Tomasz RÓŻYCKI: Bestiarium, Romanauszug (Aus dem Polnischen von Marlena BREUER)

Erstveröffentlichung in: LICHTUNGEN 136/2013 (Graz), Dezember 2013, 28. Januar 2014
28. 1. 2014

Einleitung

Der Protagonist der Romans wacht in der Nacht auf, in einer ihm unbekannten Wohnung. Er hat schrecklichen Durst. Auf der Suche nach Wasser und seinem Zuhause durchquert er die Stadt und findet sich plötzlich in einem Haus wieder. Dort trifft er Mitglieder seiner phantasmagorischen Familie an, bekommt einen Schlüssel und macht sich mit diesem auf zu einer geheimen Mission durch das Gewirr der Keller unter der Stadt.

Über den Autor.

 I

In jener Nacht war ich aufgewacht mit dem Gefühl, dass mein Leben eine halbe Drehung gemacht und die Welt plötzlich mit Knirschen und Gepolter angehalten hatte. Die Uhr eilte noch ein bisschen weiter, rikitikitak, die Macht der Gewohnheit, danach trat Stille ein, und nur ein Schatten huschte wie ein Dieb über die brandgeschwärzte Wand.  Die Nacht war violett und schwer.

Ungemütliche Stille, nur die Verdauungsstimmen aus dem System, einzig das Rumpeln der Därme, Gurgeln im Bauch, das schmerzliche Knarren der Haare, wie wogender Mais auf verdorrtem Feld, die ausgetrocknete Zunge scheuert an der Kehle, Bimsstein und Stachelkies, rissiger Asphalt.

Ich wachte auf mit tauben Gliedern, mitten in der Stadt, an einem ungemütlichen und engen Ort – und erhob mich, nicht ganz bei mir, als risse ich mich von etwas los. Und ich begriff, dass ich mich nach wie vor im Traum befand, als ob die Nacht noch ganz auf mir läge, glucksend und schnurrend.

Ich wusste nicht genau, wo ich war. Der Stuhl, die Wand, die Decke waren bekannt und unbekannt, wie im Traum. Das Bett meines und nicht meines zugleich, meine und nicht meine Tür. Verwischt, ungewiss, ohne klare Konturen.

Ich erwachte, als hätte jemand gerufen, mit tauben Gliedern, gleich fehlte mir ein Arm, ein Bein oder ein anderer, unbekannter Körperteil. Ich warf das Gewicht der Nacht von mir ab, und das Dunkel rollte sich mit einem Seufzen auf den Fußboden. Ich erhob mich aus der Asche des Bettzeugs, befreite mich aus den Schnüren, den Kokons und Fäden. Getrieben vom Druckunterschied zwischen Schlaf und Wachzustand, einem Platschen im Kopf, einem schrecklichen Durst, machte ich mich auf den Weg in die Küche, um Wasser zu suchen.

Weniger jedoch auf den Beinen, denn die fühlte ich nicht, eher anders, ohne klare Vorstellungen wie, mehrmals stürzend auf dieser kurzen Strecke. Mein Körper dürstete wahnsinnig nach Wasser, er wollte aufleben. Dieser Traum war offenbar erhebend, aber beunruhigend.

Als ich aufstand stieß ich an undefinierbare und unerwartete Gegenstände, Tisch, Fußboden, Schwelle, Schränkchen und Kommode, als hätte sie jemand hingestellt, wahllos, zahllos, aus Bosheit.

Ich kam in der Küche an, stieß an das Spülbecken, und es antwortete mir mit dem hohlen Stöhnen einer geplagten Seele. Also drehte ich den Wasserhahn auf, aber dieser röchelte nur, krähte und gluckste, gackerte und zischte, knurrte und rasselte, verbog sich und ruckte, und endlich, mit einer gequälten Konvulsion, ließ er einen einzigen Tropfen heraus, der mit schrecklichem Dröhnen in den Schlund des Spülbeckens fiel, zwischen die Stapel von Geschirr, schmutzigen Telernr, fettigem Besteck, zwischen die Töpfe, Tassen, Becher, zwischen Gläser, Löffel und Platten, dorthin, in den Abgrund, auf den Boden des Verlustes, und verschwand, geschluckt vom Nichts, bevor ich es schaffte, eine halbe Bewegung auszuführen, angewurzelt, wie verzaubert.

Beim leeren Geräusch des Falles zuckte die Finsternis, die ganze Wohnung hüpfte leicht auf, und die Dunkelheit zuckte zusammen und die Unterwäsche blitzte für einen Moment, für einen Moment zeigte sich die Nacktheit, für ein augenblickkurzes Aufblitzen. Und bevor ich begreifen konnte, was ich gesehen hatte, schloss sich die Nacht wieder.

Es war so, als ob ein Tanz im Gange wäre, aber bewegungslos, in den anderen Zimmern, hinter dem dunklen Vorhang, und dort glänzte wirbelnd die silberne Kugel, und ein Rhythmus war zu hören, schrrrr, er verließ mich nicht, seit ich die schweren Lider gehoben hatte. Ich feierte noch ein bisschen alleine weiter, unbedeutend, leise, unbemerkt, innerlich tanzend, irgendein Fest dauerte in mir immer noch an, es gluckste, das verdaute Fest, das die Phase des Aufstoßens erreicht hatte.

