diese immer in Interaktion mit dem Leser herausbildet. Weil sich Normen, Konventionen und ästhetische Kriterien in verschiedenen Epochen und Kulturen stark voneinander unterscheiden können, und deshalb auch die Erwartungshorizonte der Leser verschieden sind, kann ein Werk auch verschieden interpretiert werden. Werke, die zu einem Zeitpunkt den Erwartungshorizont zu weit überschreiten, werden oft kritisiert oder übersehen. Ist jedoch ein solches Werk erfolgreich, kann es den Erwartungshorizont der Leser verändern, wie Hans Robert Jauß in seiner Monographie Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (1984) feststellt.

Auch ein Übersetzer ist am Anfang „nur“ ein Leser, seine Interpretation kann aber die Interpretationen der anderen Leser in der Zielkultur beeinflussen. Aufgrund seiner Interpretation entscheidet sich der Übersetzer nämlich für eine bestimmte Übersetzungsstrategie. Falls innovative oder provokative Elemente des Originals in der Übersetzung verloren gehen, kann das bewirken, dass die Interpretationsmöglichkeiten des Werkes eingeschränkt werden, und das beeinflusst wiederum die Rezeption. Werke, die potentiell den Erwartungshorizont der Zielleser zu weit überschreiten würden, werden bei der Übersetzung oft absichtlich angepasst; in dem Zusammenhang kann man auch von Manipulation reden.

 von Janko Trupej

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