Martin Pollack

1. 6. 2015

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Foto © Amrei-Marie (Wikipedia)

Martin Pollacks Profil als kultureller Vermittler zwischen Ostmitteleuropa und Mitteleuropa verfügt über viele Facetten. In den 1990er Jahren war er Korrespondent des Spiegel in Warschau, und in dieser Zeit berichtete er nicht nur über die für Polen und das restliche Europa maßgeblichen Ereignisse in der untergehenden Volksrepublik, sondern widmete sich auch der Entdeckung journalistischer Arbeiten in Polen. Zu seinen Errungenschaften gehört es, dass die Journalisten Ryszard Kapuściński, Wilhelm Dichter und Mariusz Wilk, die er ins Deutsche übersetzt hat, dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurden. Das Genre der Reportage bestimmt auch seine Arbeiten als Autor. In zahlreichen Essaybänden setzt er sich mit der Vergangenheit der ostmitteleuropäischen Landschaften auseinander. Als einer der ersten rückte er mit seinem 1984 erschienen Buch Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina die multiethnischen Regionen Galiziens und der Bukowina in den Blickpunkt des deutschsprachigen Lesers. Vordergründig in seiner Auseinandersetzung mit den ostmitteleuropäischen Landschaften ist dabei immer die Aufdeckung von Verborgenem, Verstecktem, Verheimlichtem, mithin die Auseinandersetzung mit den wunden Punkten der ostmitteleuropäischen Geschichte, auch wenn die Bewohner, wie er bei seinen Recherchereisen feststellen musste, lieber am Verschweigen festhalten würden. »Meine Erfahrung zeigt – und das ist nicht nur meine Erfahrung –, dass Dinge, die man versucht zu verbergen, irgendwann zum Vorschein kommen. Da halte ich es für besser, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen«, sagt Pollack (Kaindlstorfer 2014). In dieser Auseinandersetzung macht er auch vor seiner eigenen Familiengeschichte nicht halt. In dem Reportageroman Der Tote im Bunker (2004) zeichnet er das Leben seines Vaters, des Gestapo-Führers von Linz, nach, das Leben eines Menschen, das gewaltsam endete und in dem »Gewalt eine wichtige Rolle spielte«, wie Pollack schreibt (Kaindlstorfer 2014). Seine Recherchen führen ihn dabei bis nach Slowenien, wo ein Teil seiner Familie bis heute lebt. Vertuschten Verbrechen ist Martin Pollack auch in seiner Reportagesammlung Kontaminierte Landschaften (2014) auf der Spur, die als eine Art Landkarte politischer Verbrechen des 20. Jahrhunderts gelesen werden kann. Anders als Jurko Prochasko, dessen Vermittlertätigkeit darauf ausgerichtet ist, die Ukraine in das Bewusstsein zu rücken, differenziertes Wissen über das Land und seine Literatur zu vermitteln und die ukrainische Gesellschaft erfahrbar zu machen, zeigt Pollack in seinen Reportagen und Übersetzungen die Verflechtungen der europäischen Geschichte und Gegenwart auf. Er macht deutlich, dass die geschichtlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts sich nicht nationalstaatlich eingrenzen lassen, sondern im Gegenteil einen grenzüberschreitenden Raum von Verbrechen und Verschweigen bilden, dessen Teil der Einzelne unabhängig von seiner nationalen oder kulturellen Zugehörigkeit ist.

von Claudia Dathe

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