Jani VIRK: Liebe in der Luft, Romanauszug (Aus dem Slowenischen von Anja WUTEJ)

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 138/XXXV (Juni 2014, Graz), 12. August 2014
13. 8. 2014

(Romanauszug)

Einleitung
„Liebe in der Luft“ (Ljubezen v zraku) ist ein verschmitzter Roman über einen geschiedenen Musikschullehrer, der allein mit seiner Tochter Ula lebt. Gefangen zwischen Lacan, Márquez, Santana und dem Traum, eine Reise nach Mexiko zu machen, versucht er die Liebe in der Luft einzufangen und gerät dabei an verschiedene Frauen, die er mehr oder weniger erfolgreich in sein Leben zu integrieren versucht. Der Roman war 2010 als bester Roman in Slowenien für den Kresnik-Preis nominiert.

 

1. Dezember

So ist es.

Draußen fällt in großen, prächtigen Flocken der Schnee, rundherum herrscht Stille einer tiefen Winternacht, die Landschaft gleitet in einem unerkennbaren gepunkteten Weiß auf schwarzem Hintergrund vorbei. Meine Augen sind geschlossen und ich zittere, ich weiß nicht, vor Kälte oder wegen des Geruchs der warmen, duftenden Haut über mir. Wegen meiner Unausgeschlafenheit oder wegen des harten, gleichmäßigen Ratterns der Räder auf den vereisten Schienen. Ich denke an nichts, das ruckartige Atmen der Frau stößt in meine Ohren und meinen Körper, ihre langen Haare kitzeln mich im Gesicht. Die Saiten beben willkürlich in der dichten, feuchten Luft, die zyklischen Stöße der nackten Frauenferse an den Gitarrenrumpf verwandeln sich im Zugabteil in schwankende unstimmige Töne. Zerrissene Tonfäden reisen über den weichen Teppich des Raumes, sickern durch schmutzige Sitzbezüge, abgeworfene Kleidungsstücke, eine halb leere Bierdose und landen auf der schweißbedeckten Oberfläche der weiblichen Haut. Ich höre, wie sie mit den Gegenständen verschmelzen, sich auf ihre Frequenz der verborgenen Stille einstimmen. Von der Fensterscheibe kriecht beißende Kälte in meine rechte Schulter, draußen ist es minus 10 Grad, würde ich den Schalter umstellen und die Heizung aufdrehen, wäre es nicht besser, es würde nur noch mehr nach rauchigem Erdöl stinken, in diesem abgewetzten Abteil des Zuges, der mit einer Handvoll Reisender am Abend von Wien nach Ljubljana fährt, wirklich  funktionieren, scheint mir, nur noch der Motor und das gelegentliche Tonsignal.

Durch mein zerstreutes, entrücktes Bewusstsein beschleicht mich träge der Gedanke, dass mir die Frau meine Gitarre zerstören wird, mit den Fingern greife ich ihr unter den Po und versuche ihren Fuß, der stoßartig zur Bank gegenüber zuckt, zu bändigen. Sieh mich an, flüstert sie unter dem ruckartigen Wiegen auf meinem Schoß, warum siehst du mich nicht an, röchelt sie mit ihrer Zunge in mein Ohr, dass sich sofort Feuchte und Kälte in ihm ansiedeln. Ich sehe sie nicht an, ich kann nicht mit Frauen schlafen, wenn ich die Augen geöffnet habe. Ich werde abgelenkt, ich verliere das Gefühl, selbst das wenige Licht, das ich nach innen spüre, kehrt sich nach außen und alles ist schnell vorbei. Mach ich, sage ich aus meinem aufgeweichten, verschwommenen Bewusstsein, schließ die Augen und ich schau dich an.

Ich schaue sie nicht an, ihr Gesicht interessiert mich nicht, ich kenne sie kaum. Meine Kollegen und ich hatten in Maribor in einer Filiale einer österreichischen Bank auf einer Weihnachtsfeier gespielt, sie übernachteten in einem billigen Hotel, ich aber wollte zurück, ich will nicht, dass meine kleine Ula morgens allein aufwacht und die Babysitterin fragt, wieso ich nicht zu Hause bin. Eine jüngere Frau wartete auch auf den Zug, am Bahnhof trat sie aus der Dunkelheit zu mir heran und stellte sich vor, ich verstand nicht recht, Maja, Kaja, Taja. Ihr habt gut gespielt, es hat Spaß gemacht, sagte sie. Ich fahre bis Celje, setzte sie ihren Monolog fort, ich könnte ja bei einer Freundin übernachten, aber mein Mann wartet auf mich, er ist eifersüchtig. Ich hatte sie schon bei der Feier bemerkt, mir gefiel, wie sie sich bewegte. Während der Pausen schlürften wir Bier, langsam & lässig, nur unser neuer Keyboarder streifte durch den Saal und holte sich Tanzpartnerinnen für die ruhigen, sentimentalen Evergreens, die aufgelegt wurden. Er ist noch jung, er braucht viel Wärme, ganz, ganz nah. Und wir, wie es sich für Männer um die vierzig gehört, saßen da und beobachteten die Mädels an den Tischen und auf der Tanzfläche. Nein, sie war meinem Gedächtnis nicht entfallen, Maja, Taja, Kaja.

Nach Celje? Schön, sagte ich träge in die kalte Luft des Bahnsteigs und versuchte ihre Augen unter dem blass-gelben Lichtstrahl zu finden, der in die verschneite Nacht einen Schauplatz für diese zufällige Begegnung aushöhlte.

Ich fahr bis Ljubljana, fuhr ich lässig fort und schätzte ein, wie weit ich ihr schmeicheln konnte. Logisch, dass er eifersüchtig ist, er ist ja wahrscheinlich nicht blind, fügte ich offenherzig hinzu, wenn du mir vertraust, pass ich auf dich auf. Und weil man nachts niemanden vertrauen sollte, natürlich auch auf mich selbst.

Sie nickte und schüttelte den Kopf, sah mich fragend an und lachte nach einiger Zeit. Es ist wirklich verdammt kalt, was? sagte sie, verdammt kalt, ja, entgegnete ich und trat näher an sie ran.

Mir gefällt die Stille der Nacht und das Liebesstöhnen der Frau über mir, ich mag die unverständlichen Ausbrüche abgehackter Silben, die animalische Spontanität der Gefühle und Leidenschaften, die in mein verbürgerlichtes und langweiliges menschliches Naturell stochern. Ich halte die Augen zu und versuche ein Stückchen meines Bewusstseins zu erhaschen, in dem ich mich erst richtig lebendig fühle, es weicht mir aus wie mir ihre Pobacken ausweichen, die ich versuche zu zügeln und in den Rhythmus meiner Jahre zu lenken. Ich habe es nicht eilig, ich schlafe selten mit Frauen, wenn das schon mal passiert, kann es ruhig etwas länger dauern.

 Einleitung und Übersetzung aus dem Slowenischen von Anja WUTEJ, Berlin

© Verlag Študentska založba, 2009

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