Krakau-Eindrücke

4. 2. 2014

Seit unserem Netzwerktreffen in Krakau sind schon zwei Wochen vergangen, trotzdem bleiben die Erinnerungen an diese Tage frisch und wunderschön. Das Erste, was mir aufgefallen ist, war die organisatorische Seite: die Unterkunft in einem erstklassigen Hotel; die ausführliche Information über alle Veranstaltungsorte sowie auch ihre Adressen, Zufahrtmöglichkeiten und Karten; der von einer deutschen (nicht einheimischen!) Praktikantin voller Begeisterung durchgeführte Stadtrundgang und alle schönen Restaurants und Cafés mit dem köstlichen polnischen Essen. Kurz und bündig: die Organisatoren haben ihr Bestes getan, damit wir uns wohl fühlen und den Sinn des in den Programmteilen Gehörten und Gesehenen gut einprägen können.

Und man muss gestehen, dass es in Krakau wirklich viel zu sehen, zu hören, zu erfahren und zu erleben gab. Schon am ersten Tag waren die Veranstaltungen sehr intensiv und informativ. Unter der Moderation der wortgewandten Schamma Schahadat und drei erfahrenen Kulturmanagerinnen haben wir in der „Einführung in das Kulturmanagement“ viele praktische Tipps bekommen, die für uns als zukünftige Übersetzer von großem Nutzen sein können. Wie sollen das Portfolio des Schriftstellers oder das Exposé des Buches aussehen, wie viele Seiten muss die Probeübersetzung  umfassen, nach welchen Kriterien sollen die Übersetzer sich die Verlage oder Literaturagenturen aussuchen und wie man mit denen zusammenarbeiten soll – diese und viele andere Themen sind zum Gegenstand der Besprechung in der tollen Villa Decius geworden. Daraufhin sahen wir uns den modernen polnischen Film „View of Krakow“ an. An der Spitze des ersten Tages stand aber natürlich das Gespräch mit Yoko Tawada und ihren Übersetzerinnen: „Yoko Tawada: Wo Europa anfängt“. Erfahrungsreiche Aussagen der Schriftstellerin über das Leben zwischen zwei Kulturen, atemberaubende Passagen aus den gelesenen Büchern, wahre Übersetzungsprobleme, die zur Diskussion standen – dies und vieles mehr bleibt für immer in meiner Erinnerung.

Der Beginn des zweiten Tages war nicht weniger informationsreich. Aus den drei uns vorgeschlagenen Workshops habe ich zuerst den mit dem provokativen Titel „Der Übersetzer tritt aus dem Schatten heraus, er kommt aus dem Schrank und Keller“ ausgewählt. Und ich habe es nicht bereut, da Iwona Nowacka uns gezeigt hat, dass der Übersetzer nicht immer unsichtbar sein sollte, vielmehr soll er in der Öffentlichkeit auftreten, eigene PR-Strategien einsetzen und der Kurator eigener Ideen werden. Aus eigener Erfahrung hat sie uns diesen komplizierten aber auch sehr abwechslungsreichen und interessanten Weg gezeigt, damit wir dem berühmten Zitat „Übersetzen ist ein Tanz. Ich tanze mit dem Autor, er führt“ wirklich Glauben schenken konnten. Der zweite Workshop jenes Vormittags hieß „Übersetzer und Zeitschriftenverleger im Team“. Der Herausgeber des „Schreibhefts“ Norbert Wehr und die Übersetzerin Alida Bremer unter der Moderation von Schamma Schahadat haben ihre Erfahrungen im Bereich des Kulturmanagements, der Zusammenarbeit zwischen dem Verleger und Übersetzer, der Rolle des Übersetzers als Vermittler zwischen zwei Kulturen ausgetauscht. Es war aufschlussreich ihnen zuzuhören und ihre Erfahrung zur Kenntnis zu nehmen.

Den Nachmittag des zweiten Tages haben wir im Goethe-Institut Krakau verbracht. Nach dem Vortrag eines polnischen Übersetzers über große und kleine Sprachen begann dort etwas wirklich Spannendes stattzufinden. Sowohl das Gespräch zwischen Jurko Prochasko und Dorota Stroińska über die Übersetzung von Goethes „Wahlverwandschaften“ im Rahmen der Werkstatt „Gesucht und gefunden: Literatur live übersetzen“ als auch „Gemogeltes: Dinge, die es anderswo nicht gibt“ haben großes Interesse bei allen Teilnehmern und Organisatoren geweckt. Schade war, dass ich beiden Veranstaltungen nicht beiwohnen konnte. Besonders der letzterwähnte Workshop war populär, weil die Teilnehmer ihn selbst vorbereitet und präsentiert haben. Zu einem Höhepunkt des zweiten Tages ist das Treffen mit Ulrike Almut Sandig geworden, die zusammen mit Marlen Pelny ihre „Dichtung für Freunde der Popmusik“ vorgestellt hat. Schon mit den ersten Tönen ihrer Musik und Gedichte sind wir in die geheimnisvolle Welt der Dichtung der deutschen Schriftstellerin eingetaucht.

Den Vormittag des dritten Tages haben wir sehr interaktiv verbracht, da wir in der Gruppenarbeit „Gutachten für Verlage“ zusammenstellen sollten. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, haben wir zahlreiche Ratschläge von erfahrenen Übersetzerinnen bekommen und einige Beispiele von Gutachten besprochen. Danach begann unsere Arbeit, in meinem Fall, in der deutsch-ukrainischen und ukrainisch-deutschen Gruppe. Ich muss gestehen, dass dieser Teil einer der spannendsten, interessantesten und einfach der besten Teile unseres Netzwerktreffens war. Die Arbeit in unserer Gruppe und das daraus entstandene Gutachten war niveauvoll und hat das Lob unserer Werkstattleiterin Kristina Kallert berechtigt verdient. Am Nachmittag hatten wir die Möglichkeit der Lesung „Neue deutsche Prosa, frisch übersetzt“ zuzuhören. Diese Veranstaltung war vor allem deswegen interessant, weil unsere KollegInnen aus dem Projekt „TransStar Europa“ ihre Übersetzungen vorgelesen und präsentiert haben. Somit konnten sie in der Praxis lernen, wie die kulturvermittelnden Techniken eines Übersetzers bzw. einer Übersetzerin funktionieren. Und die anderen Teilnehmer des Projekts hatten wiederum die Möglichkeit,  Erfahrungen zu sammeln. Den letzten Abend haben wir in einem ungewöhnlichen Café verbracht, wo „Lesung und Gespräch: Sylwia Chutnik „Dzidzia“ mit dem Übersetzerinnentandem Magda Wlostowska und Sofia Zucharska“ stattgefunden hat. Auch dieser Literaturabend mit den zahlreichen für die Zuhörer und Leser komplizierten Themen war ganz spannend und lehrreich.

Abschließend möchte ich sagen, dass unser Netzwerktreffen in Krakau auf  höchstem Niveau verlaufen ist. Solche Treffen geben den ÜbersetzerInnen Mut und Motivation in diesem Bereich weiter zu arbeiten und sich nicht als einen grauen Herrn am Computer (diejenigen, die den Workshop von Iwona Nowacka besucht haben, werden mich verstehen) anzusehen, sondern als ein berechtigtes Mitglied des Tanzes mit einem Schriftsteller.

von Julija Mykytyuk

 

 

 

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