Svět knihy, die Prager Buchmesse

12. 7. 2014

Vom 15.05. bis zum 18.05. 2014 fand in Prag die Buchmesse Svět knihy auf dem Messegelände in Holešovice statt. Ein Großereignis, ein Literaturfestival mit reichem Rahmenprogramm, sowohl vor Ort im Industriepalast als auch im gesamten Stadtgebiet. Auftaktveranstaltung am Vorabend der Buchmesse war die Nacht der Literatur – Noc literatury. Hier standen ausländische, ins Tschechische übersetzte Titel im Mittelpunkt, die in diesem Jahr in Prag-Žižkov an besonderen Orten von Schauspielern vorgetragen wurden: Neben Kultkneipen und Restaurants wurde Literatur etwa im Jára-Cimrman-Theater oder im Bunker Parukářka gelesen. Eine besondere Kulisse bot das Viktoria Žižkov-Stadion, hier gab es einen Auszug aus Kapesní atlas žen (Kieszonkowy atlas kobiet, übersetzt von Martina Bořilová, Bára Gregorová, Jan Jeništa und Lucie Zakopalová; erschienen bei fra)  von Sylwia Chutnik zu hören, mit Blick auf die riesige leere Rasenfläche, die dahinter liegende schnöde Kehrseite der Žižkover Wohnhäuser, in denen auch Chutniks Figuren leben könnten, den erleuchteten  Fernsehturm – und über allem schien klar der Vollmond.

Gastland der diesjährigen Prager Buchmesse war Ungarn, dessen einladender Stand sich unübersehbar in der Mitte des großen Saales befand. Passenderweise erhielt das Buch Harmonia Caelestis von Péter Eszterházy die diesjährige Magnesia Litera für das beste übersetzte Buch (Übersetzung von Robert Svoboda, erschienen bei Academia). Dieser renommierte Preis wird in verschiedenen Kategorien verliehen und würdigt die besondere literarische Qualität der ausgezeichneten Bücher. Das Jahr 2014 steht im Zeichen des hundertjährigen Geburtstages von Bohumil Hrabal, dem auch während der Buchmesse eine Reihe von Veranstaltungen gewidmet war. Erwähnenswerte Stationen der diesjährigen Svět knihy war weiterhin die Ausstellung Didasko – učím slovem a obrazem. Aus Mangel an aus ihrer Sicht geeignetem pädagogischem Material gestaltete Božena Havlová in den 1940-er Jahren für ihre Söhne Ivan und Václav zweierlei Sammlungen von Bildern und Collagen: eine zum Alphabet (Abeceda) und eine zum Allgemeinwissen (Věda). Einige der ästhetisch ansprechendnen Tableaus waren im literarní sál im rechten Flügel zu sehen. Ebenfalls etwas fürs Auge sind die von Jiří Trnka illustrierten wieder und z.T. neu aufgelegten Bücher des Verlages STUDIO trnka – von Klassikern wie Míša Kulička und Broučci bis hin zu thematisch zusammengestellten Sammlungen von Kinderreimen und Sprüchen. Und schließlich die Antiquariats-Ecke. Im hintersten Winkel des linken Flügels gab es mehrere Regalwände voll mit „alten Schätzchen“, und zwar mit allem, was das bibliophile Herz begehrt: Vergriffenes, Zerlesenes, Kultiges, Vergessenes. Allein dafür muss der Besucher einen halben Tag einplanen!

Ausgezeichnetes und Neues

Sowohl im Vorfeld der Svět knihy als auch an den Messetagen selbst wurden einige angesehene Buchpreise verliehen. Neben der Magnesia Litera sei der Jiří Orten-Preis für junge Autoren unter 30 Jahren erwähnt oder die Auszeichnung Česká kniha, die besonders in Hinblick auf eine Vermarktung im Ausland auf erfolgsverheißende Bücher aufmerksam machen will. Hier eine Auswahl an Titeln, die bereits von sich reden gemacht haben oder die in anderer Weise aufgefallen sind:

Skutečná událost ([Eine wahre Begebenheit] erschienen bei Argo) von Emil Hakl erhielt die diesjährige Magnesia Litera in der Kategorie Prosa: Das eintönige Leben des Helden erhält neue Impulse durch die neue Bekanntschaft mit einer Frau, gleichzeitig durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der RAF. Beide Motive verflechten sich miteinander, aus seinem empfundenen totalen Frust über die ihn umgebende Gesellschaft gelangt der Held an den Punkt, wo es für ihn nötig wird zu handeln. Hakl (geb. 1958) ist einer der erfolgreichsten tschechischen Autoren der Gegenwart, sein neustes Buch Hovězí kostky [Rindswürfel], Erzählungen, die Hakl zwischen 1986 und 2014 geschrieben hat, ist gerade bei Argo erschienen.

Ebenfalls ein prämierter Prosatitel ist Dějiny světla ([Geschichte des Lichts] Česká kniha 2014; erschienen bei Host) von Jan Němec (geb. 1981). Es geht um das Leben und Wirken des bedeutenden tschechischen Fotografen František Drtikol (1883-1961), der sich etwa ab den 1930-er Jahren den fernöstlichen Philosophien widmete und sowohl deren Standartwerke übersetzte als auch zu den ersten tschechischen Buddhisten zählt – von der Suche nach dem Licht der Bilder zur Suche nach dem Licht der Erkenntnis. Die eher ungewöhnliche Erzählform in der zweiten Person über 486 Seiten fügt sich gut in den Erzählstil, abgerundet wird alles durch den wohl recherchierten komplexen historischen, philosophischen und technischen Hintergrund.

