Gekreuztes: Lesung und Gespräch

Krakau, Bunkier sztuki, 18. Januar 2014
8. 2. 2014

Sylwia Chutnik „Dzidzia“ mit dem Übersetzerinnentandem Magda Wlostowska und Zofia Sucharska

Moderation: Olaf Kühl (Berlin)

„Titelheldin ist ein Kind, das mit Wasserkopf und ohne Glieder geboren wurde. Vor einem halben Jahrhundert hat Dzidzias Großmutter bei den Deutschen zwei Polinnen denunziert, die Flüchtlinge aus dem durch den Aufstand vernichteten Warschau waren. Das „Rumpf-Kind“ wird zu einem Medium, das Kontakt zur Kriegswirklichkeit hat. Das Buch initiierte eine Unmenge von Fragen bezüglich der Nationalkomplexe, des polnischen Katholizismus und Antisemitismus und belebte die Diskussion über die patriarchale Ordnung.“

Soweit die Veranstaltungsbeschreibung aus dem Programmheft. Bestimmt ein schmerzhafter Roman. Weil das Kind…, weil der Krieg…

In der Person des „unvollendeten“ Kindes verbindet sich die Schuld mit der Unschuld. Die Verstümmelung der kleinen Dzidzia, des Babyleins (wie sie auf Deutsch heißt) wird als Bestrafung für Omas Kriegssünde und so als gerecht interpretiert. Das Mädchen ist da, in der Gegenwart, gleichzeitig aber fest gefangen in der Kriegszeit. Sie ist geistig behindert und sprachlos, artikuliert jedoch hie und da Kriegserlebnisse fremder Menschen. Sie wird geliebt und gleichzeitig gehasst, wird für eine Heilige sowie für ein Stück Fleisch gehalten. Ist sie oder eine andere Romanperson eine symbolische oder universale Figur? Auch das war eine der Fragen, die im Laufe des Abends gefallen sind. Nein, lautete die Antwort, zumindest war die Absicht nicht so. Aber der Name Dzidzias Mutter klingt Danuta Mutter…

Das Hauptthema des literarischen Abends war die nicht erschienene Übersetzung ins Deutsche. Die als konservativ bezeichneten Polen zeigten sich hier liberaler als die Deutschen. Wegen Mangel an Empathie, der rohen Beschreibungen des verstümmelten Körperchens, wurde eine Veröffentlichung des Buches in deutscher Sprache abgelehnt. Interessanterweise hat Sylwia Chutnik diesen Grund erst jetzt, bei dieser Lesung, von Olaf Kühl erfahren. Sie hätte bis jetzt gedacht, der Grund wäre die polnisch-deutsche Geschichte, die historische Schuld. Obwohl sie bei ihren Auftritten in Deutschland selber erfuhr, dass ihre Schilderung der gemeinsamen schmerzhaften Vergangenheit in Deutschland manchmal sogar sehr positiv angenommen wird.

Sylwia Chutnik stürzt Stereotype um. Nicht programmatisch, sie stellt sie nur in Frage. Oder noch besser. Sie versucht auch die andere als nur die befeierte, heldenhafte Seite der Vergangenheit zu zeigen. Was nach und nach ein neu aufgehender Trend zu sein scheine. Die nationalen Mythen würden in Europa in Frage gestellt und hinterfragt, sagte sie.

Das Buch thematisiere, so die Autorin selbst, zwei wichtige Erscheinungen: das Problem der Behinderten, die die Gesellschaft nicht gerne sieht. Und die Geschichte, bzw. einen Versuch, die Geschichte zurückzurufen. „Wenn ich die Augen zumache, kann mich keiner sehen“, denkt manchmal die Mutter Danuta Mutter, die mit ihrer Position zwischen der „Schuld“ und der „Unschuld“ nicht klar kommt.

Die Übersetzungsschwierigkeiten sind leider etwas zu kurz gekommen. Sowie Leseproben, die für einen unwissenden Zuschauer vielleicht hilfreicher wären, als das zwar interessante, aber für die meisten doch etwas aus dem Kontext gerissene Gespräch der Auftretenden. Der Lesungsschluss klang allerdings optimistisch aus. Herr Kühl meinte: die Übersetzerinnen sollen es nicht aufgeben, sondern weiter kämpfen, die Übersetzung sei gut und eines Tages werden sie bestimmt erfolgreich sein.

Hier finden Sie einige Fotos. Besuchen Sie auch unsere FB-Seite.

von Petra Grycová

 

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