Lesen für die Ukraine (IX.)

Natalka Bilozerkiwez: Hundert Jahre Jugend, 18. März 2014
18. 3. 2014

Наталка Білоцерківець

Thill, Hans (Hg.), 2006: Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. Ukrainisch-deutsche Ausgabe mit sechs Collagen von Herta Müller. Heidelberg: Wunderhorn.

СТО РОКІВ ЮНОСТІ

Сто років юності, а далі все – пустеля.

Околиці свого старого міста
хіба не чуєш, затуливши очі?
Крізь мертвий дим палаючого листя
біжать собаки нашого дитинства
і підростає кров… Сто років

юності, а далі все – пустеля.
Тут солов᾿ї, неначе цвяшки, вбиті
у груди доквітаючих кущів;
у вересні просушені дощі
полощуться на сонці, як білизна,
розвішена між вікон… А сніги!
Великі, фіолетові… Але ти

мусиш ближче підійти
до рук, плечей, до шкіри, до сорочки,
гарячої від спеки. До стіни,
холодної від страху і від моху.
Хіба не чуєш, затуливши очі,
свою колишню круглу чистоту?
Хіба не хочеш увійти у камінь,
ховаючись від перших поцілунків?

…Туди, туди – у камінь і у мох,
у биту цеглу, порвані м᾿ячі,
у солов᾿їв! У лагідних собак
дитинства нашого, що все повзуть за нами
крізь мертвий дим палаючого листя,
аж кров їм проступає на хребтах.
У мох! У страх!

… а далі все – пустеля.

Natalka Bilozerkiwez

Thill, Hans (Hg.), 2006: Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. Ukrainisch-deutsche Ausgabe mit sechs Collagen von Herta Müller. Heidelberg: Wunderhorn.

Hundert Jahre Jugend

Hundert Jahre Jugend, und dann – die Ödnis.

Den Vorort deiner alten Stadt, hörst du ihn
nicht, wenn du die Augen schliesst? Durch
den modrigen Rauch der Laubfeuer laufen
noch die Hunde unserer Kindheit, und es
wächst in uns das Blut heran … Hundert Jahre

Jugend, und dann – die Ödnis. Da schlagen
Nachtigallen wie Nägelchen ihren Gesang in
das Weiss der Brüste erblühender Sträuche –
und im September tropft der Regen auf die
Sonnenwärme wie Wäsche, welche zwischen
den Fenstern hängt … Und Schnee! So tief
und violett … Doch auch du, auch du musst

näher kommen, zu den Händen, Schultern
der Haut, zum Hemd, das warm ist von der
Hitze, und zu der Mauer, die kalt ist vom
Schatten, vom Moos. Und hörst du, wenn
du die Augen schliesst, noch deine einstige
gerundete Reinheit? Und möchtest du nicht
Stein sein und so dem ersten Kuss entgehen?

Versteinern, vermoosen, zerschlagene Ziegel
werden und zerrissene Bälle, Nachtigallen!
Und die sanften Hunde unserer Kindheit, die
mit uns kriechen durch den modrigen Rauch
der Laubfeuer, bis unsere Namen bluten.
Moos werden, Schatten!

… und dann – die Ödnis.

(Michael Donhauser)

-

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Newsletter

Blog

Übersetzungswürfel

Translating cube

Veranstaltungen

Events