Sead Muhamedagic

1. 9. 2013

09_Sead Muhamedagic_Foto von Alois HotschnigCBSead Muhamedagić
Foto © Alois Hotschnig

„Ich übersetze, also bin ich“

Für sein Meisterwerk, die Übersetzung von Thomas Bernhards Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“, wurde Sead Muhamedagić 2012 mit dem kroatischen Staatspreis „Iso Velikanović“ ausgezeichnet. In der Lobrede zur Preisverleihung heißt es: Sead Muhamedagić verfügt über geraume Erfahrung in der Übersetzung von Versen und deshalb enthält seine Übersetzung von Bernhards Roman zahlreiche sprachliche Finessen und erklingt wie eine Symphonie. Ein erfahrener und guter Übersetzer, der mit den kleinsten Einzelheiten des Romankontextes und der kroatischen Sprache vertraut ist, hat das bedeutendste und umfangreichste Werk eines der größten österreichischen Schriftsteller übersetzt.[1]

Geboren wurde Sead Muhamedagić 1954. In Zagreb schloss er sein Studium der Germanistik und Jugoslawistik ab, wo er als Literaturübersetzer, Publizist und Dichter lebt. Er übersetzt Belletristik, Lyrik, Essays, literatur- und musikwissenschaftliche Texte sowie pädagogische Schriften aus dem Deutschen und Kroatischen. Neben Thomas Bernhard übersetzte er Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren wie Elfriede Jelinek, Annemarie Schimmel, Werner Schwab, Arthur Schnitzler, Peter Turrini, Karl Kraus, Gert Jonke, Klaus Hensel und W. G. Sebald. Für seine übersetzerischen Leistungen wurde Sead Muhamedagić mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Mit Hofmannsthals Chandos-Brief, einem Text über die Sprach- und Kulturkrise um die Jahrhundertwende, fing alles an. Herr Muhamedagić, ist der erste Text für einen Übersetzer entscheidend und wie geht ein Übersetzer mit eventuellen Sprachkrisen um?

Hofmannsthals Chandos-Brief ist ein kleines Meisterwerk. Von seiner stilistischen Prägnanz bin ich auch heute noch fasziniert. Vor zwölf Jahren hatte ich wieder Gelegenheit, mich meines „Erstlings“ noch einmal anzunehmen. Es gab nämlich Textstellen, die noch „geschliffen“ werden sollten. Als Übersetzer hatte ich mit der Sprachkrise keinerlei Schwierigkeiten. Ich hatte vor einigen Jahren eine andere Krise zu bewältigen, die ich als altersbedingten Motivationsmangel bezeichnen würde. Warum soll ich denn nur Werke anderer Autoren übersetzen? Wäre es nicht sinnvoller, eigene Texte zu verfassen? Nach langem Sinnieren gelangte ich schließlich zur Erkenntnis, daß ich erstaunlicherweise imstande bin, Meisterwerke unterschiedlicher Autoren so zu übertragen, daß sie auch als Übersetzungen als solche wahrgenommen werden. Und da ich bereits am Anfang meiner übersetzerischen Laufbahn mit einem überaus anspruchsvollen Text konfrontiert war, weiß ich sehr wohl, daß der Chandos-Brief für mich der bahnbrechende Schritt auf diesem abenteuerlichen Weg war.

Der Leitsatz „Ich übersetze, also bin ich“ stammt aus Ihrem Interview mit dem Innsbrucker Schriftsteller Alois Hotschnig. Wie stark beeinflusst das Übersetzen Ihre Existenz?

Das Übersetzen macht mir die materielle Existenz möglich. Da ich als freischaffender LiterarÜbersetzer (ich mag diesen patinierten Ausdruck sehr!) tätig bin und ausschließlich von Übersetzerhonoraren lebe, ist diese Existenz alles andere als sicher. Hinzu kommen meine spezifischen Lebenskosten, die mit meiner Sehbehinderung (Vollblindheit) und mit damit zusammenhängenden, leider auch sehr teueren Hilfsmitteln verbunden sind. Andererseits gestaltet sich meine Existenz nach eigenartigen Gesetzmäßigkeiten, durch die sich das Übersetzen für mich als eine überaus kreative Lebensstrategie ergibt, derzufolge das Übersetzen als vielschichtige Weltdeutung für mich viel mehr als bloße Übertragung eines literarischen Textes in eine andere Sprache darstellt. „Ich übersetze, also bin ich!“ ist daher keine pathetische Floskel, sondern eine täglich gelebte Lebenserfahrung.

