Pavel Eisner

2. 1. 2013

01_Pavel_Eisner_FotoPavel Eisner

„Das Eine ist die Reife der Nationalsprache, etwas anderes das Niveau der nationalen Sprachkultur. Es kann passieren, dass die Sprachkultur der Nation hinter ihrer Sprache herhinkt. In eurem Fall ist das so, Ihr Tschechen. Ihr habt Stradivaris in den Händen, und spielt sie wie Fiedler; ihr habt eine Orgel geerbt, und glaubt es sei ein Leierkasten; daher gackern auf eurem Hof wirklich viele Stimmen.“

Diese Aburteilung der Sprachkultur könnten manche Tschechen, aufgrund der Tatsache, dass sie von einem deutschen Muttersprachler stammt, für Verwegenheit halten, hätte sie nicht  Pavel oder auch Paul Eisner geschrieben, ein eifriger Propagierer der Schönheit, wie auch der Unannehmbarkeit der tschechischen Sprache, Autor von Feuilletons und populärwissenschaftlichen Arbeiten über das Tschechische, vor allem aber auch ein Übersetzer und Mittler, der zur Kultivierung der tschechischen nationalen Sprachkultur maßgeblich beigetragen hat.

Pavel Eisner wurde im Jahre 1889 in einer Prager jüdischen Familie geboren, in der überwiegend Deutsch gesprochen wurde. Tschechisch hat er also (ähnlich wie viele seiner späteren Freunde, z.B. Max Brod) von seiner tschechischen Amme und den tschechischen Dienstmädchen gelernt. Daher sprach er manchmal von seiner „zweifachen Muttersprache“. Sein Vater, ein Geschäftsmann, wählte für Pavel Eisner eine praktisch orientierte Ausbildung und schrieb ihn an einer auf exakte Wissenschaften ausgerichtete Realschule ein. Erst nach dem Tod des Vaters im Jahre 1910 konnte sich Pavel Eisner auch geisteswissenschaftlichen Fächern widmen. An der Prager deutschen Universität absolvierte er dann das Studium der Romanistik, Germanistik und Bohemistik.

Seine Übersetzertätigkeit hat er stets einem höheren Ziel untergeordnet, nämlich der nahezu idealistischen Vorstellung des friedlichen Zusammenlebens von Tschechen und Deutschen in einem gemeinsamen Staat. Als Grundvoraussetzung für solch ein Zusammenleben betrachtete er dabei das gegenseitige Kennenlernen, eine Gefahr sah er hingegen in der Ignoranz. Er war davon überzeugt, dass sich die beiden Völker gegenseitig inspirieren und bereichern können. Pavel Eisner war ein konsequenter Mittler zwischen den beiden Kulturen.

Mit dem literarischen Übersetzen hatte er schon in seiner Studienzeit begonnen und zuerst das deutschsprachige Publikum mit tschechischen Klassikern, aber auch mit modernen Autoren bekanntgemacht. Seine Gedichtübersetzungen erschienen in der Anthologie „Die jüngste tschechische Lyrik“ (1916), er übersetzte Vrchlický, Březina, Sova, widmete sich aber auch älteren Autoren. So übersetzte er zum Beispiel im kulturhistorischen Sammelband „Die Tschechen“ (1928) Ausschnitte aus Werken von Jan Hus, Petr Chelčický oder Comenius.

Mit dem Übersetzen von deutschen Autoren ins Tschechische fing Eisner in den 30er Jahren an, wobei er sich auf deutschschreibende Schriftsteller aus den böhmischen Ländern konzentrierte. Wiederum mit dem Ziel, den Bewohnern der Tschechoslowakei die Arbeit ihrer deutschsprachigen Landsleute vorzustellen. Als einer der ersten hatte er das Genie in Kafkas Werk erkannt und sich bemüht, die tschechischen Herausgeber auf Kafka aufmerksam zu machen. Dem tschechischen Germanisten Otakar Fischer hatte er bereits im Jahre 1927 über Kafka geschrieben: „Er ist ein Genius, zehn Nobelpreise sind noch wenig für diesen großartigen Kopf, und bei den Tschechen hat sich noch niemand gerührt.“ Im Jahre 1935 erschien seine Übersetzung des Schlosses, in den 50er Jahren übersetzte er den Prozess. Mindestens ebenso wichtig wie die Übersetzungen von Kafkas Werken sind aber auch deren von Eisner verfasste Interpretationen. Er übersetzte auch andere Prager deutsche Autoren, wie zum Beispiel Franz Werfel, Egon Erwin Kisch oder Max Brod.

Diese nahezu aufklärerische Tätigkeit betrieb er nicht nur mit Übersetzungen. Das von ihm herausgegebene Lesebuch „Landsleute. Deutsche Prosa aus der Tschechoslowakei“ (1930), in dem er deutschsprachige Autoren aus den böhmischen Ländern vorstellt, war für tschechische Gymnasialschüler bestimmt. Aufgrund der Texte von Adalbert Stifter, Max Brod und Franz Werfel und der heute noch aktuellen didaktischen Tipps, konnten sie ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Wegen der Okkupation der Tschechoslowakei und wegen seiner jüdischen Herkunft hatte Pavel Eisner die Stelle als Übersetzer bei der Tschechischen Industrie- und Handelskammer und als Redakteur in der Tageszeitung der Prager Presse verloren, sein Leben konnte er dank eines glücklichen Zusammenspiels der Umstände aber noch retten, im Unterscheid zu vielen seiner Kollegen. Nach dem Krieg gab es in der Tschechoslowakei kaum noch Interesse an deutschsprachigen Autoren aus Böhmen und der Kampf um das friedliche Zusammenleben der Deutschen und Tschechen schien definitiv verloren zu sein. Wohl aus diesem Grunde widmete sich Eisner von nun an hauptsächlich dem modernen deutschen Roman und übersetzte unter anderem nahezu das komplette Werk von Thomas Mann. Außerdem schrieb er auch populärwissenschaftliche Arbeiten über das Tschechische. Das Eingangszitat ist dem Essay „Die Göttin wartet“ („Bohyně čeká“) aus dem Jahre 1945 entnommen, es folgten das monumentale „Der Tempel und die Festung“ („Chrám i tvrz“, 1946) und „Tschechisch durch Abklopfen und Abhören“ („Čeština poklepem a poslechem“ 1948). Aus dem letztgenannten Buch stammt auch die folgende Überlegung über die Wortverbindung „Sprache beherrschen“:

„Er beherrscht meisterhaft sein dichterisches Instrument – wartet, Geehrte, es ist komplizierter. Eine Sprache kann man nicht beherrschen; und von allen Sprachen am wenigsten die Muttersprache. Die Sprache herrscht über uns – wenn sie nur herrschen würde! Sie lacht uns aus und zeigt uns die Zunge.“

Vielleicht war Pavel Eisner kein Herrscher der Sprache, eindeutig war er aber ihr ergebener Diener.

von Miloslav Man

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