Erwin Köstler

3. 6. 2014

06_Foto_Erwin_Koestler2_WebErwin Köstler, geb. 1964, Übersetzer, Literaturwissenschaftler, lebt in Wien. Seit 1992 literarischer Übersetzer und freier Wissenschaftler, weiters Tätigkeiten als Ausstellungskurator und Veranstaltungsorganisator, zahlreiche Lesungen, Vorträge und Workshops, Arbeiten für Radio und Theater, Betreuung wissenschaftlicher Projekte und Teilnahme an zahlreichen wissenschaftlichen Symposien. Seit 1994 gibt Köstler bei Drava in Klagenfurt die von ihm übersetzte und kommentierte Werkausgabe Ivan Cankar in deutscher Sprache heraus, die aktuell 14 Einzelbände umfasst. Im Frühjahr 2013 erschienen die ersten fünf Bände der von ihm herausgegebenen Slowenischen Bibliothek, eines Gemeinschaftsprojekts der Klagenfurter Verlage Drava, Hermagoras/Mohorjeva und Wieser. Daneben publiziert Köstler laufend Übersetzungen zeitgenössischer slowenischer Literatur, zuletzt Franjo Frančič und Sebastijan Pregelj. Sein übersetzerisches und herausgeberisches Werk umfasst mehr als 35 Bücher. Mehrfache Auszeichnung durch Übersetzerprämien und -stipendien, 1999 Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzer, 2010 Lavrin-Diplom des slowenischen Übersetzerverbandes.

Anfang Mai kam Erwin Köstler nach Graz zur Präsentation der Buchreihe Slowenische Bibliothek im Slowenischen Lesesaal der Steiermärkischen Landesbibliothek. Am Nachmittag davor trafen wir uns auf der Terrasse eines Cafés zu einem Gespräch.

Wie bist du zum Übersetzen gekommen? Warum hast du dich für slowenische Literatur entschieden? Was hat dich besonders daran gereizt? Was gefällt dir bis heute daran?

Seit mehr als 20 Jahren ist es mein Beruf, und ich möchte ihn nicht tauschen. Meine ersten Übersetzungen machte ich in der Schulzeit. Ich war in den Fremdsprachen ziemlich schlecht und konnte mit Grammatik nicht so viel anfangen. Es gefiel mir aber, Texte zu übersetzen. Das machte ich dann irgendwann auch zu Hause, als Übung für die Schule. Einmal nahm ich einen kurzen Roman von Kurt Vonnegut und übersetzte ihn nach und nach. Immerhin erwarb ich mir auf diesem praktischen Weg ein Gefühl für das Englische, das ausreichte, die Klasse nicht wiederholen zu müssen. Slowenisch lernte ich als Erwachsener, da war es anders, die Sprache fiel mir zu. Ich habe damals Medizin studiert und wollte vor dem Abschluss noch eine Sprache erlernen. Eigentlich dachte ich ans Serbokroatische, weil es die zweite Sprache meiner Mutter ist, die in der Vojvodina als Volksdeutsche aufwuchs, mit ungarischem Vater und kroatischem Großvater. Daheim hat es mir niemand beigebracht. Ich habe aber auch in den Slowenischkurs reingeschaut und festgestellt, dass mir der Unterricht dort mehr behagt.

Der Unterricht war schuld?