Österreichische Autorinnen und Autoren scheinen es Ihnen besonders angetan zu haben. Was fasziniert Sie an der österreichischen Literatur?

Ingeborg Bachmann betont in ihren essayistischen Texten die Wichtigkeit der Bestrebung eines Autors, daß seine geschriebenen Sätze als „wahre Sätze“ aufgefaßt werden können. In der neueren österreichischen Literatur gibt es mehrere Autoren, für die die Wahrheit (Vergangenheitsbewältigung, Gesellschaftskritik, öffentliches Engagement usw.) im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens steht. Da ich auch die von Nietzsche formulierte Erkenntnis hinsichtlich der Giftigkeit verschwiegener Wahrheiten als Schlüssel zum Verstehen der durch die globale Orientierungslosigkeit erschütterten Jetztzeit erachte, übersetze ich besonders gerne alle Autoren, deren Werke von solchem Gedankengut durchdrungen sind (Kraus, Kramer, Bernhard, Kappacher, Handke, Turrini, Jonke, Mitterer, Jelinek, Laher, Fian, Schwab, Hotschnig, Wogrolly).

Sie haben Bernhards gewaltigen Roman „Auslöschung“ ins Kroatische übersetzt. Wie war die Übersetzungsarbeit an diesem Roman oder was würden Sie als die größte Herausforderung beschreiben?

Bei der Übersetzung von Auslöschung haderte ich in der ersten Arbeitsphase mit dem für Thomas Bernhard so spezifischen Satzrhythmus. Nach etwa einem Drittel war ich mir diesbezüglich meiner Sache sicher, weil ich die formale Zwanglosigkeit der kroatischen Syntax nicht mehr als stilbezogene Gefährdung zu mißdeuten trachtete. Ein anderes Problem war die Frage, ob ich als Übersetzer der ungeheueren Übertreibungskunst des Autors gerecht werde. Der mir bis dato nicht so vertraute Polemiker in mir konnte mir dabei eifrig behilflich sein. Stellenweise hatte ich eruptive Lust, mit dem Autor zu streiten. Es gab aber auch solche Stellen, wo ich als infizierter Übertreibender noch mehr eigenen Senf dazu geben wollte, was ich selbstverständlich unterlassen habe. Ich fühlte nämlich, daß sich durch diese spannungsreiche Arbeit in mir so manche wuchtigen Energien freisetzten, die mich möglicherweise zum Schreiben anspornen werden.

Gab es Momente, in denen Sie den mit zahlreichen Wiederholungen und Übertreibungen durchsetzten inneren Monolog des Erzählers in „Auslöschung“ satt hatten?

Wiederholungen und Übertreibungen kannte ich als kennzeichnende Stilmittel bei Bernhard sehr gut. Wiederholungen liebe ich als Musikliebhaber genauso wie er. Übertreibungen motivierten mich zum steten und emsigen Mitdenken, das über das beim Übersetzen übliche analytische Nachdenken weitgehend hinausgeht, sodaß meine Arbeit während der zehn Übersetzungsmonate keinesfalls monoton war.

In der Arbeitsgruppe Kroatisch-Deutsch nannten wir einige Schwierigkeiten, die uns das Kroatische für die Übersetzung ins Deutsche bereitet, wie z. B. Partizipien, der Verbalaspekt, die richtige Vergangenheitsform für das kroatische Perfekt, Lehnwörter deutschen Ursprungs, Serbismen, Turzismen, Kroatismen und vieles mehr. Wie sieht das umgekehrt aus? Welche sprachlichen Besonderheiten des Deutschen sind für Sie schwer oder vielleicht auch nur unbefriedigend ins Kroatische zu übersetzen?