Dabei weiß ich nicht einmal, was hier stattgefunden hat. Und der Mond scheint, scheint blass, aber hartnäckig und tötet mit Licht, durchbohrt mit seinem Strahl. Alles hier ist wie in einem Totenhaus, hingemetzelt vom Mondlicht, versilbert, denaturiert, kalt.

Auf dem Boden liegen Körper irgendwie zusammengeknäuelt, leicht stöhnend, Beine und Arme, spürbarer Herzschlag, Zittern, Schnarchen. Etwas gluckert in ihnen, irgendeine unterirdische Sprache schwillt an, aus der Tiefe, aus dem Bauch heraus. Ein Tiefendiskurs, denn in diesem Knäuel erkenne ich sicher einen Lehrkörper und einen akademischen Körper, und ihr Diskurs dort dauert an, brummelt etwas. Der Mond besabbert sie mit seinem Licht und schaut in ihre Lücken, ihre Pausen, lässt Attribute und Pronomen klingeln. Mit seinem Leichenlicht röntgt er sie, die silberne Nadel tötet, durchsticht, enthüllt ihre inneren Windungen, das innerliche Gären. Weg hier!

Und plötzlich ich, Magister der  Fremdsprachlichen Philologie, in einer fremden Wohnung, in dieser Lage, mit Kampfspuren auf der Kleidung. Kennenlernabend? Integration des Lehrkörpers. Was, verdammt noch mal? Was wird meine Frau dazu sagen? Meine Kinder? Wo sind sie jetzt? Um vier in der Früh hat mir die Welt einen ordentlichen Streich gespielt und mich reingelegt, mich in ein Wunder hineingelegt. Als ob ich immer noch besoffen wäre, als ob ich unbekannten Stoff geraucht hätte.

Ich war im Traum und alles Absurde wurde möglich, das Absurde wurde Normalität.

Ein Mondstrahl fiel auf die zitternde Scheibe in der weißlichen Anrichte, und ich sah die Küche und Wohnung, die mir bekannt waren, aber gleichzeitig konnte ich nichts wiedererkennen.

Wer hatte hier so einen Dreck gemacht? Warum stand da eine Reihe von Flaschen, aber alle leer? Ich schaute in jede einzelne hinein, vielleicht war doch noch ein Tropfen unten drin, doch nein, nichts, jemand hatte alles geleert. Dasselbe in den Vasen mit den schon lange vertrockneten Blumen, leer die Karaffen, im Kühlschrank sechsfarbige Schimmelpilze auf Packungen, Gläsern und in den Dosen, und nichts zu trinken, kein Tropfen Wasser.

Und Leere in den Schränken, in den Regalen, in der Speisekammer. In dem mit Kalkrändern und Riffen überwachsenen Badezimmer ebenfalls nichts, kein Tropfen Wasser, keine Spur von Beschlag auf dem Spiegel, nicht einmal Feuchtigkeit auf der Fensterscheibe, auf den Rohren, nicht ein einziger rostiger Tropfen, der versteckt hinter dem Rohrbogen des Waschbeckens leuchtet, auf dem Duschsieb. Ich robbte also zum Hahn des Waschbeckens, dieses Mal vorbereitet, mit herausgestreckter Zunge, um den fallenden Tropfen gleich aufzufangen.

Es war klar, dass ich es mit einer boshaften Störung der Wasserleitung zu tun hatte, irgendwo dort unter der Erde, unter dem Sand, dem Gehweg, unter Lehm und Ton, war etwas passiert – Korrosion hatte das Metall angefressen, der Stein hatte es gesprengt und das Rohr war geplatzt, Wasser war geflossen und hatte die benachbarten Keller überflutet. Also auf allen Vieren mit vorsorglich herausgestreckter Zunge. Zum Wasserhahn, und im Wasserhahn ein merkwürdiges Röcheln, Würgen und Dröhnen, Gluckern und Poltern, Schmatzen und Krachen, aber kein einziger Tropfen.

Er knurrte, zischte und pfiff. Und ich spürte, dass er, statt Wasser zu spucken, durch einen starken Unterdruck gewaltsam die Luft einzusaugen begann, und da ich mit der Zunge seine Öffnung verstopft hatte, saugte er meine Zunge ein. Vergeblich riss ich mich nach hinten, um mich zu retten, die Kraft des Wasserhahns war mächtiger, ich spürte meine Zunge hineingezogen vom Gähnen sämtlicher Wasserleitungen, von Tausenden Metern Kanalisation, einem Gewirr von Rohren, einem Spinnennetz von Röhrchen, Rohrbögen, Ventilen, Boilern, Wannen, Reservoirs, Badezimmern, Pissoirs und Schwimmbädern.

 Einleitung und Übersetzung aus dem Polnischen von Marlena Breuer

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