Ja (lacht). Ich wäre sonst nicht beim Slowenischen gelandet. Wir waren von Anfang an angehalten, nur Slowenisch zu reden und haben in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, keine spröden Lehrbuchdialoge, sondern lebendige Praxis. Nach einem halben Jahr habe ich begonnen, Literatur zu lesen, erst mal Gedichte, wegen der Kürze, bald aber auch Prosa. Weil mir Cankars Hlapec Jernej dann doch etwas zu schwierig war, zog ich eine Übersetzung als Hilfe heran. Bei der blieb ich dann hängen, weil sie zum Teil so gravierend vom Originaltext abwich, dass mich das zu beschäftigen begann. Ich lieh mir dann weitere Übersetzungen aus und war erstaunt, wie viele grundverschiedene Varianten es für gleiche Textstellen geben kann. Im Grunde war ich mit nichts zufrieden, weil ich das Gefühl hatte, das geht ganz anders. Natürlich ist die zeitliche Distanz zu berücksichtigen, es handelte sich ja um Übersetzungen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Eine Übersetzung spielt sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab, auf der sprachlichen, der historischen, der gesellschaftlichen usw., auch die Weltanschauung des Übersetzers hat einen Einfluss darauf, wie er einen Autor präsentiert. Diese Dinge waren mir damals noch nicht so klar, aber ich startete meine ersten eigenen Übersetzungsversuche.

Und das war … von Cankar?

Ja, das war von Cankar, aber nicht Der Knecht Jernej, sondern die Skizze Iz predmestja, Aus der Vorstadt. Das fängt mit einer durchrhythmisierten Einleitung an, und ich saß eine Woche, um diesen ersten Absatz zu fassen zu kriegen. Eine Kollegin, die gerade an ihrer Diplomarbeit über die Wien-Texte Cankars arbeitete, hatte mir den Floh ins Ohr gesetzt, diese Texte doch zu übersetzen und einem Verlag anzubieten. Auf unseren Vorschlag hin funktionierte auch eine Dozentin ihre Lehrveranstaltung kurzerhand in einen einsemestrigen Übersetzerworkshop um, der ausgesprochen gut besucht war. So schaukelte sich das bei mir auf. Man kritisierte sich gegenseitig, erörterte Probleme und zog sich gegenseitig, privat und auf der Uni. Es war eine schöne Zeit, in der das erste Buch entstand. Ich stand um vier Uhr auf, um zwei Stunden übersetzen zu können, bevor ich auf die Klinik ging. Und am Abend ging es dann oft weiter. 1994 erschien bei Drava schließlich der Band Vor dem Ziel. Er rief ein unerwartet großes Echo hervor, es gab mehr als 40 Rezensionen quer durch die Medienlandschaft, große Feuilletons, Radio- und Fernsehbeiträge. Das hat den Verlag bewogen, weiterzumachen.

War nicht gerade in den 90er Jahren das Interesse für ex-jugoslawische Literaturen besonders groß?

Ja natürlich, durch den Krieg war das Interesse für die jugoslawischen Literaturen medial gebahnt. Aber da war ja der Umbruch in fast allen ex-kommunistischen Systemen. Lojze Wieser, der schon in den Achtzigerjahren begonnen hatte, slowenische Literatur systematisch übersetzen zu lassen, war wahnsinnig aktiv und versorgte den deutschsprachigen Raum mit Texten von  AutorInnen aus ganz Ost- und Südosteuropa, von denen man davor nicht einmal den Namen gekannt hatte. Das Aufsehen, das er damit erregte, zog auch andere Verlage mit. Das erste Cankar-Buch fiel eben in diese Auf- und Umbruchszeit. Da war ein großer Input und der Bedarf nach Büchern. Cankar war nicht ganz unbekannt. In den Siebzigerjahren hatte ihn das sozialdemokratische Wien für sich wiederentdeckt. Das war eine breiter angelegte Promotion, die von slowenischen Intellektuellen ausging, es gab eine Ausstellung, ein Sammelband mit Wien-Texten war geplant, und zum 100. Geburtstag 1976 schrieben Leute wie Christoph Ransmayr kenntnisreiche Artikel über den Autor. Das weiß man ja heute alles nicht mehr. In den Neunzigern, als ich begann, ihn systematisch zu übersetzen, war Cankar trotzdem noch eine periphere Erscheinung. Es war eine Zeit mit viel Engagement, und Verlage wie Wieser und Drava verschafften sich Zugang zum oberen Segment der Kultur, wo man wahrgenommen wurde und es möglich war, einen Bereich aufzubauen, der die Neunziger und einen beträchtlichen Teil der Zweitausender ein beträchtliches Prestige genoss.

