Einige Gedanken über die Funktionen soziolektaler Elemente in literarischen Texten und deren Übersetzung

27. 3. 2015

Es scheint, als hätte jahrhundertelang niemand an der Standardsprache als adäquate Form für die Literatur gerüttelt. Plötzlich erscheinen soziolektale Formen in literarischen Werken und stellen die bisherigen Sprachnormen in Frage. Wo endet die Standardsprache wo beginnen die Soziolekte? In welchem Verhältnis steht ein Soziolekt zur Standardsprache? Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die Sprache ein Diasystem mit mehreren Subsystemen ist. Diese Subsysteme oder sprachlichen Varianten können als Dialekte, Soziolekte usw. definiert sein, je nach theoretischem Ansatz gehen hier die Verteilungsmuster auseinander. Bei Soziolekten handelt es sich um verschiedene sprachliche Formen, die jeweils in einer bestimmten, komplexen Relation zueinander und zur Standardsprache stehen. In einer sprachlichen Handlung werden auf metasprachlicher Ebene (zusätzliche) Informationen über den Sprecher und bestimmte Konnotationen vermittelt. Die Verwendung eines Soziolekts erfüllt somit bestimmte Funktionen in der Kommunikation.

Werden soziolektale Elemente in einem literarischen Text verwendet, verschieben sich gewisse Bedingungen aufgrund der veränderten Gegebenheiten. Die Literatur ist als eine gesellschaftliche Institution zu betrachten, die die Fiktion als wichtigstes Merkmal aufweist und einen wichtigen Teil des imaginativen Diskurses einer Gesellschaft darstellt. Fiktionale Texte wecken beim Leser bestimmte Erwartungen (vgl. Skubic 2005: 105-107).

Im Laufe der schrittweisen Verschriftlichung der Kultur und der Standardisierung der Sprache stehen Standardsprache und Soziolekte bei der Verwendung als Sprache für literarische Texte immer wieder in unterschiedlicher Beziehung zueinander. Die Schreibweise einer Epoche weist spezifische Merkmale auf, die sich von denen einer anderen unterscheiden. Roland Barthes beschreibt diese sich historisch verändernden Verhältnisse in seinem Werk Am Nullpunkt der Literatur. Durch die Neuorientierung in der Verwendung von Sprache in der Literatur werden literarische Normen aufgebrochen und gesellschaftliche Gegebenheiten auf anderen sprachlichen bzw. literarischen Ebenen dargestellt. Barthes (1982: 93-94) erläutert dazu detailliert:

„Während dieser Augenblicke, in denen der Schriftsteller den tatsächlich gesprochenen Sprachen folgt, nicht weil sie pittoresk sind, sondern weil sie die wesentlichen Objekte darstellen, die den ganzen Gehalt der Gesellschaft ausschöpfen, mach die Schreibweise die tatsächliche Rede der Menschen zu einem Ort für ihre Reflexe; die Literatur [...] weist sich als Aufgabe zu, unmittelbar, noch vor jeder anderen Botschaft, zu berichten von der Situation der Menschen, die eingemauert sind in der Sprache ihrer Klasse, ihrer Provinz, ihres Berufes, ihres Erbes oder ihrer Geschichte.

In dieser Hinsicht entledigt sich die auf der sozialen Rede fundierte literarische Sprache niemals einer Tugend der Beschreibung, durch die sie begrenzt wird, denn die Universalität einer Sprache ist – im augenblicklichen Zustand der Gesellschaft – eine Erscheinung des Hörens und keineswegs des Sprechens: Im Inneren einer nationalen Norm wie der des Französischen unterscheiden sich die Sprechweisen von Gruppe zu Gruppe, und jeder Mensch ist Gefangener seiner Sprache. Außerhalb seiner Klasse kennzeichnet ihn sein erstes Wort, es situiert ihn und stellt ihn mitsamt seiner Geschichte zur Schau. Der Mensch wird dargeboten und ausgeliefert durch seine Ausdrucksweise, verraten durch eine formale Wahrheit [...]. Die Wiederherstellung der gesprochenen Sprache, die ihren Anfang durch amüsierte Nachahmung des Pittoresken nahm, hat denn auch dazu geführt, den ganzen Gehalt des sozialen Widerspruchs auszudrücken.“

In etwas konkreterer Form unterscheidet Czennia (2004: 508) zwischen textinternen und konnotativen, autorenbezogenen sowie rezipientenbezogenen Funktionen von Soziolekten in literarischen Texten. Wie der Text auf den einzelnen Leser wirkt, spielt eine große Rolle im Rezeptionsprozess. Soziolekte wirken auf bestimmte Weise, rufen Assoziationen hervor. Daraus ergeben sich einige Bedingungen, die bei der Übersetzung von Soziolekten in literarischen Texten zu berücksichtigen sind.

Aus diesen Ausseinandersetzungen wird auch klar, dass der Übersetzer selbst als Rezipient und Sprachproduzent einen nicht zu vernachlässigenden Faktor im Rezeptions- und in weiterer Folge im Übersetzungsprozess darstellt. Trotz des sicherlich feinen Gespürs für Sprache und des durch Ausbildung und Erfahrung erweiterten Bewusstseins für Schwierigkeiten in der Übersetzung zwischen zwei Sprachen bewegt er sich letzten Endes in einem Bereich, der lediglich Teile aller jeweils vorhandenen sprachlichen Varianten abdeckt. Als Rezipient nimmt er einen Text mit seinen Merkmalen subjektiv wahr. Eine Übersetzung ist demzufolge immer eine mögliche Interpretation eines Textes durch ein Individuum zu einem gewissen Zeitpunkt. Der zu übersetzende Text selbst ist bereits eine sprachliche Momentaufnahme soziokultureller Gegebenheiten, der unter Zuhilfenahme übersetzerischer Werkzeuge an einem anderen Moment neu interpretiert wird. Der Übersetzungsvorgang selbst ist komplex. Man begibt sich auf sprachliche Metaebenen und versucht zuerst, die eigenen Eindrücke zu reflektieren und ein grobes Gerüst aus dem Ausgangstext zu erstellen, dabei spezielle sprachliche Formen, mögliche Konnotationen und einen als wahrscheinlich anzunehmenden Eindruck beim Rezipienten zu beachten. Danach kann man mit diesem Gerüst als Schablone den Versuch wagen, ein vergleichbares Gerüst in der Zielsprache aufzubauen. Der Übersetzer sucht für das Netz an sprachlichen Realisierungen etwas Gleichwertiges in der Zielsprache, befindet sich jedoch dabei selbst in einem individuellen, sozialen und historischen Rahmen an Möglichkeiten.

von Daniela Trieb

Literatur

Barthes, Roland (1982): Am Nullpunkt der Literatur. 1. Auflage der deutschsprachigen Ausgabe. Frankfurt am Main.

Czennia, Bärbel (2004): Dialektale und soziolektale Elemente als Übersetzungsproblem. In: Kittel, Harald et. al. (Hg.): ÜbersetzungTranslationTraduction. Ein internationales Handbuch zur Übersetzungsforschung. Berlin. S. 505–512.

Skubic, Andrej E. (2005): Obrazi jezika. Ljubljana.

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