Reicht ein Eigenname?

8. 10. 2013

Beim letzten Skype-Meeting der ukrainisch-deutschen Übersetzergruppe, beschäftigten wir uns unter anderem mit der Frage, ob ein Eigenname in der Übersetzung ausreichend ist, um all die Hintergrundinformationen mitzulieferen, die er im Original unweigerlich liefert. Konkret ging es um einen Straßennamen in folgendem Satz aus Jurko Isdryks Text “НАСЕРЕДИНІМІСТА”:

“І чому так просто з проспекту Свободи потрапити на Соловецкую, а з алеї Незалежності – на 2-й Устюглагерный Проулок.”

Woran denken deutschsprachige Leser/innen, wenn sie “Solowezka-Straße” hören? Sagt ihnen der Name Solowezki oder Solowki etwas? Womit verbinden ihn ukrainischsprachige Leser/innen?

Unsere erste Idee war, die Straße im Deutschen als Lager-Solowki-Straße auf dem Straßenschild erscheinen zu lassen, um den Leser/innen der Übersetzung einen Denkanstoß in die gemeinte Richtung zu geben. Was bewirkt der Zusatz “Lager”? Können deutschsprachige Leser/innen nun eher die Verbindung zum sowjetischen Straflager auf den Solowezki-Inseln herstellen? Oder ist das Wort “Lager” zu allgemein gehalten, um den gewollten Zweck zu erfüllen? Wäre der Zusatz “Gulag” besser geeignet oder ist das ein zu starker Fingerzeig?

Die grundlegende unter all diesen Fragen ist, ob denn nicht allen, die Interesse an ukrainischer Literatur haben, klar ist, was auf den Solowezki-Inseln geschah. Kann und soll man voraussetzen, dass alle Leser/innen ukrainischer Literatur mit Alexandr Solschenizyns Werk und der Geschichte der Sowjetunion vertraut sind?

von Nina Hawrylow

2 Responses to Reicht ein Eigenname?

  1. Constanze
    8. 10. 2013 at 1:48 pm

    Liebe Nina,

    danke, dass du unsere Diskussion in den Blog bringst!
    Zwar kann ich die Frage, ob denn nicht allen, die Interesse an ukrainischer Literatur haben, klar ist, was auf den Solowezki-Inseln geschah, nicht klar beantworten, möchte aber dennoch ein paar Argumente beitragen.

    1. Die Übersetzung ukrainischer Literatur sollte meiner Meinung nach gerade nicht dazu dienen, ausschließlich einen Markt zu beliefern, der aus Ukraine-Kennern und -Spezialisten besteht. Sie sollte auch weniger Informierte auf das Land und seine Literatur aufmerksam machen und im besten Fall Neugier auf mehr wecken. Ein Beispiel für das Erschließen neuer Leserkreise stellt für mich die Veröffentlichungswelle dar, die mit der EM 2012 kam.

    2. Darüber hinaus bezweifle ich, dass alle allgemein ganz gut informierten Leser die Solowezki-Inseln kennen. Ich musste auch nachschlagen.

    3. Stichwort Nachschlagen: Gerade mit dem Internet ist das ja gar kein Problem. Soll man deswegen einiges unerklärt lassen und es dem Leser überlassen, ob das Buch für ein paar Minuten zur Seite legt, den Weg vom Sofa zum Computer auf sich nimmt und dort einen Artikel zum unbekannten Wort liest?
    Vielleicht muss das der Übersetzer von Fall zu Fall entscheiden, je nachdem, wie viele solche Wörter und Begriffe im Text enthalten sind und wie gut er eine Erklärung in den Textfluss integrieren kann?
    Im vorliegenden Fall fände ich es auf der einen Seite schade, die Gegenüberstellung von Freiheit und Straflager zu verlieren. Auf der anderen Seite finde ich es nicht nur schwierig Соловецька und 2-й Устюглагерный Проулок zu übersetzen, sondern auch проспект Свободи und алея Незалежності.

    Liebe Grüße

  2. Claudia Dathe
    8. 10. 2013 at 5:49 pm

    Ich glaube, im Deutschen verbindet man mit den Strafgefangenen-Lagern allgemein den Begriff “Sibirien” oder den Ausdruck “Gulag”. Die Frage ist, ob man das dem Autor wirklich in den Mund legen soll, da dieser verallgemeinerte Begriff im Ukrainischen weniger bis gar nicht gebräuchlich ist. Gulag wird eindeutig Solschenizyn und seiner “Westansprache” zugeordnet. Kann man dem deutschen Leser zumuten, einfach nachzuschlagen? Hätte man ein interaktives e-book oder eine Netzpublikation, könnte man einfach einen Link setzen, und wenns interessiert, der schaut einfach nach.

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