Heinrich Kunstmann

2. 11. 2014

11_Kunstmann foto-WEBHeinrich Kunstmann
(*1923 in Regensburg; †2009 in Prien am Chiemsee)

Heinrich Kunstmann gehört zu jenen Übersetzern, die über Umwege zu der Sprache gekommen sind, die ihr späteres Leben und Arbeiten prägen sollten. Begonnen hatte er seine Laufbahn eigentlich als Bohemist, 1950 wurde er in tschechischer Sprachwissenschaft promoviert, trat anschließend eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Würzburg an und wurde später Professor am Institut für Slavistik der Universität München, wo er bis 1983 lehrte. Seine wissenschaftlichen Interessen lagen in den Bereichen slavische Frühgeschichte, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte und Literaturgeschichte. Neben der tschechischen Literatur, für die er sich schon früh begeisterte, wurde im Laufe der Zeit die polnische Gegenwartsliteratur zu einem zweiten Standbein und einer wahren Leidenschaft.

Sein Interesse an der polnischen Sprache und Literatur konnte Kunstmann selbst nie so recht erklären. Polnische Wurzeln, wie so viele seiner Slavisten- und Übersetzerkollegen, hatte er nicht vorzuweisen, und auch andere Verbindungen ließen sich zunächst kaum ausmachen. Mit dem Übersetzen polnischer Literatur begann er Mitte der 1950er Jahre und machte sich bald schon einen Namen als Übersetzer polnischer Dramen, u.a. mit Witold Gombrowiczs „Yvonne“ und Witkacys „Wasserhuhn“. Kunstmann übersetzte diese Texte nicht nur, sondern kommentierte, interpretierte und erläuterte sie dem deutschen Leser auf vielfältige Weise. So dürfte etwa seine Abhandlung „Moderne polnische Dramatik“ aus dem Jahr 1965 auch heute noch in vielen Bücherregalen deutschsprachiger Polonistikstudenten zu finden sein, und zwar keineswegs bloß als historisches Relikt. Auch die von ihm verfassten Artikel zur polnischen Literatur nach 1945 und zu zahlreichen polnischen Autoren im „Lexikon der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts“ trugen und tragen dazu bei, die polnische Literatur in Deutschland bekannter zu machen.

Kunstmanns größte übersetzerische Leistung liegt allerdings auf dem Gebiet des polnischen Hörspiels, dem er in der Bundesrepublik der 1950er und 60er Jahre zu großer Popularität verhalf. Als Auftragsarbeit für den Norddeutschen Rundfunk übersetzte er 1957 Jerzy Lutowskis „Ostry dyżur“, das unter dem Titel „Wir sind mitten in der Operation“ als erstes polnisches Hörspiel im westdeutschen Radio zu hören war. Es folgten unzählige weitere Hörspiele in der Übersetzung von Heinrich Kunstmann, darunter Zbigniew Herberts „Die Höhle der Philosophen“, Michał Tonieckis „Gespräche und Schweigen“ und Tymoteusz Karpowiczs „Wenn jemand klopft“. Die Aufträge in diesem Bereich gingen jedoch schnell zurück, da Kunstmann als inzwischen etablierter Kenner der polnischen Literatur nun aus eigener Expertise viele neue Autoren auf dem deutschsprachigen Markt einführte. Dem Genre entsprechend wurden die meisten seiner Übersetzungen jedoch nie gedruckt, so dass uns heute nur ein kleiner Teil seines Schaffens zugänglich ist. Als repräsentativ für dieses besondere Kapitel der polnisch-deutschen Beziehungen gilt jedoch nach wie vor die 1968 von Kunstmann selbst zusammengestellte, übersetzte und herausgegebene Anthologie „Der Fünfte zum Bridge“.

Privat pflegte Kunstmann ebenfalls enge Kontakte zu zahlreichen polnischen Schriftstellern, besonders intensiv war die von einem langjährigen Briefwechsel begleitete Freundschaft mit Tymoteusz Karpowicz. Dieser beschrieb das Haus in Prien am Chiemsee, das Kunstmann seit 1962 mit seiner Frau Gertrud bewohnte, als einen außergewöhnlich gastfreundlichen Ort. Damit, aber insbesondere durch seine wissenschaftliche und übersetzerische Tätigkeit trug Heinrich Kunstmann sehr zur Vermittlung polnischer Literatur in Deutschland bei.

von Melanie Foik

Literatur

Hedwig Nosbers: Polnische Literatur in der Bundesrepublik Deutschland 1945/1949 bis 1990. Buchwissenschaftliche Aspekte. Wiesbaden 1999.

Marek Zybura: Amicus Poloniae. In: Amicus Poloniae – Teksty ofiarowane Profesorowi Heinrichowi Kunstmannowi w osiemdziesiątą piątą rocznicę urodzin. Hrsg. von Krzysztof Ruchniewicz und Marek Zybura. Wrocław 2009. S. 11-18.

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