Ignacy KARPOWICZ: Jesus, Romanauszug (Aus dem Polnischen von Katharina Kowarczyk)

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 135/2013 (Graz), 15. Oktober 2013
31. 10. 2013

Ignacy KARPOWICZ: Jesus (Romanfragment)

Einleitung

„Alles war wie immer und zugleich ganz anders“, sagt die 50jährige Single- und Jungfrau Olga im dritten Kapitel von Balladyny i romanse (Balladynen und Romanzen). Wie die anderen acht Hauptfiguren ahnt sie nicht, dass sie unter den Einfluss antiker Götter geraten ist. Da Jesu Mission gescheitert ist, hat der einst so mächtige Zeus beschlossen, dass Apollo, Nike, Eros und der Rest der griechischen Helden auf die Erde zurückkehren und ihr Glück auf Herrschaft noch einmal versuchen: und zwar zunächst einmal in Polen. Als ihr größter Gegner erweist sich die omnipräsente Religion des 21. Jahrhunderts: die Popkultur. Doch auch Jesus hat noch nicht aufgegeben und schmiedet eigene Pläne.


Jesus

Mein Name ist Jesus. Jesus Christus, Spitzname Ichthys. Ich bin sehr populär, angesagt seit zweitausend Jahren. Ich trete vor allem in der Bibel auf; neben Hair ist sie das größte Musical aller Zeiten.

Ich bin ein Gott, der eine Gott. Ich bin die Tür und der Weg. Ich bin das Licht und die Erlösung. Ich bin Hirte. Kein Witz.

Ich bin der eine, dreieinige Gott. Das heißt, dass auch mein Vater und der Heilige Geist der eine Gott sind. Wir sind eine Einheit, obwohl wir auch voneinander getrennt sind. Als Idee nicht schlecht, etwas kompliziert vielleicht. Ich habe Vater und der Taube gleich gesagt, dass die Menschen das nicht kapieren würden. Feinsinnige und wohlgenährte Köpfe, gewiss, die würden begreifen, aber der dümmere und unterernährte Rest würde durcheinander bringen, wer wer ist. Ich habe gesagt, dass wir mit der Einheit der Dreieinigkeit und vice versa warten sollten, bis die Menschen herausfinden, dass die Welt mehr als drei Dimensionen hat und dass die Quantenphysik nur ein erster Schritt ist, sie zu erklären. Sie aber: Nein, geht nicht. Nein, weil es eine Lüge wäre, die Dreieinigkeit der Einheit und die Einheit der Dreieinigkeit zu verheimlichen, und eine Lüge als Grundstein einer Religion sei auf lange Sicht zu riskant, dafür habe es in den vergangenen Jahrhunderten genug Beispiele gegeben. Nein, weil der einzige Pfad zur Erlösung über die Wahrheit führt. Die Wahrheit, das nur so am Rande bemerkt, bin ich.

Natürlich hatte ich recht. Ich bin quasi allwissend. Nicht dass es mich gefreut hätte, recht zu haben. Als Gott muss man sich nun mal anpassen, an das Niveau seiner (potentiellen) Gläubigen, an den historischen Moment. In der Steinzeit würde ich ja auch nicht verkünden, dass jeder Mensch ein Anrecht auf Spam und eine Flatrate hat. Spannungen gab es schon bei der Redaktion der Zehn Gebote. Meiner Meinung nach war der Dekalog von Anfang an zu altbacken und zu lang, schließlich hat nicht jeder ein gutes Gedächtnis. Sie aber: Nein, geht nicht. Geht nicht, es müssen zehn Stichpunkte sein. Bei zehn Stichpunkten kann man nicht erwarten, dass ein schlüssiger oder gar wirkungsvoller Text herauskommt. Erstens kann man die Zehn Gebote befolgen und trotzdem ein schlechter Mensch sein. Zweitens waren Recht und Moral im Dekalog allzu eng an die Familie geknüpft, und mit der Familie verhält es sich – bekanntermaßen – wie mit der Sonne: je weiter weg, desto besser. Abgesehen davon ist Familie ein historischer Begriff, der Zeit unterworfen, dem Wandel ausgesetzt.

Das nächste Problem war die Sprache. Ich habe zu zwei Dritteln meiner selbst gesagt: Hört mal, das mit dem Hebräischen oder Aramäischen sollten wir lassen, diese Sprachen werden aussterben, schaut euch die Prognosen und Simulationen an, wir sollten warten – habe ich gesagt – ein paar Jahrhunderte warten. Ich bin der Gott der Liebe, meine Botschaft verdient eine Sprache der Liebe, am liebsten Französisch. Sie aber (also ich): Nein, geht nicht. Wir warten nicht. Na gut, sage ich, dann vielleicht wenigstens Englisch? Wir hätten keinen Stress wegen der Übersetzungsfehler. Ich dann aber (also sie): Nein, geht auch nicht.

