Eva Profousová

6. 6. 2013

06_Eva Profousová FotoEva Profousová
Foto © Thomas Rommel

(geb. 1963 in Prag) studierte Bohemistik, Russistik und Osteuropäische Geschichte in Hamburg und Glasgow, 1992-2002 war sie Leiterin des Honorargeneralkonsulats der Tschechischen Republik in Hamburg. Seit 2002 ist sie freiberufliche Literaturübersetzerin und Publizistin. Sie übersetzte zahlreiche Prosa- und Theaterautoren ins Deutsche, u. a.: Jáchym Topol, Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš, Michal Viewegh, Miloš Urban, Tereza Boučková, Petr Zelenka oder Jan Pitínský. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet – 2012 Georg Dehio Buchförderpreis (zusammen mit Radka Denemarková), 2010 Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen. Eva Profousová lebt in Hamburg.

Wie war Ihr Weg zu Literaturübersetzerin?

Ganz ursprünglich habe ich tatsächlich angefangen in Prag Übersetzen-Dolmetschen zu studieren, aber dann bin ich geflüchtet und hätte eigentlich nie gedacht, dass ich als Übersetzerin arbeiten werde. Ich habe es am Anfang in Hamburg versucht und habe es dann gelassen und dachte, ich werde Wissenschaftlerin. Nach der Wende habe ich kurz bei der Botschaft gearbeitet, wo ich den damaligen Kulturattaché Tomáš Kafka kennenlernte, einen Dichter und Übersetzer – und plötzlich dachte ich: Übersetzen ist doch was Tolles, das könnte ich mal probieren.

Der wichtigste Punkt für mich war, als Die Schwester von Jáchym Topol erschien. Das war ein Buch, das für mich unglaublich wichtig war, und ich wusste, das will ich übersetzen. So hat es sich auch glücklicherweise gefügt und ich habe es mit meiner einstigen Mitbewohnerin und Freundin zusammen übersetzt, mit Beate Smandek. Für mich war das auch der Moment der Rückkehr aus der Emigration wieder zurück nach Prag. Ich glaube, es ist auch der Grund, warum ich übersetzen muss: Für mich bedeutet es die Auseinandersetzung damit, wo ich herkomme. Ich bin in meinen Augen eigentlich keine Übersetzerin, sondern ich bin eine Vermittlerin.

Sie sind nun schon lange als Literaturübersetzerin im Geschäft, wie steht es Ihrer Meinung nach im deutschsprachigen Raum um die tschechische Literatur?

Nicht mehr so gut wie früher. Nach der Wende gab es einen ziemlich großen Bedarf an tschechischer Literatur, man wollte das Land mittels Literatur neu erkunden. Es gab viele Lesungen und Lesereisen von tschechischen Autoren quer durch Deutschland. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass man heute verstärkt nach Büchern sucht, die sich gut verkaufen lassen, die das Potenzial zum Bestseller haben, was für tschechische Bücher selten gilt. In den letzten zwei, drei Jahren ist auch deutlich zu merken, dass das Auswärtige Amt die Übersetzungen aus osteuropäischen Sprachen nicht mehr finanziell unterstützt, was sich stark in der Auftragslage widerspiegelt. Die Verlage wissen, sie machen damit überhaupt keinen Gewinn. Man müsste schon 7.000 Exemplare verkaufen, damit sich ein Buch rentiert – und das ist bei tschechischen Büchern nicht der Fall.

Die Autoren, die schon eine deutsche Übersetzung haben, haben es vielleicht um einiges leichter, aber auch nicht immer. Man erlebt das immer wieder, auch bei Jáchym Topol, Jaroslav Rudiš oder jetzt bei Radka Denemarková – es heißt nicht automatisch, dass sofort auch weitere Bücher übersetzt werden. Man guckt immer wieder nach den Verkaufszahlen, was tatsächlich sehr bitter ist.

Haben Sie eine Autorin oder einen Autor, die oder den Sie besonders gerne übersetzen? Und gibt es Unterschiede zwischen Büchern, die Sie gerne lesen, und denen, die Sie gerne übersetzen?

