Stanka HRASTELJ: Spielen, Romanauszug (Aus dem Slowenischen von Tjaša ŠKET

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 139/XXXV (Oktober 2014, Graz), 23. November 2014
4. 12. 2014

Spielen (Romanauszug)

Einleitung

Igranje (dt. Spielen): Im Roman geht es um innere Reminiszenzen der Heldin, die einen liebevollen Mann hat und nach der Kündigung auf einmal viel zu viel Freizeit. Obwohl sie jetzt endlich genug Zeit hat, Dinge zu machen, die sie immer schon machen wollte, erlischt ihr Interesse an der Außenwelt langsam. Der Zustand der Wachsamkeit geht allmählich in den Zustand des Träumens über. Die Heldin fühlt sich beobachtet, sie hört Stimmen, sie hat Angst vor Menschen, tut aber so, als ob nichts wäre. Alltägliche Situationen nehmen durch ihre seelische Verfassung beängstigende Ausmaße an. Man bewegt sich ständig zwischen Tragik und Komik.

ROSEN

Du hast etwas zugenommen, oder, kam die Bemerkung von Erik, als ich unter der Dusche war und er sich die Zähne putzte, vielleicht ein bisschen, ich habe mich nicht gewogen, erwiderte ich, obwohl ich es ganz genau wusste, ein Kilo siebzig, in einem Monat, seitdem ich nicht mehr arbeite und keinen Sport mehr treibe, ich vermisse den Sport ein bisschen, meine Arbeit vermisse ich mehr als alles andere auf der Welt, ich will aber meinen ehemaligen Arbeitskollegen nicht mehr begegnen, es ist besser so, ich komme schon auf irgendwas Individuelles, vielleicht Yoga, ich weiß nicht, ich muss mich erkundigen, ob noch was frei ist, es wird schwer, Februar ist ungünstig, da die Kurse schon längst angefangen haben, Erik, ist Polič-Ausstellung heute Abend? Ja, heute Abend, wir gehen aber nicht hin, um sechs ist Irenas Premiere, die Ausstellung läuft noch bis Mai. Irenas Vorstellung interessiert mich nicht im Geringsten, ich weiß, die haben eine Komödie inszeniert oder zumindest ein Melodrama, ein bewährtes System, ich hab keine Lust auf die Vorstellung, die Hauptrollen werden immer mit denselben Personen besetzt, mir geht durch den Kopf, dass wieder dieser ungelenke Mann mit dem Sprachfehler auf der Bühne stehen wird, das Publikum muss den ganzen Abend die Ohren spitzen, weil es ihn nicht versteht, nach der Vorstellung allerdings bekommt er dröhnenden Applaus, weil er ein lokaler Amtsträger ist, es folgen Reden von verschiedenen Vorständen und Vertretern, anschließend bedanken sich die Schauspieler bei allen der Reihe nach, den Sponsoren, den Unterstützern und auch beim Winzer, der für die Proben zwei Liter Cviček spendiert hat, bei den Hausfrauen, die für die Schauspieler etwas gebacken haben, bei einer Vereinskollegin, die für das Archiv ein paar Fotos gemacht hat, die Leute applaudieren, sind von allen begeistert, eine schlechte Vorstellung dehnt sich in eine exhibitionistische Parade aus, ich würde viel lieber zur Ausstellung gehen, ich schätze Polič, seine Arbeit verfolge ich schon all die Jahre, seit wir uns kennen, ich hätte mir aber nie gedacht, dass er sich so entwickelt, jede seiner Ausstellungen bringt mich zum Staunen, ich mag es, wie er verschiedene Farbschichten aufträgt, die oberen sind transparenter und decken die unteren auf und verhüllen sie zugleich, die Farben fließen nicht ineinander über, sie werden nicht vermischt, die Farbtöne modelliert er mit den unteren Farbschichten, ich kann seine Arbeit eigentlich nicht beschreiben, es handelt sich um figurale Kunst, die allerdings in Abstraktion übergeht, das gefällt mir, vor allem gefällt es mir, dass ich dabei erkenne, was er erforscht, wie sich seine Beziehung zum Raum verändert, ich weiß auch, dass er sich für diese Ausstellung besonders Mühe gegeben hat, er bewirbt sich für die Mitgliedschaft im Verband der slowenischen bildenden Künstler, lieber, viel lieber würde ich dem Kurator zuhören und mir die Bilder ansehen, als in der Schulkantine vor der Bühne zu sitzen, Erik, wenn wir uns früh genug auf den Weg machen, schaffen wir es, vor der Vorstellung noch einen Blumenstrauß für Irena zu besorgen.

Im Blumengeschäft trafen wir meinen Direktor, ehemaligen Direktor, er kaufte Rosen für seine Frau, ich stellte mir vor, er müsste kürzlich seiner Geliebten etwas viel Wertvolleres gekauft haben, möglicherweise gibt es eine Regel dafür, zwar unausgesprochen, das Geschenk für die Ehefrau sollte zehn Prozent des Wertes vom Geschenk für die Geliebte betragen, zehn Prozent, wie Trinkgeld also, zehn Prozent vom Rechnungsbetrag gibt man dem Kellner, aber Rosen sind nicht billig; hatte ihm die Geliebte gedroht, dass sie ihn verlassen würde? Es war unverschämt von mir so zu denken, vielleicht tat ich ihm Unrecht, vielleicht feierten seine Frau und er ihren Hochzeitstag oder ihren Geburtstag, ich merke, dass ich in böse Gedanken über Menschen verfalle, bei denen mich was stört, bei Irena finde ich nur schlechte Eigenschaften, deswegen kann ich mich auch nie für ihre Schauspielerei begeistern, obwohl man zugeben muss, dass sie wirklich schlecht ist, der Direktor ist ein ganz solider Mensch, ich habe ihm nichts vorzuwerfen, wir hätten uns nur guten Abend sagen können, wie geht es Ihnen, er hätte wirklich nicht sagen brauchen, dass sie mich vermissten, dass sie mich alle sehr vermissten, dass es nicht mehr dasselbe sei ohne mich, er hätte diese Worte überspringen können, auch die Frage, ob ich seinen Vorschlag überdacht hätte, hätte er auslassen können, ich hätte es lieber, wenn wir mit Erik woanders lebten, es ist äußerst unangenehm, ehemaligen Arbeitskollegen zu begegnen, nachts träumte ich, dass Erik ihn anruft, ihn bittet, anfleht, eine Stelle für mich zu finden, egal was, meinetwegen auch am Anmeldeschalter, bis sich was Besseres findet, ich weiß nicht, ob ich tatsächlich aufgeschrien habe, denn im Traum hatte ich geschrien, bis meine Stimmbänder platzten, ich geh nicht zurück, ich will nicht zurück, ich geh nie mehr zurück, Erik wachte auf, Marinka, es ist alles gut, sagte er, du hast nur geträumt, ich bin hier, schlaf weiter, am nächsten Tag konnte er sich an nichts mehr erinnern, deswegen weiß ich nicht, ob ich tatsächlich geschrien habe, der Blumenhändlerin sagte ich, was für einen schönen Blumenstrauß Sie für den Herrn gemacht haben, könnten Sie bitte genauso einen auch für uns machen?

Auszug aus dem Roman Igranje (dt. Spielen), Seite 9–12, © Založba Mladinska knjiga, 2012

 Einleitung und Übersetzung aus dem Slowenischen von Tjaša ŠKET, Rače/Slowenien

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