Wie ist das heute?

Man kann den Eindruck haben, dass das Interesse an slowenischer und überhaupt an (ex)jugoslawischer Literatur zurückgegangen ist.

Im gesamten deutschsprachigen Raum?

Ja, den Eindruck habe ich. Vor zehn Jahren bekam man mit einer Übersetzung aus dem Slowenischen noch Rezensionen quer durchs Feuilleton, richtig große Artikel. Heute muss man froh sein, wenn in der NZZ eine Viertelseite erscheint, oder eben nicht froh. Das hat mit der Aufmerksamkeitsdynamik in der literarischen Öffentlichkeit zu tun, mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Buchmarktes und mit der immer knapperen Kalkulation in den Redaktionen. Umso wichtiger ist es, die in den Achtzigerjahren begonnene Aufbauarbeit fortzusetzen. Das Potential ist da, und das Knowhow auch.

Wir beschäftigten uns im Rahmen des TransStar-Netzwerktreffens in Krakau damit, wie man mit Buch- und Zeitschriftenverlagen arbeitet, welche Aufgaben es im Bereich der Kulturvermittlung gibt und wo die Rolle des Übersetzers zu verorten ist. Deshalb zuerst die Frage, was machst du rund ums Übersetzen?

Eine Zeit lang konnte ich vom Übersetzen leben, heute ist das nicht mehr so. Das ganze Gewerbe ist mühsamer geworden. Ich bin ständig auf der Suche. Pro Jahr kann ich ein Buch übersetzen. Aber das Feld der Literaturvermittlung ist breiter. Ich arbeite an wissenschaftlichen Projekten mit, schreibe Artikel für Fachzeitschriften und fahre auf Symposien, übernehme Lektoratsarbeiten und kleinere Übersetzungsaufträge. Man muss ständig korrespondieren, mit AutorInnen, KollegInnen, Verlagen und Zeitschriften, neue Kontakte knüpfen, man muss reisen, in Bibliotheken und Archiven recherchieren, daneben reicht man Stipendienanträge ein, und die Steuererklärung muss auch irgendwann gemacht werden. Die Arbeit des Übersetzers ist so interessant, wie er sie sich gestaltet, aber es ist sehr viel im Umfeld zu tun, damit man Geld verdienen kann. Früher war Übersetzen ein Brotberuf für Autoren, heute braucht das Übersetzen einen Brotberuf. Man muss hartnäckig sein und es gehört eine Portion Sitzfleisch dazu und eine hohe Frustrationstoleranz.

Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass man ein paar Jahre braucht, bis man die Kompetenz hat und die notwendige Routine, die es einem erlaubt, ein Buch in einer absehbaren Zeit zu machen, und nicht bei jedem Satz hängenzubleiben. Das betrifft auch den Arbeitsablauf, die Arbeitsorganisation, die Recherche, das muss man alles lernen, und es braucht Zeit. Und man sollte es intensiv machen, weil sonst keiner was davon hat. Man erwirbt sich das nur durch die Praxis. Fürs Slowenische kommen talentierte junge Übersetzer und Übersetzerinnen nach, was sehr erfreulich ist. Als erfahrener Übersetzer aber sehe ich auch, wo noch Knackpunkte sind, wo sie sich eventuell noch nicht trauen, die letzte Verantwortung für den deutschen Text zu übernehmen, wo sie zu unreflektiert am Slowenischen hängen bleiben, nur um sich keine Blöße zu geben. Letzten Endes aber ist Übersetzen ins Deutsche immer Arbeit an der deutschen Sprache, und der Standard, der hier verlangt wird, ist hoch. Für meine eigene Entwicklung war es sehr wichtig, dass ich beim Drava-Verlag ein sehr kritisches und aufwändiges Lektorat hatte, wenigstens in der Anfangszeit, wo mir Kärntner Sloweninnen sagten, wo ich danebengehauen habe und wie ein deutscher Satz in einem bestimmten Kontext besser funktioniert. Ich brauchte das genauso, wie die Jungen das jetzt brauchen. Für die Slowenische Bibliothek habe ich selbst lektoriert. Was ich einbringen kann, ist einfach eine lange Berufserfahrung. Und ich glaube, man kann davon profitieren.