Die größten Schwierigkeiten empfinde ich als Übersetzer auf der semantischen Ebene. Als Beispiel nenne ich die Wörter, die mit dem Wortstamm „mut“ zusammenhängen. Das launische „Gemüt“ gehört natürlich ebenfalls dazu. Und wenn ich dann jemandem „etwas zumuten“ soll, verstricke ich mich in „Vermutungen“, „Mutmaßungen“ usw. Ein anderes Problem stellt der gute alte „Geist“ dar, und zwar nicht nur für Theologen und Philosophen, sondern auch für uns Literarübersetzer. Da muß ich aber schon aufhören, damit dies nicht in einer nicht enden wollenden Antwort ausartet.

Herr Muhamedagić, was für ein Gefühl ist es, eigene Übersetzungen zu lesen? Sind Sie in der Regel mit Ihren Übersetzungen zufrieden oder würden Sie nach einiger Zeit gerne Änderungen vornehmen?

 Passagenweise ist es oft schön, in der eigenen Übersetzung zu lesen. Besonders schön ist es, wenn du als Leser für einen Augenblick vergißt, daß es deine eigene Übersetzung ist, weil dich der literarische Gehalt des Werkes hingerissen hat. Meinen eigenen Übersetzungen stehe ich zugleich selbstkritisch und selbstbewußt gegenüber. Ich würde immer gerne von der Möglichkeit Gebrauch machen, an meiner bereits publizierten Übersetzung noch ein bißchen zu feilen, aber ich weiß ebenfalls, daß es in meinen Übersetzungen Stellen gibt, die mir infolge mancher günstigen, durch geeignete Ausdrucksmöglichkeiten der Zielsprache bedingten Umstände besonders gut gelungen sind. Je tiefgreifender man ein literarisches Werk erfaßt, umso deutlicher wird es dem Übersetzer, wie qualitätsvoll oder wie mangelhaft dessen Widerhall in der Zielsprache ist.

Eines der Ziele des Projekts TransStar ist es, ein breites Publikum für kleine Sprachen und Kulturen zu sensibilisieren. Gibt es Werke kroatischer oder auch anderer südslawischer Autoren, die Sie den deutschen Verlagshäusern empfehlen würden? Welchen zeitgenössischen Autor würden Sie gerne ins Deutsche übersetzen?

Mit Nachdruck möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, daß es keinerlei „kleine Sprachen“ und „kleine Kulturen“ gibt. Ich muß mich jetzt bremsen, um nicht vom „kulturellen Imperialismus“ zu sprechen, wobei ich mich gar nicht der Bernhardschen Übertreibungsmunition zu bedienen bräuchte. Aber jetzt zur Sache: Ich würde mich als Übersetzer besonders gerne mit dem Schaffen des kroatischen Dichters und Literaturwissenschaftlers Krešimir Bagić (1962) befaßen. Als Übersetzer würde ich diesem ausgezeichnet schreibenden Autor viele passende Möglichkeiten des Deutschen als Zielsprache veranschaulichen, wodurch auch er am Gelingen meiner Übersetzung seiner Gedichte und Essays konstruktiv mitwirken könnte. Diese noch zu entdeckende Vorgehensweise schwebt mir als richtungsweisende Strategie vor, die zur intensivierenden Förderung aller künftigen übersetzerischen Bemühungen ausschlaggebend beitragen sollte. Ich als leidenschaftlicher Liebhaber (= Philologe) des Deutschen glaube nämlich gar nicht an das Dogma des sogenannten „Muttersprachlers“. Das ist ein philologisch suspekter Irrweg der Translationswissenschaft und der gängigen Beurteilungspraxis. Die Sprache ist viel mehr als der jeweilige sprachliche Code, in welchen ein herkömmlicher Zeitgenosse hineingeboren wird. Ich vergleiche hierzu die Sprache mit der Orgel und möchte gerne alle mir zur Verfügung stehenden Register dieser begnadeten Königin des Wohlklangs beliebig ausprobieren.

Herr Muhamedagić, vielen Dank für Ihre inspirierenden Antworten.

 von Ines Hudobec, Vivian Kellenberger und Daniela Čančar

[1] Andy Jelčić: Begründung zur Verleihung des Übersetzerpreises des Kulturministeriums der Republik Kroatien für das Jahr 2011 vom 12. März 2012

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Newsletter

Blog

Übersetzungswürfel

Translating cube

Veranstaltungen

Events