Das nächste, und zwar ernsthafte Problem ergab sich aus der Konstitution meiner selbst. Ich bin nämlich Gott und Mensch zugleich. Zwei eigenständige Naturen, in einem Körper vereint – so hatte es das Konzil von Chalcedon beschlossen und ich hatte mich der Entscheidung gebeugt; ich hatte ungefähr genau vierhundert Jahre nach meinem Tod davon erfahren, auf meiner Jubiläumsgala. Die Idee mit den zwei Naturen war nicht schlecht und nicht schlecht umgesetzt, aber schon wieder ging etwas an meinen Vorstellungen vorbei. Meiner Meinung nach war die Auferstehung ein Kardinalfehler. Man hätte auf diesen ägyptischen Ballast verzichten können. Wenn die Menschen gut werden sollen, dann müssen sie begreifen, dass sie nach dem Tod nichts zu erwarten haben, dass der Himmel, dass das Gericht nicht existiert. Und falls dann doch jemand in den Himmel hinaufsteigt, dann ist das ein Bonus, eine Belohnung für die, die nichts erwartet haben.

Nur hatte ich meine Meinung, und meine zwei Drittel eine andere. Ohne Himmel und Hölle würden die Menschen nicht gut werden, hieß es, die Erlösung wäre dahin: voll verkackt, voll öde. Am Ende behielt ich wieder mal recht. Ich bin ein Gott; wenn meine zwei Drittel mit mir im Streit liegen, weiß ich natürlich trotzdem, wie die Welt enden wird.

Darum will ich herabsteigen und sterben. Nichts Spektakuläres. Kein Kreuz, kein Leiden. Das hat sich nicht bewährt. Die Kreuzigung war verfrüht. Diesmal entscheide ich mich für den grauen Star, für Rheuma und Altersschwäche. Mit Nike, meiner Hejrzensdame, will ich herabsteigen, will auf meine Allmacht verzichten, den Einkauf erledigen und Grippe kriegen. Ich will winzige Wohltaten vollbringen. Wunder ausgeschlossen. Ich will meine Miete zahlen und acht Stunden täglich auf Arbeit verbringen.

Ich bin Philanthrop. Ich liebe die Menschen. Vielleicht, weil ich Sinn für Humor habe. Ohne Sinn für Humor keine Liebe. Ich habe vorgeschlagen, eines der Gebote durch das folgende zu ersetzen: „Du sollst lachen jeden Tag und am Feiertag erst recht. Das Lachen ist das Tor des Guten, ein Pflaster fürs Herz und das Auge der Erlösung“. Es wurde abgelehnt.

Die Erlösung ist der Punkt aller Dimensionen, zu dem ich die Menschen führen will. Ein Punkt in der Materie, weil es jenseits der Materie und all ihren Ebenen nichts gibt – nur die ultimative Dimension. Ich glaube an die Apokatastasis: die Allerlösung. Ohne Hölle, Limbus und Abgrund. Mit diesem Glauben bin ich in der Minderheit. Zwei Drittel meiner selbst fordern das Letzte Gericht. Mein Argument ist, dass die Schöpfung gut ist – und daher jede, auch die geringste Existenz das Siegel des Guten trägt. Es diskutiert sich schlecht mit einer Mehrheit, insbesondere als Einheit.

Ich muss bekennen, dass ich in den letzten Jahrhunderten an der Apokatastasis und überhaupt, an mir selbst, und genau genommen an einem Drittel meiner selbst zu zweifeln begonnen habe. Nach der Party im Roten Meer war ich in ein dunkles, tiefes Loch gefallen. Nike hatte mir vom Zeus’schen Plan erzählt. Ich war wenig begeistert. Später, als Nike gegangen war, ich mit hängendem Kopf dasaß, verzweifelt und zwiegespalten, kam mir plötzlich eine Erleuchtung. Der Plan der Olympier war für meine Pläne gar nicht so ungünstig, er begünstigte sie sogar. Ihr müsst verstehen, ich habe die Idee von dem einen einzigen Gott nie befürwortet: Ich wurde, was an und für sich paradox ist, überstimmt. Ich war schon immer der Ansicht, dass es besser ist, mit den anderen Göttern zu kooperieren, anstatt sie zu bekämpfen. Der griechische Plan gibt uns allen noch eine Chance, glaube ich. Diesmal werde ich meine Fehler nicht wiederholen: Die Auferstehung ist, wie gesagt, eliminiert; Hölle, Himmel, Fegefeuer: eliminiert; die Zehn Gebote: vertagt. Es muss was Profaneres her. Ein Stichpunkt genügt, von mir aus mit Fußnoten, zum Beispiel: Jeder hat das Recht, glücklich zu sein. Zu lachen. Zu irren. Zu lieben. Wir könnten knobeln.

Diesmal wird es mir gelingen. Ich bin der Pantokrator, das Alpha und das Omega, die Allmacht und das ewige Licht. Ich bin die Tür und die Kirche. Ich weiß, kein Grund sich aufzuplustern, aber manchmal ist es ganz sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, wer man ist. [...]

(Fragment aus dem Roman Balladyny i romanse, S. 285-289)

 Einleitung und Übersetzung aus dem Polnischen von Katharina KOWARCZYK, Hamburg

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