Wie siehst du die Rolle des Übersetzers? Wie sichtbar oder unsichtbar soll der Übersetzer sein, sowohl im Text als auch in der Öffentlichkeit?

Die Sichtbarkeit im Text ist eine hypothetische Frage, weil man nichts übersetzen kann, ohne einen eigenen Text zu machen. Nicht in dem Sinn, dass ich mich vom Original löse und etwas ganz Eigenes schreibe. Aber wenn etwas durch mich gegangen ist, dann ist es schon etwas anderes. Das kann ich nicht vermeiden. Auf der anderen Seite muss man für die Autoren, die man übersetzt, produktive Zugänge entwickeln. Ich habe jetzt 14 Bücher von Cankar übersetzt, und ich denke schon, dass meine Übersetzung einen ganz bestimmten Duktus hat, den es wahrscheinlich wirklich nur bei mir gibt.

In der Öffentlichkeit sollen sich die Übersetzer natürlich sichtbar machen. Sie sollen sich auch organisieren. Es bringt auf die Dauer was, wenn man immer wieder einfordert, dass die Übersetzer in Rezensionen genannt und ordentlich entlohnt werden sollen, das liegt durchaus in unserer Verantwortung. Wichtig ist auch das Reden über Übersetzung, wie wir es z. B. gerade tun. Das Übersetzen ist ein wahnsinnig komplexer und irgendwie universeller Bereich, weil in Wirklichkeit schon bei jeder Lektüre so etwas wie ein Übersetzungsprozess stattfindet. Da sind wir wieder bei der Frage der Sichtbarkeit im Text: in dem Moment, wo etwas in mich hineingeht, habe ich bereits selektiert. Das macht es auch so schwierig, über Einzelentscheidungen zu debattieren. Man muss das Ganze im Auge haben, und ein erfahrener Leser sieht sofort, ob jemand etwas mehr oder weniger herunterübersetzt hat oder ob er weiß, was ein literarischer Text braucht, um zu funktionieren.

Sprechen wir noch über das Projekt „Slowenische Bibliothek“, das du vorhin bereits angesprochen hast. Wie kam es dazu? Wie hat es sich entwickelt?

2009 lud mich Drago Jančar zu einem runden Tisch in der Slovenska matica ein, wo es um die Übersetzung slowenischer Literatur ins Deutsche und österreichischer Literatur ins Slowenische ging. Anfang November fuhr ich dann nach Ljubljana, und weil ich nichts hatte, worüber ich referieren konnte, formulierte ich im Zug die Idee zu einer Buchreihe, die mich schon Jahre davor beschäftigt hatte. Meine Idee fand solchen Anklang, dass ich mich schon Anfang 2010 an die Förderstellen in Slowenien wandte, die mich ermutigten, ein Konzept auszuarbeiten. Im Juni desselben Jahres kam es zu einer ersten Vereinbarung mit den Verlagen Drava, Mohorjeva/Hermagoras und Wieser. Anfang 2011 reichten wir um die Förderung ein und die Arbeit begann. Die ersten fünf Bücher sind dann im März 2013 erschienen und wurden gleich rezensiert. Für das zweite Buchpaket aber konnten wir nach den Wahlen 2012 keine Förderung aus Slowenien mehr bekommen. Das Budget für Übersetzungen in Fremdsprachen wurde damals praktisch auf Null heruntergestrichen.