Ich habe nur festgestellt, dass es Bücher gibt, die man gerne liest, weil sie nett und kurzweilig sind. Und beim Übersetzen stellt man fest, dass sie gar nicht gut geschrieben sind. Das bekommt man beim schnellen Lesen nicht wirklich mit, aber wenn man es dann in der anderen Sprache nachbilden muss, ärgert es einen. Aber im Allgemeinen würde ich ein Buch, das ich spannend finde, das mich innerlich anspricht, auch gerne übersetzen.

Wie ist es mit den beiden Sprachen für Sie, wenn Sie das Deutsche und das Tschechische vergleichengibt es Sachen, die besonders schwierig sind zu übersetzen oder wiederum Bereiche, wo sich die Sprachen sehr nahe liegen?

Sie sind sich viel näher, als ich früher gedacht hätte, wir haben eine ähnliche Grundstruktur, auch im Denken… die Bilder stimmen meistens überein. Im gewissen Sinne haben wir Glück, dass wir aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzen. Man merkt, dass die beiden Sprachen lange nebeneinander gelebt haben. Das ist zumindest mein subjektives Gefühl.

Womit ich mich immer schwer tue, ist der plötzliche Tempuswechsel. Der kommt im Tschechischen häufig vor und ist nicht immer genau nachzuvollziehen. Das ärgert mich manchmal. Was ich persönlich als ein großes Problem empfinde, ist, dass es in der tschechischen Umgangssprache ganz viele deutsche Verballhornungen gibt. Da habe ich immer noch kein Patentrezept, bei jedem Buch versuche ich dafür eine andere Lösung zu finden, weil dieser Aspekt bei jedem Autor auch eine andere Rolle spielt. Das quält mich manchmal.

Arbeiten Sie gerade an einer bestimmten Übersetzung oder haben Sie eine Buchentdeckung, die Sie gerne übersetzen möchten?

Ich hatte für eine Weile eine Pause vom Übersetzen, aber im Moment habe ich zwei Projekte auf dem Tisch:  Gerade übersetze ich ein Buch, das gut zu unserem Gespräch passt: Konec punku v Helsinkách von Jaroslav Rudiš. Es spielt hier in Leipzig, obwohl die Stadt nicht genannt wird. Und in diesem Buch ist für mich die große Herausforderung eine Sprache zu finden, in der die tschechischen Punks sprechen sollen. Da braucht man eine Art Slang – bei Rudiš ist er zum Teil über das Deutsche aufgebaut, weil die Heldin eine deutsche Oma hat – und ich versuche jetzt, in Dokumenten über die ostdeutsche Punkszene ein paar sprachliche Anhaltspunkte zu finden. Und wenn das Buch fertig ist, wartet schon ein anderer Roman auf mich, auch der sehr spannend, wenn auch sprachlich ganz anders: Žítkovské bohyně von Kateřina Tučková, wird bei DVA erscheinen.

Die Buchentdeckung war für mich vor kurzem ein Buch, das in Tschechien im Selbstverlag erschienen ist und das ich unglaublich gerne übersetzen würde: Hejno bez ptáků von Filip Doušek. Ich fand es richtig klasse und dachte, das wäre etwas Zukunftsweisendes, das man auch in Deutschland bräuchte. Es geht darum, dass wir in unserem Denken neue Paradigmen suchen müssen, um die Welt anders wahrzunehmen. Doch bis jetzt hat sich kein Verlag getraut. Ich würde außerdem sehr gerne von Jan Balabán Zeptej se táty übersetzen, das will aber auch keiner machen, weil es zu düster ist und weil es da nicht nur um den Tod, sondern auch um die Religion geht, das kommt hier nicht immer gut an. Zumindest nicht bei den Verlagen, denen ich es vorgeschlagen habe. Man möchte irgendwas aus Osteuropa haben, was leicht ist und lustig und nicht immer so … nachdenklich.

Eva Profousová im Gespräch mit Martina Lisa in Leipzig

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