Jakuba KATALPA: Pottsau, Romanauszug (Aus dem Tschechischen von Martina LISA)

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 137/2014 (Graz), 30. April 2014
2. 5. 2014

Martin bewahrte sich den Glauben an das, was Vater sagte, bis ins Erwachsenenalter.

            Klara Rissmann, die uns aus Lahnstein Pakete mit Süßigkeiten geschickt hatte, war für ihn eine egoistische und verantwortungslose Mutter – eine Frau, die ihr Kind in dem Moment verlassen hatte, in dem es sie am meisten gebraucht hätte. Seine Meinung hatte Martin nie hinterfragt, hatte mit zehn damit aufgehört, seine Portion Schokolade zu beanspruchen, die unsere deutsche Oma uns schickte. Meine anderen Brüder und ich freuten uns darüber, wir selbst empfanden keine Hemmungen, von dem zu profitieren, was über die westliche Grenze kam.

Die Pakete von Klara Rissmann gingen seit Ende der Vierzigerjahre an die Adresse unserer Oma, Hedvika Mahlerová. Meist kamen zwei oder drei im Jahr, sie enthielten vor allem Süßigkeiten: Schokolade, geröstete Erdnüsse, Kekse und Bonbons. Manchmal legte die Oma auch Ausmalhefte, Socken oder Unterwäsche dazu.

            Als Vater klein war, dachte er, die Pakete wären von einer entfernten Verwandten, erst als Erwachsener erfuhr er die Wahrheit: die Pakete kamen von seiner Mutter, einer fremden Frau, die er nie gesehen hatte.

            Hedvika Mahlerová, die er bis dahin für seine Mutter gehalten hatte, erzählte ihm, wie es dazu gekommen war, und während sie erzählte, saß er da, die Arme vor der Brust verschränkt und atmete schwer. Vor seinen Augen entfaltet sich das Bild zweier Frauen, einer schwangeren, seiner Mutter, und der, die ihn erzogen hatte und jetzt vor ihm saß, schuldig und schluchzend.

            „Verdammt!“, sagte er, als Hedvika zu Ende erzählt hatte und ihn unsicher anblickte; damals war er schon sechs Jahre verheiratet und hatte zwei Kinder, die zu Hedvika Oma sagten.

            Hedvika hatte Angst, Konrad würde nach seiner echten Mutter suchen, und war erleichtert,  dass es nicht geschah. Kurz bevor er ging, schloss er sich auf der Toilette ein, da konnte sie es nicht lassen, sie drückte das Ohr an die Tür, und als sie ihn weinen hörte, stahl sie sich in die Küche und hielt sich die Hände vors Gesicht.

            Am Abend schrieb sie ihrer Schwester Anna, die trotz ihres hohen Alters immer noch an einer Handelsschule in Tichý Brod unterrichtete.

            „Ich habe es ihm gesagt“, bekannte sie am Anfang des Briefes. Anna antwortete ihr eine Woche später, aufgeregt und verärgert.

            „Geheimnis sollte Geheimnis bleiben“ schrieb sie zurück – und stach dabei mit der Spitze ihrer Feder durchs Papier.

Konrad Mahler, der in der ČKD-Fabrik arbeitete, hatte nicht vor, aus den Enthüllungen seiner Mutter irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Zunächst nahm er die Sache sogar gelassen: die Frau, die aus Deutschland Pakete schickte, blieb ihm weiterhin fremd. Erst später begann er, sich ernsthafter mit dem zu beschäftigen, was er erfahren hatte; als sein drittes Kind geboren wurde, nahm er es auf den Arm und sah es sich prüfend an.

            „Was müsste passieren, dass du’s verlässt?“, fragte er seine Frau. Er selbst war mit den Kindern sehr verwachsen und konnte sich nicht vorstellen, sich jemals von ihnen zu trennen. Als er sich eingestand, dass ihm seine eigene Mutter genau das angetan hatte, wurde er zunehmend depressiv. Mitten in der Nacht rief er Hedvika an.

„Warum?“

Immer wieder sagte sie ihm, dass er sehr krank war und den Aufenthalt im Sammellager, wohin seine Mutter aus Prag deportiert worden war, wahrscheinlich nicht überlebt hätte.

„Und wollte sie mich später holen?“

Hedvika schwieg und er kam zu dem Schluss, dass sie nicht wollte. Er dachte, dass seine Mutter in Deutschland ein neues Leben begonnen hatte. Wahrscheinlich hatte sie auch weitere Kinder bekommen und für ihn gab es da keinen Platz. Sie schickte ihm Pakete, um ihr Gewissen zu beruhigen. Sie wollte ihr Fehlen aufwiegen: mit Schokoriegeln und Brausebonbons.

Er wurde krank von alldem, bekam Gehirnhautentzündung und lag zwei Wochen im Krankenhaus. Er träumte von der deutschen Mutter und von einem Rudel gescheckter Hunde. Als er aus dem fiebrigen Schlaf erwachte, sah er, dass Hedvika an seiner Bettkante saß und ihm den Mund abwischte. Die Neigung zu Depression, die er seit jeher hatte, wurde nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus noch stärker. Er suchte die Einsamkeit, wurde bitter und zynisch. Er war über 40 und hielt sich für ein verlassenes Kind. Als er Hedvika nach seinem Vater fragte, sagte sie ihm, dass sie ihn nicht gekannt hatte, er sei erst nach seinem Tod zur Welt gekommen. Ein neuer Schmerzensstich. Er zog lieber negative Bilanzen und hing wie verrückt an seinen Kindern – musste sich dauernd ihrer Liebe vergewissern.

            Dass er damals krank gewesen war, wusste er, da hatte Hedvika nicht gelogen. Er wurde mit einer Hüftdysplasie geboren. Als Beweis hatte er noch immer das Ledergeschirr, in das sie ihn binden mussten, er hielt es versteckt in seiner Schublade. Dennoch, für ihn war es keine Beeinträchtigung, wegen der ihn seine Mutter hätte verlassen müssen, es war eine orthopädische Angelegenheit, es ging nicht um Leben und Tod.

Sie wollte ihn verlassen – das war das Ergebnis, zu dem er kam. Nicht einmal die Hündin verlässt ihre Welpen; seine Mutter musste schlimmer sein als ein Tier, sagte er zu Hedvika.

            Sie schwieg. Das erfüllte ihn mit Genugtuung, er hatte Angst, sie würde die unbekannte Frau aus Deutschland verteidigen.

            Bald schuf er für sie sein eigenes Vokabular: Drecksau, dumme Kuh, Fotze. Vor seinen Kindern sprach er nie so, seine Frau wollte es nicht. Nur manchmal rutschte es ihm heraus, wenn er das Paket mit den deutschen Briefmarken sah und den Stempel aus Lahnstein.

            „Sau“, sagte er. „Pottsau.“

Auszug aus: Jakuba Katalpa, Die aus Deutschland – Geographie eines Verlustes
(Orig.: Němci. Geografie ztráty, Brno: Host 2012)

 Aus dem Tschechischen von Martina LISA, Leipzig

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