Schade, dass es bisher nicht weiter geklappt hat.

Wir werden einen Modus finden, um weiterzumachen. Das Konzept ist ja nach wie vor gut, und es veraltet nicht. Wichtig ist, dass hier ein Grundstock an Prosatexten zu Verfügung gestellt wird, auf den auch professionelle Leser, die Basisinformation zur slowenischen Literatur suchen, zurückgreifen können. Der Reihencharakter ermöglicht unerwartete Zugänge, schließlich handelt es sich um Bücher, die man als Einzelpublikationen nur schwer platzieren könnte.

Zum Beispiel?

Nun, warum soll ich heute z. B. den Krimi einer slowenischen Rechtsanwältin aus dem Jahr 1939 lesen? Wenn ich das als Einzelpublikation vermarkten will, muss es schon ein Text sein, den ich als sensationelle Entdeckung bewerben kann. Aber auch wenn alles klappt, werde ich nicht mit einem reißenden Absatz rechnen können. Welcher Verlag tut sich so was an? Wenn ich aber eine Buchreihe habe, wo eben z. B. Literatur aus der Zwischenkriegszeit im Kontext dargestellt wird, dann sieht das schon anders aus. Dann komme ich drauf, dass diese Autorin den ersten slowenischen Krimi überhaupt geschrieben hat, und zwar einen sehr amüsanten, und dass er wunderbar mit den anderen Texten kontrastiert, die im selben Paket untergebracht sind. Und erfreulicher Weise bekomme ich noch eine Fülle sozial- und kulturhistorischer Informationen mitgeliefert. Der innovative Zugang war bei der Auswahl von vornherein wichtig, ebenso wie die Beschränkung auf Prosa. Es handelt sich eben um keine dieser repräsentativen Kassetten, die um ihrer selbst willen gemacht werden, sondern um Literatur, die man noch nicht kennt, die man entdecken kann, von Autoren und Autorinnen, die zum Teil noch nie ins Deutsche übersetzt worden sind, und um Texte, die man noch heute mit Vergnügen lesen kann. Mit der Slowenischen Bibliothek haben wir die Möglichkeit, große historisch bedingte Lücken in der Vermittlung slowenischer Literatur ein für allemal zu schließen. Von der slowenischen Prosa des 19. Jahrhunderts ist bis heute gar nichts übersetzt, null, kein Trdina, der am Anfang der modernen slowenischen Prosa steht, kein Mencinger, dessen dystopischer Roman Abadon schon das totalitäre 20. Jahrhundert vorausahnen lässt, kein Kersnik, der zur gleichen Zeit realistische Prosa schreibt. Die Slowenische Literatur der Moderne war bis vor Kurzem nur durch Ivan Cankar repräsentiert (keine Zofka Kveder, kein Milan Pugelj), und die literarisch extrem bunte und spannende Zwischenkriegszeit wurde durch die paar bisher bekannten Namen nicht einmal behelfsmäßig abgedeckt. Dem hilft unsere Buchreihe ab. Jeder Band ist kommentiert, mit Nachworten und Anmerkungen versehen.

Warum die Nachworte?

Mit dem Nachwort wird eine Verortung des Autors/der Autorin und des Werks im historischen Moment seiner Entstehung möglich, außerdem lassen sich in den Anmerkungen viele sozial- und kulturgeschichtliche Informationen mittransportieren. Man kann das später zusammen als Einführung in Bereiche der slowenischen Literatur lesen, die uns hier sonst eigentlich gar nicht zugänglich werden. Das Hauptanliegen ist, dass etwas entsteht, um das herum sich ein Narrativ der slowenischen Literatur bilden kann, eine Art von Verbindlichkeit, die es unmöglich macht, ignorant davon auszugehen, dass die slowenische Literatur im Grunde ja fast nichts zu bieten hat, das sich zu lesen lohnt. Das sind die uralten Vorurteile gegenüber einem als „geschichtslos“ betrachteten Volk. In Wirklichkeit ist da eine Fülle an guter Literatur aus einem geschichtsträchtigen Land, was bisher gefehlt hat, war die Informiertheit von unserer Seite! Da muss sich in den Köpfen noch einiges tun.