Das Erstlingswerk von Jakub Dotlačil (geb. 1979) Jiné životy Hynka Harra [Die anderen Leben des Hynek Harr] ist erst kürzlich bei Host erschienen: Prag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist die Zeit der nationalen Wiedergeburt, tschechische Gesellschaften und Kreise schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Titelheld, der bis dato ein unaufregendes bürgerliches Dasein als Lehrer in Erwartung seiner baldigen Vermählung führt, gerät zufällig in eine Sitzung der Ersten böhmischen parapsychologischen Gesellschaft, wodurch sein Leben eine unerwartete Entwicklung nimmt. Als telepathisches Medium wird er zu einer wichtigen Figur der preußisch-österreichischen Diplomatie, bis der Konflikt zum Krieg wird. Zu diesem reizvollen Sujet gesellt sich eine neutrale aber pointierte und gleichzeitig unorthodox moderne Sprache.

Žena lamželezo a polykač ohně [Die Eisenbiegerin und der Feuerschlucker] von Stanislav Beran (geb. 1977) ist ebenfalls bei Host erschienen und wurde für die Česká kniha nominiert. In seinem Erzählband nimmt der Autor „Bodenproben aus dem Leben unserer Gegenwart“ (Kopáč, Šofar), namentlich beschreibt er in düstersten Farben episodenhaft Land und Leute in Nordböhmen. Der Leser erhält jeweils einen kurzen aber intensiven Eindruck aus dem Leben von gebrochenen und gleichzeitig erstaunlich zählebigen Existenzen: angespannte zwischenmenschliche Beziehungen, Abrechnung mit der Vergangenheit, Schicksalsschläge. Gerade durch die Einfachheit in Sprache und Darstellung von Situationen und Helden wird die Handlung der einzelnen Episoden stark in Szene gesetzt.

Das Erstlingswerk von Jonáš Zbořil (geb. 1988), der Gedichtband Podolí ([Podolí] erschienen bei Host),  wurde von der Jury der Litera Magnesia mit folgender Begründung für die Kathegorie objev roku nominiert:  Jonáš Zbořil  habe einen Text geschrieben, der nur einmal im Leben gelinge. Es geht um Erwachsenwerden und Tod, Verarbeitung des Verlustes eines nahestendenen Menschen, Erinnerungen an Prag und gemeinsam Erlebtes. Das Leitgedicht Bazén v Podolích (in Prag-Podolí befindet sich das größte Schwimmbad der Stadt) vereint diese Momente sowie das Wasser und die Bewegung darin als zentrales Motiv: eintauchen, untertauchen und wieder daraus hervorgehen. Form und Sprache der Gedichte bleiben dabei schlicht und bisweilen prosaisch.  Für Podolí erhielt Jonáš Zbořil den diesjährigen Jiří Orten-Preis.

Kateřina Rudčenková (geb. 1976) hat bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht und zählt zu den allseits anerkannten lyrischen Stimmen in Tschechien. In diesem Jahr erhielt sie für Chůze po dunách ([Gang über Dünen] erschienen bei fra) die Magnesia Litera in der Kathegorie Poesie. Der Gang über die Dünen meint metaphorisch den Gang durch das Leben, über nachgebenden Sand und sich ständig  neu formende Dünen. Die Gedichte erzählen von ebensolchen, für das Leben typischen Momenten –  Erwartung der Erfüllung und daraus resultierende Enttäuschung oder aber auch Erleichterung über entlarvte Illusion. Neben der abstrakt-philospohischen Ebene gibt auch konkretes, durch eine sehr rhythmische und klangvolle Sprache zum Ausdruck gebrachtes, sinnliches Erleben, etwa auch durch die auffällig häufige Nennung von Farben.

Zum seinem Hundertjährigen wurden nicht nur sämtliche Werke Bohumil Hrabals (1914-1997) bei Mladá fronta neu aufgelegt, es erschienen auch Bücher über diesen Jahrhundertautor der tschechischen Literatur. Eines ist Hlučná samota ([Laute Einsamkeit] kürzlich erschienen bei Mladá fronta) von Petr Kotyk/ Světlana Kotyková/ Tomáš Pavlíček. Eine Erzählchronik, im wahrsten Sinne des Wortes von Format, die dem Leser anhand von zahlreichen Fotos und Dokumenten das Leben und den Menschen Hrabal näher bringt und durch Textauszüge gleichzeitig einen Eindruck von seinen bekannten aber auch weniger bekannten Werken vermittelt.

David Böhm (Illustrationen) / Ondřej Buddeus (Text): Hlava v hlavě ([Kopf im Kopf] erschienen bei Labyrint) erhielt die diesjährige Litera Magnesia in der Kathegorie Kinder- und Jugendliteratur. In diesem Buch geht es um Köpfe: Betrachtet unter den verschiedesten Aspekten, von naturwissenschaftlich- anatomisch bis hin zu phantasievollen Spielereien mit Formen und Bezeichnungen, jeweils immer ansprechend und geistreich von David Böhm illustriert und mit zahlreichen „Extras“ versehen, die ein völlig neuartiges Leseerlebnis garantieren.

von Daniela Pusch

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