Die slowenischen und die deutschen Leser

27. 5. 2013

Genauso wie die meisten Autorinnen und Autoren überlegen wir Übersetzerinnen und Übersetzer, wer die Bücher liest, die wir übersetzen. Ich bin ebenso wie Amalija Maček mit der Tatsache konfrontiert, dass die Bücher, die ich aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetze, wenige Menschen lesen. Wenn ich mit anderen Menschen über mein Übersetzen aus dem Ukrainischen ins Gespräch komme, sehe ich mich Fragen gegenüber wie: „Ist denn Ukrainisch überhaupt eine eigene Sprache?“ oder „Gab es Ukrainisch auch schon vor 1989?“ Es geht also nicht darum, dass man bestimmte Autorinnen oder Autoren nicht kennt, sondern dass man die Ukraine in Deutschland häufig nicht einmal als etwas kulturell und gesellschaftlich Eigenständiges wahrnimmt. Und dieser fehlende Hintergrund macht es Verlagen und Veranstaltern, aber auch dem einzelnen Übersetzer sehr schwer, die ukrainische Literatur und die Autoren in das deutschsprachige Lesegefüge einzubinden, obwohl sehr viel Literatur übersetzt wird.

Dieses Phänomen trifft auf Deutschland und die deutschsprachige Literatur in Slowenien gewiss nicht zu. Wie sehen denn nun die Leser von Marlene Haushofer in Slowenien aus? Sind es Menschen, die sich in ihrem Arbeitsalltag mit Deutschland beschäftigen? Oder solche, die Interesse an ungewöhnlichen Ideen haben? Sind es Menschen, die sich gern in andere Vorstellungswelten und irritierende Atmosphären hinein nehmen lassen? Ich jedenfalls habe Marlene Haushofers Die Wand mit großer innerer Spannung gelesen: Eine Frau, die auf einem abgelegenen Hof in den Bergen durch eine Wand plötzlich der Möglichkeit beraubt wird, in die Zivilisation zurückzukehren – eine aufregende und erschreckende Vorstellung zugleich, ein Erlebnisraum, den man in der Wirklichkeit nicht findet, sehr wohl aber in der Literatur.

von Claudia Dathe

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