Ein paar Fragen zur Übersetzungspraxis. Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?

Gibt es keinen. Idealerweise kann ich mir die Zeit einteilen und ich habe am Nachmittag, wenn die Kinder aus der Schule kommen, die Zeit, zu kochen und mit ihnen zu lernen. Das ist mir wichtig. Aber natürlich beginnt mancher Arbeitstag um sechs in der Früh und endet um Mitternacht, oder auch später.

Was darf auf deinem Schreibtisch nicht fehlen?

Mein Schreibtisch ist nicht mein einziger Arbeitsplatz. Ich brauche einen Computer oder irgendein Schreibgerät, und wenn es bloß ein Bleistift ist. Ich sitze zuhause in der Nacht auch viel am Küchentisch und schreibe oder lese. Worauf ich verzichten kann, ist das Handy am Schreibtisch. Aber die Bücher, die ich gerade zum Nachschlagen brauche, müssen unbedingt in der Nähe sein. Gelegentlich steht mein Handapparat auch neben dem Stuhl, auf dem Boden.

Wie gehst du an eine neue Übersetzung ran? Wie fängst du an, wenn du ein Buch hast, das du übersetzen willst? Liest du es zuerst oder beginnst du gleich, es zu übersetzen?

Nein, das wird schon zuerst einmal gelesen. Gründlich. Man muss das Buch ja kennen und sich einen Eindruck von seinen sprachlichen Eigenheiten und den Problemen, die sich auftun werden, verschaffen. Zum Teil notiert man am Rand schon ein bisschen mit, wie man das und das sagen könnte, Verweise, Zitate, mögliche Quellen, idiomatische Wendungen, Querbezüge im Text usw. Dann beginnt der Versuch an markanten Stellen. Bei manchen Texten kann man dann wirklich von vorn anfangen und bis hinten übersetzen. Bei manchen geht das nicht, weil sich ständig die Tonlage ändert. Einen Überblick über das Ganze braucht man immer. Jetzt gerade übersetze ich z. B. einen Text von Andrej Skubic, einen polyphonen Text, in dem die urbane Ljubljanščina mit einer dörflichen Dialektebene kontrastiert; und da gibt’s auch noch die Briefe aus den Dreißigerjahren, von einem Vorfahren, der nach Amerika emigriert ist und in einem höchst eigenwilligen Slowenisch schreibt. Und in den Dialogpassagen muss auch der gestische Charakter der Sprache eingefangen werden.

Wie findest du Wege, das zu übertragen?

Ich habe da kein Rezept. Wie übersetze ich z. B. einen Germanismus ins Deutsche? Die slowenischen Mundarten sind voll davon. Man markiert, man nähert sich einem natürlichen Sprachzustand an oder entfernt sich von ihm, wenn es die angestrebte Wirkung erfordert. Auch Skubic z. B. schreibt ja nicht naturalistisch, auch seine Sprache ist ja eine Annäherung mittels Markierung, reiner Dialekt kommt in dem Roman nirgends vor. Man muss einen virtuosen Umgang mit den heterogenen Elementen, aus denen Sprache nun einmal besteht, finden. Man muss sich auch ein bisschen befreien. Gerade bei Dialogen braucht es Kreativität, um die Situation zu treffen. Und manches markante sprachliche Element, das in der Übersetzung verloren geht, drängt sich an anderer Stelle vielleicht geradezu auf. Beim reinen Dialekt stellt sich das Problem der kulturellen Übersetzung noch akuter, denn Dialekte funktionieren, anders als eine überregionale Standardsprache, nur in einem bestimmten Umfeld. Ich müsste mit der Sprache daher auch den Kontext adaptieren, das gilt selbst für Dialekte in eng begrenzten zweisprachigen Gegenden. Also Annäherung. Beliebigkeit meine ich damit aber nicht.

