Lucy Topol´ská

30. 12. 2013

Lucy Topol´ská

Valéry Larbaud spricht in seinem Aufsatz ,Vom Übersetzen‘ davon, dass die Übersetzertätigkeit ein Roman der Liebe ist. Das ist jedoch nur eine Seite der Münze: Die Liebe – besser gesagt eine geistige Wahlverwandtschaft, Harmonie – animiert den Dichter zum Übersetzen, doch das, was danach kommt, ist ein Kampf. Ein Kampf, ein Ringen des Übersetzers mit dem Original-Dichter, mit dem Original-Text – auf vielen Ebenen.[1]

So lautet eine allgemein bekannte Tatsache, doch wie wahr sie wirklich ist, stellt man erst dann fest, wenn man selber einen dichterischen Text in eine andere Sprache zu übertragen versucht. Bei diesen ersten Versuchen einen erfahrenen Leiter zu haben, der selbst ein anerkannter Übersetzer ist, der es jedoch vermag, sein Übersetzer-Ego zugunsten des Lernenden in den Hintergrund zu drängen, bedeutet nicht nur das notwendige Grundgerüst für seine weitere Übersetzertätigkeit zu bekommen, sondern auch Spaß am Übersetzen zu haben. Und Spaß hatten die Studierenden in den Übersetzungsseminaren mit Lucy Topol´ská immer.

Lucy Topol´ská, geb. 1933 in Olmütz (Mähren), studierte Deutsch und Russisch in Olmütz und Prag. 1968 promovierte sie mit einer Arbeit über Thomas Mann. Seit 1963 war sie am Lehrstuhl für Germanistik in Olmütz tätig, hielt Vorlesungen und Seminare, betreute studentische Arbeiten und publizierte zu diversen Themen der österreichischen, deutsch-jüdischen sowie deutschmährischen Literatur. In der Zeit der „Normalisierung“ war die wissenschaftliche Publikationstätigkeit von Topol´ská genauso eingeschränkt wie die vieler anderer Intellektueller, die dem kommunistischen Regime nicht gehorsam waren. Zudem legten die Machthaber ihrer akademischen Laufbahn schwere Hindernisse in den Weg. Weil sie sich im Prager Frühling nicht öffentlich politisch engagierte, wurde sie zwar im Unterschied zu anderen Kollegen nach 1968 nicht aus der Fakultät entfernt. Ihre Tätigkeit im Bereich einer „westlichen Philologie“ blieb dem Regime jedoch ein Dorn im Auge, sodass sie ihren Dozententitel erst 1988 zuerkannt bekam, als die Verhältnisse in der kommunistischen Tschechoslowakei bereits lockerer wurden.

Doch waren es teilweise auch diese Hindernisse auf dem wissenschaftlichen Weg, die dafür sorgten, dass sich Lucy Topol´ská noch unter dem kommunistischen Regime verstärkt der literarischen Übersetzung verschrieb. Noch vor der Revolution 1989 entstand beispielweise ihre Übersetzung von Ödön von Horváths Drama Jugend ohne Gott, in den neunziger Jahren erschienen dann unter anderem die Übersetzungen von Paul Celans Erzählung Gespräch im Gebirg, Günter Grass Das Treffen in Telgte oder Barbara Frischmuths Roman Das Verschwinden des Schattens in der Sonne, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Einen wichtigen Punkt in den Übersetzungen (sowie in den wissenschaftlichen Publikationen) von Topol´ská bilden diejenigen Schriftsteller, die mit Mähren – dem östlichen Teil der Tschechischen Republik – verbunden sind und deren Erforschung und Popularisierung  sich die 1998 im Olmützer Lehrstuhl für Germanistik gegründete Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur widmet, zu deren bedeutenden Mitarbeitern Lucy Topol´ská zählt. Zu diesen Autoren gehört z. B. Peter Härtling, der seine jungen Jahre während des Zweiten Weltkriegs in Olmütz zubrachte und dessen Romane Herzwand und Hubert oder die Rückkehr nach Casablanca Topol´ská ins Tschechische übertrug, oder die ebenfalls in Mähren aufgewachsene Schweizer Schriftstellerin Erica Pedretti.

Gerade für die Übersetzung von Pedrettis Erinnerungsbuch Engste Heimat bekam Topol´ská 1997 den Josef-Jungmann-Preis (Preis der tschechischen Übersetzergemeinde), drei Jahre später erhielt sie den Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung.

Bis heute übersetzt Lucy Topol´ská mit großer Begeisterung und viel Energie v. a. Texte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Bernhard Schlink, Julia Franck, Martin Sutter) und trägt somit weiterhin zur Verbesserung der kulturellen Kontakte zwischen Deutschen und Tschechen bei.

von Alžběta Peštová

[1] Topol´ská, Lucy: Die Prager deutschen Dichter als Lyrik-Übersetzer. In: Topol´ská, Lucy/Václavek, Ldvík (Hg.): Beiträge zur deutschsprachigen Literatur in Tschechien. Vydavatelství univerzity Palackého. Olomouc, 2000. S. 215.

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