Gibt es ein Wort, einen Begriff, mit dem du immer wieder Schwierigkeiten hast?

Ja, kulturelle Wörter wie dom oder domač werden immer schwierig bleiben, weil ich keine sprachlichen Mittel zur Verfügung habe, um zu transportieren, was für einen Slowenen Zuhause bedeutet oder was der Begriff domač noch alles kulturell konnotiert, was da mitschwingt an emotionaler Nähe zur Sprache. Solche Wörter werden je nach Kontext übersetzt. Po domače govoriti – slowenisch reden ist eine Variante, aber es ist etwas anderes, als dort steht.

Welche Tipps gibst du uns angehenden Übersetzern mit?

Man muss sich darüber klar werden, ob man die nötigen Voraussetzungen fürs professionelle Übersetzen von Literatur mitbringt. Ich halte nichts von diesem elitären Gehabe, das das literarische Übersetzen zu einer Art Geheimwissenschaft für Höchstbegabte stilisiert. Die Übersetzer sind Menschen wie andere auch, und so verschieden sie sind, so verschieden sind ihre Zugänge. Aber eine einigermaßen hohe Kompetenz in der Zielsprache muss gegeben sein. Wenn man wirklich übersetzen will, dann soll man es mit Hingabe tun. Da werden sich einem viele Hindernisse entgegenstellen. Man benötigt sehr viel Zeit und Geduld für die Arbeit. Freilich: Wenn ich jeweils nur vier Stunden an zwei Tagen in der Woche Zeit habe, werde ich ein anderes Spektrum abdecken, als wenn ich nichts anderes daneben machen muss. Vielleicht werde ich mehr Gedichte übersetzen und weniger Prosa, was sowieso viel schwieriger ist und einen längeren Atem braucht. Ein Gedicht in freien Versen kann fast jeder so übersetzen, dass es nach etwas klingt, bei der Prosa aber merkt man sofort, ob einer schreiben kann. Man muss einfach wissen, was man sich zutrauen darf, und sollte sich nicht übernehmen. Das Wichtigste ist die Praxis selbst, der direkte Kontakt mit dem literarischen Feld und die kontinuierliche Arbeit. Denn Übersetzen geschieht nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern ist eine Tätigkeit, die nach außen drängt und an der letzten Endes viele Menschen beteiligt sind. Das kann kein Seminar und kein Workshop vermitteln. Die Voraussetzung für einen guten Text ist die Notwendigkeit, an diesem Text zu arbeiten. Wenn eine Übersetzung für einen deutschen Leser überzeugend sein soll, dann muss ich ihm auch suggerieren können, dass er diesen Text braucht.

Ich würde nicht allzu viel Angst davor haben, Fehler zu machen. Fehler passieren immer, das kann man sich eingestehen, und man kann es besser machen. Berechtigte Kritik sollte man auf jeden Fall ernst nehmen. Und gelegentlich sollte man wohl den Mund aufmachen, wenn sich jemand mit wirklich schlechten Sachen produziert, auch wenn man sich nicht unbedingt beliebt damit macht. Vielleicht werden dann aber die Standards, die man an einen Zieltext anlegen muss, wieder deutlicher, und gerade bei einer kleinen und vernachlässigten Literatur wie der slowenischen ist es wichtig, einen sehr hohen Standard anzusetzen. Vor allem würde ich angehenden ÜbersetzerInnen raten: viel deutschsprachige Literatur lesen und viel viel schreiben, um die Ausdrucksfähigkeiten im Deutschen immer weiter zu entwickeln.

Das Gespräch wurde von Daniela Trieb geführt.

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